„Liturgie heißt: Gott agiert“

Was bleibt zehn Jahre nach dem Motu proprio Summorum pontificum zur Reform der Liturgie zu sagen? Ein Disput zwischen dem Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Gerhard Müller und dem Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach. Von Regina Einig und Oliver Maksan

Eminenz, Papst Benedikt wollte, dass sich beide Formen des römischen Ritus gegenseitig befruchten. Was bedeutet das konkret?

Kardinal: Diese Befruchtung muss darin bestehen, dass der Geheimnischarakter der Liturgie deutlich bleibt und aus der Liturgie keine funktionale Veranstaltung wird. Wir wissen, dass bei der Durchführung der Liturgie-Reform nicht alles so in die Praxis umgesetzt worden ist, wie es die Konzilsväter vorgesehen hatten. Insofern wollte Papst Benedikt durch diese Betonung der gewachsenen Form bis 1962 auch eine gewisse Korrektur bilden. Insofern kann man bei manchen Einzelelementen überlegen, ob sie auch wohlgesetzt waren; etwa, was der Friedensgruß bedeutet und ob er nicht dezenter ausfallen kann.

Können Sie Beispiele für eine Praxis nennen, die nicht dem Willen der Konzilsväter entspricht?

Kardinal: Dass etwas getan wird mit überlieferten oder neu erfundenen Zeichen, Symbolen und Gesten, durch die Menschen Menschen beeindrucken wollen. Der Grundansatz ist bei manchem falsch, der sich selbst als Urheber und Subjekt dieser Abfolge von Riten und Worten sieht. Liturgie heißt aber: Gott agiert, Gott geht uns in seiner Gnade voran, und wir treten ein. Auch in der Musik gab es viel Aktionismus, nicht alle Instrumente passen für die Liturgie. Das Chaotische, das Sinnlose kann nicht in sakraler Musik ausgedrückt werden, denn das Glaubensgeheimnis ist weder chaotisch noch sinnlos.

Herr Mosebach, haben sich die Erwartungen erfüllt, die mit Summorum pontificum verbunden waren?

Mosebach: Papst Benedikt hat seine Rolle als Versöhner gesehen. Die Anhänger der Tradition und die Anhänger des progressistischen Flügels haben gleichermaßen die Auffassung vertreten, dass es mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Mess-Reform zu einem wirklichen Bruch mit der Tradition gekommen sei. Von Seiten der Lehre wurde zwar noch an der Opferauffassung festgehalten, aber in der Praxis vielfach nicht mehr: Wir feiern jetzt das Mahl. Papst Benedikt wollte über eine solche Konfrontation hinwegkommen, indem er für eine Hermeneutik der Kontinuität votierte und sagte: Alter und neuer Ordo sind derselbe Kult in zwei Formen. Für alle, die sich auf ihre Augen und Ohren verlassen, war das eine kühne These. Ich sehe darin eine diplomatische Formel, die helfen sollte, den offensichtlichen Bruch zu heilen. Papst Benedikt äußerte dann die Hoffnung, alter und neuer Ordo könnten sich unter dieser Voraussetzung gegenseitig beeinflussen, um vielleicht nach dem hegelianischen Modell einer Dialektik von altem und neuem Ordo zu einer Synthese zu gelangen. Das würde freilich voraussetzen, dass der alte Ordo an sehr vielen Orten gefeiert wird – sonst könnte eine fruchtbare Auseinandersetzung mit ihm kaum stattfinden. Und außerdem müsste man akzeptieren, dass der alte Kult sich nicht ändern kann – es müsste dann wohl der Novus Ordo sein, der sich allmählich der Sakralität der Überlieferung annähert, damit die Gemeinsamkeit der beiden Formen wiedererkannt werden kann.

Papst Benedikt wollte also vor allem einen Bewusstseinswandel, es ging ihm nicht so sehr um eine Veränderung des Ritus.

