Mahnen aus dem Geist des Evangeliums

Der Vorsitzende der Kolumbianischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Barranquilla, Rubén Salazar Gómez, zur Situation der Kirche in Kolumbien Von Anja Kordik

Exzellenz, wie würden Sie die Rolle der katholischen Kirche als Institution im gesamtgesellschaftlichen Kontext Kolumbiens beschreiben?

Der wesentliche Vorteil der kolumbianischen Kirche ist ihre starke Präsenz im ganzen Land. Sie ist die einzige Institution, die wirklich jeden kleinen Ort bis in den entferntesten Winkel Kolumbiens erreicht. Als Kirche in der Gesellschaft da zu sein, bedeutet für uns immer zugleich auch, für die Armen da zu sein, also gelebte Solidarität mit den Menschen am Rande der Gesellschaft. Wenn wir das Evangelium bis ins letzte Dorf zu den Menschen bringen, wollen wir damit die großen Werte der Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit und des Friedens in die kolumbianische Gesellschaft hinein vermitteln. Ein Schwerpunkt kirchlicher Arbeit in Kolumbien ist zum Beispiel die Arbeit mit den sogenannten „Binnenflüchtlingen“: Als Folge des andauernden Konfliktes gibt es in Kolumbien etwa vier Millionen Vertriebene. Durch ihren Einsatz für diese Menschen gewinnt die Kirche gesamtgesellschaftlich an Überzeugungskraft.

Wie werden die kirchlichen Hilfen koordiniert?

Die kolumbianische Bischofskonferenz unterhält eine besondere Abteilung, das „Nationale Sekretariat für Sozialpastoral“. Dort werden alle kirchlichen Hilfsprogramme aufeinander abgestimmt. Die Mitarbeiter der Sozialpastoral verfügen über Kompetenz in unterschiedlichen Fachbereichen. Viele von ihnen haben eine spezielle psychologische Ausbildung im Bereich der Traumaarbeit, um Opfer von Gewalt entsprechend begleiten zu können. Unsere Mitarbeiter unterstützen die Vertriebenen auch beim Aufbau neuer Gemeinschaften, bereiten Menschen darauf vor, innerhalb ihrer sozialen Gruppen neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Dabei setzen sie unmittelbar vor Ort, das heißt, an der Basis, an. Neben der direkten Nothilfe geht es auch um längerfristige Perspektiven, besonders in Fällen, in denen Vertriebene auf lange Sicht nicht in ihre Ursprungsregionen zurückkehren können und sich andernorts ihre Existenz neu aufbauen müssen.

Welchen Beitrag leistet die Kirche für den Friedensprozess in Kolumbien?

Wir haben als Kirche ein Gesamtprogramm zur Förderung von Frieden und Gerechtigkeit entwickelt. Ein Teil dieses Programms sind die sogenannten „Schulen für Frieden und Zusammenleben“, auch „Schulen für Demokratie“. Damit werden kirchliche Schulungen bezeichnet, welche soziale Kompetenzen gerade in den kleinen Dorfgemeinschaften stärken sollen. Diese sollen befähigt werden, sich selbst zu organisieren, um so längerfristig zu einer aktiven Teilhabe am gesamtgesellschaftlichen Leben unseres Landes gelangen zu können. Mit unseren „Schulen der Demokratie“ erreichen wir immerhin 600 der rund 1 100 Gemeinden unseres Landes. Aber auch auf nationaler Ebene verfolgen wir als Kirche die politisch-gesellschaftliche Entwicklung Kolumbiens. Wir sind bemüht, verschiedene Einflussfaktoren – soziale, politische, ökonomische und kulturelle – gründlich zu analysieren. Als Kirche wollen und müssen wir ganz dicht am Puls der Gesellschaft sein. Wir beobachten auch alle Maßnahmen von Exekutive und Judikative, damit wir bei wichtigen nationalen Entscheidungen Rat und Orientierung geben können. Auf diese Weise wollen wir zur Gestaltung einer wirklich gerechten Politik und zur integralen Entwicklung von Staat und Gesellschaft in Kolumbien beitragen.

Hat die kolumbianische Kirche Fortschritte erzielt als Vermittlerin im innerstaatlichen Konflikt?

