Marianisch sein oder nicht sein

Gisbert Greshake beleuchtet die Bedeutung der Muttergottes für das katholische Kirchenverständnis. Von Klaus-Peter Vosen

In das Jahr 2017, in dem des 500. Jahrestages des Beginns der Reformation gedacht wird, fällt zugleich das hundertjährige Jubiläum der Marienerscheinungen von Fatima. Für das ökumenische Bemühen unserer Tage, das wie ein Echo auf den Gebetswunsch des Herrn ist, dass „alle eins sein mögen“, ist von Fatima her sicher der Hinweis gegeben, die bleibende und hohe Bedeutung der Gottesmutter für die Christenheit keinesfalls zu übersehen. Kirche kann nicht ohne Maria sein. Das bringt schon der Titel des neuen Buches von Gisbert Greshake zum Thema Maria – Ecclesia markant ins Wort. Er lautet: „Maria ist die Kirche“.

Der spätere Benedikt XVI. dürfte ja recht haben, wenn er einen „Kollaps in der Mariologie“ im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils konstatierte. Greshake ist der Meinung, dass eine „minimalistische, um nicht zu sagen: ganz fehlende positive Einstellung zu Maria … (auch) eine Folge“ dieses Konzils sei, „das ungewollt, aber faktisch den besonders seit der Neuzeit in der katholischen Kirche herrschenden Überschwang in Sachen Maria kräftig reduzierte“. Gewisse krisenhafte Erscheinungen in der Kirche, die seit Jahrzehnten zu bedauern sind, manche Fehlentscheidungen, die vor Augen liegen, können leicht erklärt werden, wenn die in Greshakes Titel aufgestellte Gleichung stimmt: Durch eine Vernachlässigung des Marianischen hat sich die Kirche im letzten gegen sich selbst, gegen ihr Innerstes gewendet – und das muss weitreichende und ungute Konsequenzen haben.

Die Gottesmutter in Parallele zur Kirche zu setzen, ist keine neue theologische Idee. Sie ist bereits bei Theologen der christlichen Frühzeit zu finden. Jenen, denen die Gnadenvorzüge der Gottesmutter dagegen zu schwierig nachzuvollziehen oder lebensfremd erscheinen, ist der Zugang zu Maria über ihre ekklesiale Bedeutung, der vielleicht einfacher wäre, auch eigenartig verschlossen, vermutlich weil er in der kirchlichen Verkündigung keine Rolle spielt, sich aber auch in der kirchlichen Lebenswelt nicht abbildet. Greshake schreibt: „Eben dieser Gesichtspunkt fällt … im derzeitigen kirchlichen Leben weithin aus“. Mit seiner neuen Publikation will er an diesem beklagenswerten Zustand etwas ändern. Das hier rezensierte Buch ist die Kurzfassung einer umfassenderen Studie, die Greshake unter dem Titel „Maria – Ecclesia. Perspektiven einer marianisch grundierten Theologie und Kirchenpraxis“ 2014 vorgelegt hat.

Nach einer Betrachtung des Schriftzeugnisses und des theologischen Befundes zum Thema folgen in Greshakes „Maria ist die Kirche“ theologisch-systematische Überlegungen. In einer Zusammenfassung am Ende des Buches begründet der Autor präzise, warum Maria die Kirche „ist“. Einmal ist die Gottesmutter „Zusammenfassung, Ausdrucksgestalt und Repräsentantin der Kirche …, eine ,Beziehungsgröße‘ (corporate personality), insofern alle mit ihr und damit auch untereinander verbunden sind und mit ihr das eine bräutliche Gegenüber zu Christus, dem Bräutigam, bilden“. Zum anderen sind „Grund- und Wesenszüge von Maria und Kirche gleich …; – Maria ist die Glaubende – die Kirche ebenso; – sie empfing den Gottessohn – so auch die Kirche; – sie bringt als Mutter Christus zur Welt – nicht weniger auch die Kirche, welche Glieder am Leib Christi und damit den ,Christus totus‘ gebiert; – Maria wirkt am Heilswerk Gottes … mit – auch die Kirche ist dazu berufen“. Interessant sind nun aber besonders die „kirchenpraktischen und spirituellen Konsequenzen“, die Greshake aus seinen theologischen Einsichten über die Einheit von Maria und Kirche zieht.

Wenn Marias Glaube, so Greshake, „reine Hingabe“ an den Gott ist, der für die Menschen da sein will, dann „bedarf die derzeitige faktische kirchliche Glaubensverkündigung und -praxis einer wirklichen Erneuerung“ im Sinne einer Konzentration auf das Wesentliche: „auf das Offenbarsein der Liebe Gottes und auf eine Lebenspraxis, die dieser Mitte entspricht – im Bemühen um Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung, in der barmherzigen Zuwendung zu den Kleinen, Marginalisierten und Lebensuntüchtigen“.