Mosebach: Das würde ich auch so sehen. Ihm ging es um die Rückkehr zu einer Auffassung von der Liturgie nicht als Handeln des Menschen, sondern als Handeln Gottes. Er wollte in diesen Prozess aber nicht durch Befehle eingreifen, er stellte sich einen organischen Wandel vor. Ihn hätte es wahrscheinlich gefreut zu beobachten, wie junge Priester, die ganz im Geist des Novus Ordo erzogen worden sind, nach Entdeckung des alten Ordo auch ihre neue Messe anders zu zelebrieren beginnen, weil sie nun deutlicher zeigen wollen, dass sie nicht selber handeln, sondern das Handeln Jesu vergegenwärtigen. Aber zu einer solchen Entdeckung muss es auch die Gelegenheit geben, das heißt: Priester müssen in den Seminarien den alten Ritus erlernen können.

Stichwort „Sakralität wiederentdecken“.

Benedikt XVI. habe dabei „auf die sanfte Gewalt der Wahrheit gesetzt“, haben Sie einmal gesagt, indem er beispielsweise den Menschen die Mundkommunion spendete: Wie hoch veranschlagen Sie die Kraft solcher Bilder?

Mosebach: Diese Bilder besitzen dann Kraft, wenn sie lang genug gezeigt werden. Papst Benedikt wollte durch sein Beispiel etwas in Fluss bringen. Aber dieser Fluss ist durch seine überraschende Abdankung jäh versiegt. Man muss sich eingestehen: Das Experiment der sanften Gewalt des Vorbildes ist eigentlich noch nicht richtig begonnen worden und wartet auf seine Verwirklichung.

Papst Franziskus lehnt eine Reform der Reform ab. Ist es eine Frage von Ehrfurcht und Gehorsam gegenüber dem Stellvertreter Christi auf Erden, nun zumindest zu warten, bis ein Nachfolger anders entscheidet?

Mosebach: Die Frage des Kultes wird sich niemals erledigen, denn der Kern des Christentums besteht in dem Mysterium der Vergegenwärtigung Gottes. Von dem Erlebnis des leibhaft anwesenden Christus geht alles aus, was die Kirche überzeugend fordern, lehren und formen kann. Jesus wollte, dass die Menschen ihm nicht nur glaubten, sondern dass sie auch nach seiner Himmelfahrt in leibhafte Gemeinschaft mit ihm treten könnten. Diese Gemeinschaft bewirkt der Ritus, deshalb hat Jesus ihn gestiftet. Deswegen kann die Auseinandersetzung mit der liturgischen Tradition nie verstummen.

Eminenz, wieso ist der Papst gegen die Reform der Reform? Oder ist er nur gegen den Begriff und nicht gegen die Sache?

Kardinal: Er hat sich selber nach außen gar nicht so geäußert, sondern das sind Schlussfolgerungen, die manche daraus ziehen. Diejenigen, die sich hier zu Sprechern des Papstes machen, tun es illegitim. Die Weisungen von Benedikt XVI. gehen weiter und sind nicht aufgehoben worden. Die Sorge für die Liturgie ist immer ein beständiger Auftrag der Kirche. Das routinierte Feiern der Liturgie gab es zu vielen Zeiten, was immer wieder angemahnt worden ist. Deshalb bedarf auch die beständige Reform der inneren Erneuerung des Lebens aus den lebendigen Quellen.

Bleiben wir dem Begriff der Reform. Es soll ja keine Einbahnstraße sein. Was könnte der alte Ritus vom neuen lernen?