Bisher leider nein. Trotzdem sind wir weiterhin davon überzeugt, dass eine dauerhafte Befriedung nicht mit militärischen Mitteln zu erreichen ist, sondern nur durch einen Dialog aller Konfliktparteien. Nicht zuletzt sind auch fundamentale Sozialreformen zur Befriedung unseres Landes notwendig. Als Kirche werden wir nicht aufhören, uns für eine Verhandlungslösung einzusetzen, auch wenn wir bisher noch keine konkreten Fortschritte erzielen konnten. Im Gegenteil: In den letzten Jahren haben sich die Perspektiven für einen Dialog sogar verschlechtert. Auch im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen hat keiner der beiden Kandidaten, weder der konservative Wahlsieger, Juan Manuel Santos, noch sein Kontrahent Antanas Mockus, wirkliche Verhandlungsbereitschaft erkennen lassen. Doch als Kirche dürfen wir nicht zulassen, dass die Sprache des Militärs das letzte Wort behält. Wir müssen nach neuen Wegen der Annäherung suchen und eine wirklich konzertierte Lösung schaffen, welche die Gesamtproblematik unseres Landes in den Blick nimmt.

Auch innerhalb der katholischen Kirche Kolumbiens gibt es zahlreiche Opfer der Gewalt – das wohl prominenteste war 2002 der Erzbischof von Cali, Isaias Duarte Cancino. Wie geht die Kirche mit den Erfahrungen vielfältig erlittener Gewalt um?

Die Gewalt trifft alle Bereiche unseres Landes; es kann darum nicht überraschen, dass auch kirchliche Vertreter Opfer werden. In vielen Teilen unseres Landes ist der Einsatz der katholischen Kirche für die ärmsten und marginalisierten Gruppen den Akteuren des Konflikts ein Ärgernis, weil dieses Engagement ihren Interessen entgegensteht. Darum müssen kirchliche Vertreter jederzeit damit rechnen, Gewaltandrohungen ausgesetzt zu sein und vielleicht sogar ermordet zu werden. Trotz aller Einschüchterungsbemühungen versuchen wir aber, unsere Arbeit fortzusetzen und allen Aggressionen zu widerstehen. Viele Mitarbeiter unserer Kirche durchleben täglich sehr schwierige Situationen, lassen sich jedoch nicht beirren.

Was erwarten Sie, wie sich die Beziehungen zwischen Kirche und Staat unter der neuen Regierung entwickeln werden?

Ich hatte bereits Gelegenheit, mit dem nun gewählten neuen Präsidenten Santos zu sprechen, als dieser noch Kandidat war. Und ich hoffe, dass ich den damit begonnenen Dialog nach seinem Amtsantritt am 7. August werde fortsetzen können. Bei unserem ersten Treffen habe ich Santos allerdings schon deutlich gemacht, dass wir als Kirche auf einer Dialoglösung beharren und die vollständige Aufklärung aller Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien erwarten. Das gilt vor allem für die zahlreichen Fälle der sogenannten falsos positivos, der „gefälschten Erfolge“, wo Opfer von Übergriffen durch Militärs als tote Guerilleros ausgegeben wurden. Santos hat bei unserem Gespräch positiv reagiert. Ich hoffe, dass ihm klar ist: Ohne eine völlige Aufklärung aller Verbrechen kann es keine Versöhnung in unserem Land geben.

Wie kann die kolumbianische Kirche ihre moralische Autorität innerhalb der Gesellschaft weiter stärken?

Ich bin überzeugt, dass der Kirche Kolumbiens auch in Zukunft Ansehen und Autorität vor allem aus ihrer konkreten Arbeit mit den Armen zuwächst. Wesentlich ist auch, dass sie gegenüber der Politik weiterhin als Mahnerin aus dem Geist des Evangeliums auftritt. Die Kirche muss die Politik daran erinnern, welche konkreten Handlungsmaßstäbe sich etwa im reichen Spektrum der katholischen Soziallehre finden. In dieser Richtung wollen wir als Kirche unsere Arbeit fortsetzen und uns jeden Tag aufs Neue und jeden Tag mehr mit unserer ganzen Kraft für die Gestaltung einer sozial gerechteren Gesellschaft in Kolumbien einsetzen.