Lehmann: Papst übt nicht nur Kapitalismuskritik

Bonn (DT/KNA) Das neue Papstschreiben ist aus Sicht von Kardinal Karl Lehmann mehr als reine Kapitalismuskritik. „Evangelii gaudium“ lasse sich nicht auf „relativ billige Kapitalismuskritik reduzieren“, schreibt der Mainzer Bischof in der aktuellen Ausgabe der in Bonn erscheinenden „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“. Die negativen Akzente des Schreibens in der Beurteilung des modernen Wirtschaftssystems seien eindeutig, aber das Schreiben lege darüber hinaus „überaus deutlich den Finger auf entartete Entwicklungen und Schädigungen in unserem Sozialsystem“. Darunter fielen die „Wegwerfkultur“ und die „absolute Autonomie der Märkte“. „Es ist erstaunlich, dass man mancherorts und von allen Seiten her über diese Ausführungen hinwegliest“, schreibt Lehmann. Dem Kardinal zufolge wäre es jedoch bei solch „harscher Kritik“ des Papstes gut gewesen, „die kritische Haltung der katholischen Soziallehre zum Kapitalismus in den verschiedenen Wandlungen der Wirtschaftsgeschichte, aber auch der kirchlichen Verlautbarungen seit der ersten Sozialenzyklika 1891 im Kontext des neuen Schreibens stärker zu betonen“, schreibt Lehmann weiter. Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki verteidigte die Kapitalismuskritik des Papstes. Franziskus wende sich gegen einen Marktradikalismus, der die Gesellschaft dominiere und auch alle menschlichen Beziehungen unter Druck setze, schreibt Woelki in der neuesten Ausgabe der in Bonn erscheinenden „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“. „Man hat fast den Eindruck, dass der Schrei der Ausgegrenzten widerhallt in seinen glasklaren Worten.“ Der Papst habe sich in seinem Schreiben gegen die „Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel“ gewandt. Das Kernproblem sei für ihn „die Leugnung des Vorrangs des Menschen“.