Mosebach: Die Bewegung für den alten Ritus ist auch eine Reformbewegung. Die Messen des alten Ritus heute gleichen nicht unbedingt den Messen der fünfziger Jahre. Es gibt doch ein sehr viel stärkeres liturgisches Bewusstsein bei den Anhängern des alten Ritus, die Laien kennen sich gut aus und da achten darauf, dass der Ritus in seiner ganzen Fülle unverkürzt gefeiert wird. Gregorianischen Choral zum Beispiel habe ich in meiner Jugend in Frankfurt gar nicht erlebt. Unter dem Begriff participatio actuosa, tätige Teilnahme, wollte der heilige Papst Pius X. verstanden wissen, dass die Gläubigen die Messe bewusst mitvollziehen, sich im Messbuch darauf vorbereiten und die Gebete des Priesters mitlesen. Solche participatio actuosa ist bei den Gläubigen des alten Ritus heute in hohem Maße zu finden, auch wenn nicht immerfort Laien liturgische Aktivitäten entfalten. Man kann durchaus sagen, dass die Wiedereroberung des vetus ordo zu einer Erneuerung geführt hat. Aber ich sehe beim besten Willen nichts, was vom neuen Ritus in den alten wandern sollte. Im Gegenteil. Eines der wenigen Elemente, das, in Deutschland jedenfalls, die Messfeiern vor und nach der Reform miteinander verband, war das Liedersingen. Aber die Lieder, so schön sie waren, enthielten auch eine Gefahr. Schönheit ist eben nicht alles. Sie überdeckten große Teile der Liturgie und machten gerade die erwünschte participatio actuosa unmöglich. In den neuen Messfeiern nach dem vetus ordo spielt nun endlich wieder der gregorianische Choral die Hauptrolle, wie sie ihm in der römischen Liturgie auch zukommt. Schola und Gemeinde singen das lateinische Ordinarium und das Proprium. Dass wesentliche Gebete wie das Sanctus oder das Gloria durch Lieder ersetzt werden, wie das vor der Reform und nach der Reform vielfach anzutreffen war und ist, das ist für die neue Feier des vetus ordo ein überwundener Zustand, dahin sollte es kein Zurück geben.

Die neuen Heiligen und die Präfationen in den alten Ritus aufzunehmen wäre nicht Ihr Wunsch?

Mosebach: Das sind ja rein disziplinarische, unbedeutende kleine Ergänzungen. Die Sakralität des Feierns wird davon überhaupt nicht berührt. Solche kleinen Hinzufügungen entsprechen nur dem organischen Wachstum, wie es das immer gegeben hat.

Herr Mosebach sieht die Reform der Reform eher als eine Einbahnstraße...

Kardinal: Christus ist gegenwärtig in beiden Formen der Liturgie – aber in welchem Geist nehmen wir teil? Wenn wir die neue Form der Liturgie feiern aus diesem Geist der Glaubens und der Liebe, der uns auch aus den Katechesen, den Messerklärungen der Kirchenväter oder des Mittelalters und der Neuzeit entgegentritt, können wir vielleicht nicht im rituellen Ablauf, aber trotzdem in dem Geist feiern, der in die Grundgestalt der Liturgie von Anfang an eingesenkt ist.

Mosebach: Oft heißt es, zur Liturgie müsse auch die diakonia und die martyria dazukommen. Ich habe gerade die Familien der 21 koptischen Märtyrer, die am Strand von Libyen geköpft worden sind, in Oberägypten besucht. Darunter waren 20 Kirchensänger, manche Analphabeten. Sie haben die große koptische Liturgie, die drei Stunden dauert, auswendig beherrscht und ganz aus der Liturgie gelebt. Die Bereitschaft zum Martyrium und die Liturgie gingen so eng Hand in Hand, dass man fast geneigt ist zu vermuten, dass es hier sogar eine Ursächlichkeit gibt.

Dass ganz aus der Liturgie gelebt wird, ist seit dem II. Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche aber selten geworden. Es heißt zwar im Konzilstext: „Das eucharistische Opfer ist Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens.“ Heute dürfte es vielen Geistlichen wie den jüngeren Mönchen aus Europa und den USA gehen, die beim letzten Generalkapitel der Missionsbenediktiner die Frage stellten, wie denn etwas, was jeden Tag stattfindet, zugleich ein großer Höhepunkt sein könne.