Mit Recht findet der Autor es alarmierend, dass viele junge Leute eine stärkere Affinität zum Islam entwickeln als zum Christentum, weil ersterer sich nach Lehre und Glaubenspraxis als „einfacher“ präsentiert. Hierauf wird noch einzugehen sein. Maria ist sodann jene, an deren Gestalt und Vorbild Greshake zufolge ganz klar wird, dass die Kirche die Empfängerin von Gottes Heil ist, dass sie letztlich also nicht etwa vermittels geschickter Pastoralpläne selbst Heilserzeugerin“ wird. Ferner hat Maria Christus zur Welt gebracht; das ist darum nach Greshakes Gleichung: „Maria ist die Kirche“ auch die Aufgabe der letzteren in jedem Einzelnen ihrer Glieder. Hiermit unterstreicht er, dass die grundlegende Missionierung durch ein immer leuchtenderes und glaubwürdigeres christliches Zeugnis des Einzelnen geschieht. Gerne wird man dem Verfasser in diesen Überlegungen folgen und hierin gute Impulse für die Kirche unserer Zeit sehen. Mit Blick auf Maria ist auch Greshake wie Balthasar der Überzeugung, dass Kirche nicht ausschließlich „Institution“ sein darf.

Verschiedentlich schießt Greshake aber auch über das Ziel hinaus, etwa wenn es heißt, dass es neben dem christlichen Lebensvorbild keiner „,zusätzlichen‘ Akte der (Neu-) Evangelisierung und Missionierung“ bedürfe, ja dass diese „eher kontraproduktiv“ seien. Das kann etwa bezüglich der Weltjugendtage keinesfalls bestätigt werden. Sie haben auch in abständigen Bevölkerungskreisen ein positives Klima für Glaube und Kirche erzeugt. Hier wurde in vielen Fällen vielleicht erst einmal der Blick von Menschen für das christliche Lebenszeugnis in ihrer Umgebung eröffnet.

Vielleicht wurde man von hierher erst einmal neu sensibel dafür, dass die Nachbarin nicht deshalb allsonntäglich in die Kirche geht, weil sie „komisch“ wäre und der Kommilitone mit seiner Freundin nicht deshalb erst nach der Hochzeit Sex haben will, weil er als hoffnungslos „verklemmt“ zu gelten habe, sondern aus einer viel tiefergehenden Motivation heraus. Und wenn Gershake ein jahrzehntealtes Wort von Karl Rahner zitiert, dass der katholische Christ doch eigentlich sich nicht in zu vielen Details des Glaubens verlieren dürfe und besser die ganz grundlegenden Fragen des Glaubens – zum Beispiel die Erlösungslehre – „realisieren“ müsse, kann man wohl mit Recht konstatieren, dass hier unsere Zeitsituation verfehlt wird. Wo ist denn heute die Detailkenntnis des Katechismus? Glaubenswissen insgesamt tendiert heute bei vielen gegen Null! Umfassende Glaubensvermittlung tut not, die natürlich bei den grundlegenden Wahrheiten zu beginnen hat. Doch auch auf die anderen Inhalte des Katechismus darf nicht deswegen verzichtet werden, weil sie für unsere Tage vielleicht vordergründig als zu kompliziert betrachtet werden. „Einfachere“, zugkräftigere Weltanschauungen mögen zwar leichter Anhängerschaft hinter sich bringen als solche, die zuerst anspruchsvoller und „komplizierter“ erscheinen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie das ultimative Heil für die Menschheit beinhalten. Gerade im politischen Bereich hat sich dies wieder und wieder gezeigt. In der „Konkurrenz“ mit dem Islam in der jüngeren Generation wäre dem Christentum sicher die stärkere Herausstellung der fundamentalen Inhalte und Forderungen seines Bekenntnisses hilfreich. Was aber noch stärker ins Gewicht fiele, wäre die Vermittlung der Überzeugung, dass Christen in Treue und Konsequenz zu ihrem ganzen Glauben stehen, weil ihnen die Fülle dieses Glaubens teuer, kostbar, unaufgebbar ist. Genau hierin aber mangelt es vielfach. Ein Verschweigen dessen, was man für „unzumutbar“ hält, macht nichts besser. Wie übrigens erfahrene Seelsorger bestätigen, findet das am Glauben zunächst schwierig Erscheinende durch eine gründliche, originelle, überzeugte Katechese manchmal geradezu überraschende Akzeptanz.

Man wird das Maria-Kirche-Buch von Gisbert Gershake also in dem einen oder anderen mit Recht kritisieren können, man wird es meist nicht gänzlich ohne Widerspruch lesen. Doch andererseits vermittelt es glaubwürdig die tiefgegründete Überzeugung, dass die Kirche ohne Maria nicht zu denken ist.

Gisbert Greshake: Maria ist die Kirche. Aktuelle Herausforderung eines alten Themas. topos plus, 2016, 175 Seiten,

ISBN: 978-3-8367-1081-7, EUR 9,95