Lebenstaugliche, echte Mystik

Standardwerk auf Deutsch: Emmanuel Renault versteht es, den Leser zur Kirchenlehrerin von Avila hinzuführen. Von Klaus-Peter Vosen

Von Pater Emmanuel Renault aus dem Karmeliterorden ist sein Buch über den Einfluss des Gedankenguts der heiligen Theresa von Avila auf ihre heilige Namensschwester von Lisieux bekannt. Man darf es sicher als ein Standardwerk bezeichnen. Mit diesem Vorwissen nimmt man Renaults 1970 erstmals in französischer Sprache erschienenes, jetzt von Elisabeth Haas übersetztes Buch über Leben, Persönlichkeit und geistliche Erfahrung der „Madre“ von Avila in die Hand – und fühlt sich wiederum von der Lektüre beschenkt.

Man wird dem seligen Charles de Foucauld zustimmen, der einmal in einem an einen Freund gerichteten Brief schrieb: „Ich verstehe, wie sehr sie das Leben dieser großen Heiligen [Theresa von Avila] schätzen. Lesen Sie nach ihrem Buch meines Lebens das der Gründungen, dann das Pater, die Briefe, schließlich alle ihre Werke. Alles ist unvergleichlich darin, und man findet überall neben speziellen andere praktische Dinge für alle. Nachdem Sie sie gelesen haben, werden Sie sie erneut lesen; die heilige Teresa ist eine jener Autoren, aus denen man sein tägliches Brot macht“ (zitiert bei Renault. Emmanuel Renault versteht es auf wunderbare Weise, Menschen zur Kirchenlehrerin von Avila hinzuführen.

Der erste große Abschnitt seines Buches behandelt das Leben der heiligen „Madre“ mit besonderer Berücksichtigung ihres geistlichen Weges. Die 1515 geborene Teresa de Ahumada, die schon sehr früh lesen konnte und in einer ganz vom Glauben durchtränkten Atmosphäre aufwuchs, lernte bald, „aufs Ganze“ zu gehen: Sie erkannte die „Nichtigkeit aller Dinge“ dieser Welt, ihre Vergänglichkeit. Sie wandte sich jener größeren Welt Gottes und des ewigen Lebens zu, nicht ohne durchaus noch gefragt zu haben, ob das angestrebte Absolute nicht auch im Diesseits, in Ritterromantik und Vergnügungen zu finden seien, die sich ihr als einer schönen und intelligenten jungen Frau von großer Anziehungskraft weit eröffnet hätten. Ihren Abschied vom Vaterhaus, den sie im November 1535 vollzog, um in den Karmel einzutreten, hat sie so stark und schmerzlich empfunden, als ob sich ihr „jeder Knochen von sich aus loslöste“. Schließlich machte sie die Erfahrung „dass es in diesem Leben kein größeres Gut geben konnte als inneres Beten zu halten“. Damit ist für Theresa ein zentraler Punkt erreicht. Renault bemerkt dazu: „Hier beginnt und mündet für sie das ganze geistliche Leben. In Wahrheit kann man sagen, dass Teresa von Avila dem inneren Gebet ihren geistlichen und menschlichen ,Erfolg‘ verdankt“. Der Verfasser begleitet die „Madre“ dann weiter auf ihrem Weg bis hin zur „Bekehrung“ in den 1550er Jahren, zur „mystischen Hochzeit“ 1572 und ihrem Sterben zehn Jahre später. Sehr schön schreibt Renault: Der heiligen Theresa von Avila „ist der letzte Todeskampf erspart geblieben. Sie hatte ihn während ihres ganzen Lebens geführt, indem sie selbst starb, um in Christus zu leben. Der Tod kam für sie als die Erfüllung eines langen Wartens, als Anfang des wirklichen Lebens“. In einer Charakterisierung der Persönlichkeit der Heiligen stellt Renault dann das Faszinierende Theresas dar, diese atemberaubende Mischung aus Intelligenz, Wissbegierde, Fähigkeit, zu lehren und Freundschaft zu schenken, charakterlicher Stärke, gesundem Menschenverstand, ausgeprägter Weiblichkeit, Sorge um die Seelen – all das getragen von der tapfer erkämpften und bewährten Hingabe an Gott: „Nichts soll dich verwirren, nichts dich erschrecken. Alles vergeht, Gott ändert sich nicht. Die Geduld erlangt alles. Wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott nur genügt.“

Ein hochinteressanter Blick auf das Werk der heiligen Theresa von Avila bildet den dritten Teil von Renaults Werk. Daran schließen sich noch ein Abschnitt über die Karmel-Reform, die Wirkungsgeschichte der Heiligen und eine instruktive kurze Durchsicht ihres literarischen Erbes an. Ein Anhang von etwa zwanzig Seiten umfasst Texte der Kirchenlehrerin.

Die heilige Theresia von Avila ist eine großartige geistliche Persönlichkeit – und großartig ist ihre Erschließung im hier besprochenen Buch. Wer sich mit der spanischen Ordensfrau beschäftigt, wird feststellen, dass es manche Anknüpfungspunkte gibt, die Theresa, die doch im 16. Jahrhundert lebte, mit unserer Zeit verbinden. Die Not des Betens hat sie gekannt. Manchmal litt sie unter ihrer Begrenztheit, wenn sie sich als „keineswegs gut, sondern erbärmlich“ bezeichnete, und vermutlich lag der päpstliche Nuntius Sega, der der Heiligen ansonsten in der Beurteilung ihrer Persönlichkeit bitteres Unrecht zufügte, doch in einem Punkt und für manche Situationen nicht falsch, wenn er Theresa eine gewisse Unruhe zuschrieb. Charakteristische Dinge auch für unsere Zeit. Bei der heiligen Theresa von Avila in die Schule gehen, kann eine echte Lebenshilfe geben, denn sie hat es verstanden, sich Gott mit ihrer ganzen Persönlichkeit, so wie sie war, gleichsam entgegenzuhalten – und so ist ihr Leben gelungen.

Pater Renault hat man für sein Werk herzlich zu danken, das nur einen kleinen Mangel aufweist, der aber weder auf das Konto des Autors noch der Übersetzerin gehen dürfte. Es wäre schön gewesen, wenn im Inhaltsverzeichnis auch die Unterpunkte in der Gliederung jeweils mit Seitenzahlen versehen worden wären. Vielleicht lässt sich das bei einer künftigen Auflage machen.

Emmanuel Renault OCD: Die heilige Teresa von Avila und die mystische Erfahrung. Paulinus Verlag, 2012, 206 Seiten, ISBN 978–3–7902–0233–5,

EUR 12, 90