Kardinal: Das ist kein Gegensatz. Die Quelle, aus der ich täglich schöpfe, verliert dadurch nicht den Neuheitswert. Es geht um die lebendige Christusbegegnung: Christus ist das Brot, das uns ewiges Leben schenkt – wie kann er uns langweilig werden? Ich glaube, das ist auch ein Zeichen von Verweltlichung, wenn man sich der heiligen Messe nähert und sie im psychologischen Rhythmus von Interesse und Langeweile ansieht. Christus ist gekommen, um uns zu erlösen und nicht, zu unterhalten. Der „zelebrationsfreie Tag“, um sich von der vermeintlichen Überlastung mit der Liturgie, das heißt der Verherrlichung Gottes und der Heilsvermittlung, zu „erholen“, hat mit einem gravierenden Unverständnis des Priestertums und unserer Gottesbeziehung überhaupt zu tun. „Durch Jesus, den Hohenpriester des Neuen und Ewigen Bundes, der durch sein eigenes Blut das Volk geheiligt hat, lasst uns Gott allzeit das Opfer des Lobes darbringen“ (Hebr 13, 12.15).

Mosebach: Ich möchte dem Kardinal eine Frage stellen. Die häufige Kommunion für die Gläubigen ist erst von Papst Pius X. eingeführt worden. Nach der alten Praxis gehörten Fasten, Gewissenserforschung und Beichten zur Vorbereitung: erst die Lossprechung, dann erst die Kommunion. Die Kommunion war etwas Besonderes, die Orthodoxie hält das heute noch so. Die häufige Kommunion mag Früchte getragen haben, hat aber auch Probleme hervorgebracht, das zeigt die Debatte um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener. Stellt sich diese Frage nicht eigentlich erst, seitdem die ganze Gemeinde geschlossen ohne irgendwelche Bedenken zur Kommunion zugeht? Und ist es nicht eine unzulässige Verengung, nur noch Verstöße gegen die Ehelehre der Kirche als Kommunionhindernis anzusehen? Wenn die andern Leute so empfinden wie ich, müsste jedenfalls die halbe Kirche sitzen bleiben, wenn die Kommunion gespendet wird: Aggression, Habgier, Hass, Neid, Verlogenheit schließen doch ebenso vom Empfang der Kommunion aus wie ein ungeordnetes Leben.

Kardinal: Oder auch Kampagnen, die den guten Ruf von Leuten zerstören.

Mosebach: Zum Beispiel, und mit bestem Gewissen. In Neapel gab es mal einen Aufstand: Ein Kind war getötet worden bei einer Mafiaschießerei, es wurde beerdigt, und der Priester sagte den Menschen in der Kirche: Ich werde Ihnen jetzt nicht die Kommunion spenden, denn Sie alle sind Mitwisser und in der einen oder anderen Weise an der Sache beteiligt. Es gab einen Aufstand: Wie kommt ein Priester dazu, jemanden von der Kommunion auszuschließen? Gut, das ist ein krasser Fall, der aber deutlich macht, was Vorbereitung und Voraussetzung zum Kommunionempfang bedeutet. Man ehrt das Altarsakrament auch dadurch, dass man sich ernsthaft fragt, ob man zu seinem Empfang vorbereitet ist.

Das heißt, man müsste die Beichtpraxis ändern?

Kardinal: Ja, die Gewissen müssen so geschärft werden, dass klar ist, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, zur Kommunion zu gehen. Ich kannte einen calvinistischen Pfarrer, der noch nicht mal im lutherischen Sinn an die Wandlung glaubte und das Abendmahl Leuten nicht spendete, weil sie verzankte Nachbarn waren. Wir müssen wieder verstehen, dass so etwas keine Demütigung und keinen Machtmissbrauch bedeutet, sondern eine Hilfe für die Gläubigen ist.

Sie stimmen beide darin überein, dass das Bewusstsein für die Sakralität in den letzten fünfzig Jahren verloren gegangen ist. Aber Sie, Herr Mosebach, würden wahrscheinlich sagen, dass die Liturgiereform ursächlich daran beteiligt war, während Sie, Herr Kardinal, wahrscheinlich eher sagen, dass es Missbräuche der Liturgiereform waren und sind, die dazu führen. Herr Mosebach, war die Liturgiereform ursächlich für den Verlust an Sakralität?

Mosebach: Die Liturgiereform ist weniger Ursache als Folge eines schon vor ihr geschwundenen Gefühls für die Liturgie, Jahrzehnte vor der eigentlichen Messbuchreform. In vielen Priesterseminaren gab es den Saal mit Messkabinen, in denen die Patres morgens einzeln zelebrierten – hinter Vorhängen wie in den Massagekabinen einer Klinik. Die Messe war zu einer schnell zu absolvierenden Übung geworden, die dem Arbeitsbeginn eher im Wege stand. Die liturgische Bewegung auf der anderen Seite nährte einen Archäologismus, eine „wissenschaftliche“ Suche nach einer „Urform“, vor der Papst Pius XII. ebenso nachdrücklich wie vergeblich warnte. Auch bei den Messexperimenten auf Burg Rothenfels mit Romano Guardini gab es nicht mehr das Gefühl, Liturgie sei unantastbar. Und „sakral“ heißt zunächst einmal unantastbar.

Herr Kardinal, würden Sie der Analyse zustimmen?

Kardinal: Die Wurzeln der Krise, in der Liturgie ortlos wird, reichen natürlich sehr viel tiefer. Joseph Ratzinger hat von der Krise der sakramentalen Idee im modernen Bewusstsein gesprochen. Der in der frühen Neuzeit entstehende Kapitalismus, der Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft, veränderte die ganze Mentalität des Menschen – alles ist käuflich, sogar die Gnade ist es bis zum schäbigen Ablasshandel hin. Der Gottesgedanke wird so gefasst, dass er eigentlich mit der Inkarnation nichts mehr zu tun hat; Gott ist im Idealismus Projekt der Spekulation, Gott wird funktional gedacht, um die Moral aufrechtzuerhalten. Das hat wenig mehr zu tun mit dem wahren Gott, der in die Geschichte eintritt, unser Fleisch annimmt, wegen unserer Sünde am Kreuz in den Tod gegeben wird und der leiblich von den Toten aufersteht und wiederkommt, um in Gnade und Gerechtigkeit die Welt zu richten und uns in Gottes dreifaltigem Leben der Liebe zu vollenden. Erst der wiedererwachte Sensus für die Mysterium der Heiligung und Rechtfertigung und die Würde und göttliche Berufung des Menschen zur ewigen Gemeinschaft mit Gott in der Liebe vermag unser Herz und unseren Verstand zu öffnen „für den überfließenden Reichtum seiner Gnade“ (Eph 2, 7), der sich uns in der Liturgie und den Sakramenten erschließt und mitteilt.

Das Dokument Ecclesia Dei sieht vor, dass der alte Ritus von den jungen Priestern erlernt werden soll. Die Grundordnung für die Priesterausbildung vom Dezember 2016 sieht das nicht vor. Verspielt die Kirche da nicht Glaubwürdigkeit, gerade in den Augen der jüngeren und relativ traditionsfreundlichen Generation?

Kardinal: Das ist schwierig zu beantworten. In der Seminarausbildung kommt so viel auf die jungen Leute zu, die ja nicht alle schon so voll im christlichen Leben und Gebetsleben, in der Glaubenskenntnis und in der -praxis verwurzelt sind, dass man unter pragmatischen Gesichtspunkten froh sein muss, wenn das ordentliche Curriculum läuft.

Aber der alte Ritus wäre dann etwas für Fortgeschrittene. Manche Menschen werden ja gerade von der lateinischen Liturgie ergriffen, nachdem sie zum neuen Ritus überhaupt keinen Bezug gefunden haben. Sollte die Begegnung mit dem alten Ritus nicht eher die Grundlage einer Entwicklung sein als die Spitze?

Kardinal: In der Praxis dürfte das ziemlich schwierig sein. Dafür müsste man Entwicklungsformen finden, dass das nicht so parallel nebenherläuft nach dem Motto „wir machen das mal heute so und morgen so“.

Mosebach: Heute so und morgen so – da kann keine geistliche Kontinuität entstehen. Und das wäre auch gar nicht durchführbar, denn der alte Ritus verlangt viel zu viel an Kenntnis und Vorbereitung, um ihn nur gelegentlich einschieben zu können. Die Hochform des Pontifikalamts mit dem Bischof ist seine Normalform, die kleineren Formen leiten sich von der Hochform ab und sind nur mit Blick auf sie verständlich. Liturgische Bildung und Erziehung sind unerlässlich für das Weiterleben des alten Ritus. Aber auch ein junger Priester, der beim novus ordo bleiben möchte, müsste eigentlich den alten Ordo gut kennen. Um unsere alten Kirchen zu verstehen, muss man den Ritus kennen, für den sie geschaffen worden sind. Unwiderstehliche Überzeugungskraft entwickelt der Ritus erst, wenn man ihn verstanden hat. Ich mache immer wieder dieselbe Erfahrung: Kritik am alten Ritus beruht zum größten Teil auf Mangel an Wissen.

Doch viel über sie zu wissen ist in Zeiten wie diesen nicht ganz leicht: Die deutschen Katholiken warten beispielsweise immer noch auf die deutsche Übersetzung des Missale Romanum. Täuscht der Eindruck, dass liturgische Fragen auch fünfzig Jahre nach der Liturgiereform noch nicht frei sind von kirchenpolitischen Machtspielen?

Kardinal: Das gibt es natürlich zu allen Zeiten, dass es weniger um die Wahrheitsfrage geht als um die Machtfrage. Mir wäre es lieb, wenn jedenfalls die Priesteramtskandidaten und möglichst viele Laien in der Lage wären, die lateinischen Gesänge, wie das Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei und Pater noster mitzubeten. Die Gelegenheiten sind doch sehr vielfältig, wenn die Leute in alle möglichen Länder kommen – auch nach Rom –, dass man diese Grundgebete auch in lateinischer Sprache mitbeten und mitsingen könnte. Auch die meisten Katholiken früherer Zeiten haben die Antworten in der lateinischen Liturgie geben können. Viele waren Ministranten, die die Gebete auswendig gelernt hatten. So gewaltig war der Graben dann auch wieder nicht: Man war ja beheimatet in dieser Form, in der Sprache und konnte sich mit dem „Schott“ helfen. Viele Missverständnisse kommen aus der Auffassung, der Liturgie bis 1962 und der Liturgie nach der Liturgiereform lägen zwei völlig inkompatible Theologien oder sogar Glaubenslehren zugrunde. Denken wir an die „Schule von Bologna“. Dahinter steht die häretische Vorstellung, dass ein Konzil eine in Glaubenslehre und sakramentaler Heilsvermittlung andere Kirche stiften könnte und sollte – mit dieser unseligen Unterscheidung zwischen vorkonziliarem und nachkonziliarem Glauben. Aber es steht keine andere Glaubenslehre dahinter, das würde auch die Kontinuität der Kirche und ihrer Tradition zerstören. Nicht umsonst hat Irenäus gesagt, dass es nicht verschiedene Glaubensbekenntnisse und Dogmen in Germanien, Syrien, Libyen gibt. Der Glaube eint die vielen Völker und Sprachen der Gottesverehrung. Der eine Glaube und eine Kult überwindet die Barrieren und rechtfertigt nicht nationale Sonderwege. Das sollten sich manche merken, die meinen, die Bischofskonferenzen könnten verschiedene Glaubensbekenntnisse aufstellen und die Sakramente für angeblich pastorale Ziele verzwecken. Es kann Unterschiede geben, aber nicht in den Elementen, die die Substanz des Glaubens und des sakramentalen Lebens ausmachen.

Die Glaubenslehre ist ohne Frage dieselbe. Aber muss man nicht sagen, dass im Prinzip den beiden Ritusformen andere Ideen zugrunde liegen: der alte Ritus vielleicht eher vertikal, der andere eher horizontal.

Kardinal: Theologisch kann man einiges anders ausarbeiten, etwa bei den Messerklärungen. Aber es ist der eine Glaube, die eine Taufe. Diese Ausdrucksformen sind aber nicht beliebig. Der Glaube, dass wir zu Kindern Gottes werden, drückt sich in der Taufe aus. In der Taufe kann es verschiedene ausdeutende Riten geben, aber die eigentliche sakramentale Gestalt ist uns durch Christus vorgegeben: Es gibt nur das Wasserbad im Wort. Und die Eucharistie kann man eben nur mit Brot und Wein feiern, weil Christus sie so eingesetzt hat. Jedes Sakrament hat seine Grundgestalt, die nicht in unser Belieben gestellt ist.

Damit sind Sie bei der Materie. Aber die rituelle Ausgestaltung und Darstellung: Welche unterschiedlichen Ideen stecken dahinter im Ansatz?

Kardinal: So verschieden sind sie, glaube ich, nicht. Den Wortgottesdienst, die Liturgie des Wortes und die Eucharistie mit den drei Teilen Gabenbereitung, Hochgebet mit der Wandlung als Höhepunkt und dem Kommunionteil – „dem Vorsteher werden Brot und Wein gebracht und durch den Diakon werden Brot und Wein an die Gläubigen ausgeteilt nach den Lesungen aus den apostolischen Schriften, wie schon Justin der Märtyrer im zweiten Jahrhundert schrieb“ – diese Grundgestalt finden wir in allen Riten, auch in den orientalischen: Der Kern ist die Einsetzung durch Christus. Schon bei den „Jüngern von Emmaus“ finden wir das früheste Zeugnis dieser Doppelgestalt der Liturgie des Wortes und des hl. Opfers, die aber einen einzigen Kultakt ausmacht (vgl. Liturgiekonstitution 56). Und diese Grundgestalt – Verkündigung des Wortes Gottes, sakramentale Gegenwart mit der Bereitung der Gaben, der Wandlung, Eucharistie und Kommunion – steht nicht zu unserer Disposition.

Mosebach: Das geschieht aber leider doch – Sie haben die Schule von Bologna erwähnt, die ja nur ein Stichwort ist in dieser Beziehung. Ähnliches hat es ja auch in weiten Kreisen in Deutschland, Frankreich, den Vereinigten Staaten gegeben.

Kardinal: Diese Leute sind verantwortlich für den Niedergang der Kirche in einigen Ländern. Sowohl in Holland und auch ganz deutlich sichtbar in Belgien haben wir Beispiele dafür, wo diese Form von Theologie, die mit dem katholischen Glauben nicht übereinstimmt, hinführt.

Mosebach: Ausdruck davon sind Messformen, die sich gar nicht so sehr von dem von Ihnen geschilderten Schema unterscheiden mögen, bei denen aber eben mit kleinen und größeren Akzentverschiebungen etwas ganz anderes herauskommt. Der Streit um die Liturgie wäre in der Kirche gar nicht so groß geworden, wenn die Bemühung der Traditionalisten um ein Fortleben des alten Ritus nicht so kategorisch weggewischt worden wäre, so dass der Verdacht wuchs: Die Reform will wirklich etwas ganz anderes, ohne es immer zuzugeben. Es gab den Verdacht, die Reformer müssen das Fortleben des alten Ritus als gefährlich für ihr Vorhaben empfinden, der Kirche, ohne dass es richtig bemerkt wird, eine andere eucharistische Theologie unterzuschieben. Das war übrigens auch das Muster, nach dem einst in Schweden und England die Reformation eingeführt wurde. Es fällt Intellektuellen manchmal schwer zu verstehen, dass die Praxis für die Sakramente genauso wichtig ist wie die Lehre. In den Dokumenten des Konzils stand die Kirche treu zur Tradition, aber die praktische Realität sah und sieht oft anders aus, und die ist für die Bildung des Bewusstseins der Gläubigen viel bedeutsamer. Daher wird dann auch die Frage, ob Katholiken und Protestanten zusammen zur Kommunion gehen könnten, längst vielerorts als überholt angesehen, weil sich protestantisches Abendmahl und katholische Eucharistie oft nicht mehr erkennbar unterscheiden.

Auch wenn die Grundgestalt der Sakramente als Beweis für die Kontinuität der liturgischen Entwicklung herangezogen wird, haben Sie, Herr Mosebach, vor kurzem an die Trias Entsakralisierung, Protestantisierung und anthropozentrische Demokratisierung erinnert, die nicht wenigen als Ziele der Liturgiereform erscheinen. Wie kommen wir aus dieser Spannung heraus?

Mosebach: Ich habe eine Minimalforderung, von der ich weiß, dass sie zugleich eine Maximalforderung ist: Es wäre ein ungeheurer Fortschritt zur Wiedergewinnung eines liturgischen Verständnisses, wenn man dem Anliegen Benedikts XVI. folgen und die Zelebrationsrichtung wieder nach Osten zum wiederkommenden Christus hin ausrichten würde. Die anthropozentrische Illusion, die durch die Hinwendung des Priesters zur Gemeinde entsteht, wäre dann nicht mehr möglich. Die Anbetung und der Empfang des Segens vom Altar herab hätten dann wieder einen unmissverständlichen Ausdruck. Und vieles andere aus den Schätzen der Tradition würde sich sich dann allmählich wieder da herum gruppieren, das würde wie von selbst geschehen. Wir alle wissen, dass die Änderung der Zelebrationsrichtung im Messbuch Pauls VI. gar nicht vorgesehen war. Es müsste ganz leicht sein, zur alten Orientierung zurückzufinden. Es ist fast nichts, und es ist alles.

Kardinal: Davor stehen psychologische Hindernisse. Da heißt es: Der Priester wendet uns seinen Rücken zu, während er vorher den Leuten sein Gesicht zugewandt hat. Als meine Eltern und ich die alte Messe in der Kirche erlebt haben, hat damals kein Mensch gesagt: der Priester wendet uns seinen Rücken zu. Diese Meinung ist erst durch diese Form entstanden: Er hat uns vorher den Rücken zugewandt und jetzt wendet er sich uns zu. Dabei kommt es gar nicht darauf an, dass er sich uns zuwendet, sondern in dieser Form, wie sie jetzt ist, geht es eigentlich darum, dass der Altar, Christus in der Mitte ist und der Priester vom Altar her Christus repräsentiert auf die Gläubigen hin. Aber de facto ist es so, dass die Gläubigen nicht im Bischof und den Priestern die Gegenwart des Hohenpriesters Christus sehen (Liturgiekonstitution 41) – sondern dass er für viele lediglich der Versammlungsleiter ist, der vorne die Regie führt, während die Gläubigen sozusagen vom Theaterraum aus zuschauen und seine Aktionen beurteilen. Auch in der jetzigen Form ist es möglich, dass ich den Priester nicht mit einem menschlichen Akteur verwechsle, der mich unterhält, sondern dass ich in ihm den Verkünder des Wortes Gottes und den Mittler des Heils in Christus erkenne – unabhängig von der Zelebrationsrichtung. Von uns wird nicht nur die äußerliche participatio actuosa erwartet, sondern das innere Eingehen in die Opferhaltung Christi.

Sie würden sich aber Herrn Mosebachs Forderung nicht zu eigen machen?

Kardinal: In der gegebenen Lage wäre das schwierig durchzuführen. Und die erwartete geistliche Wirkung wäre angesichts des Unverständnisses schwer zu erzielen. Wir müssen zuerst einmal klar machen, dass es nicht um die Alternative Rücken oder Gesicht geht; es geht nicht um den Priester, der sich uns zuwendet, sondern es geht darum, dass Gott sich uns zuwendet und dass wir durch Christus im Heiligen Geist vor das Angesicht Gottes hintreten.

Mosebach: Also: mehr Einweihung, mehr Unterricht, mehr Vorbereitung.