Lässt sich die Spaltung überhaupt feiern?

Eine lutherisch-katholische Kommission müht sich um Grundlagen für ein „gemeinsames Gedenken“ des Reformationsjubiläums 2017. Von Hinrich E. Bues

Ist die Zeit reif für mehr Gemeinsamkeit in der Erinnerung? Martin Luthers Statue in Wittenberg. Foto: dpa
Ist die Zeit reif für mehr Gemeinsamkeit in der Erinnerung? Martin Luthers Statue in Wittenberg. Foto: dpa

Das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation am 31. Oktober 2017 wirft bereits heute Licht und Schatten voraus. Lässt sich die Spaltung der westlichen Christenheit, die in den vergangenen 500 Jahren weltweit exportiert wurde, überhaupt feiern? Wollen Lutheraner wie noch 1917 Martin Luther als Vorbild und Nationalhelden stilisieren? Und wie steht es um die alten Streitthemen über die Einheit der sichtbaren Kirche, des apostolischen Amtes, der Marien- und Heiligenverehrung, der sieben Sakramente, insbesondere der Heiligen Eucharistie?

Die lutherisch-katholische Kommission, die seit 1967 über diese strittigen Themen tagt, legt hier ein thesenartig verfasstes Dokument vor. Es versucht das kommende Reformationsgedenken „im Zeitalter von Ökumene und Globalisierung“ näher zu fassen. Auf katholischer Seite haben Vertreter wie der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, und Kardinal Kurt Koch, Präfekt des Einheitssekretariates, in der Kommission mitgewirkt. Auf lutherischer Seite arbeitete ein internationales Team des Lutherischen Weltbundes. Die Autoren legen eine historische Skizze der lutherischen Reformation und der katholischen Antworten vor. Insbesondere geht es darum, die in den letzten 100 Jahren der ökumenischen Bewegungen entstanden neuen Perspektiven aufzunehmen, um eine Konvergenz oder gar Konsens in den strittigen Themen (Rechtfertigung, Eucharistie, Amt, Kirche, Schrift und Tradition) zu formulieren. Als Ziel gilt der „Blick nach vorn“ unter dem Thema „Das Evangelium und die Kirche“.

Im Hinblick auf ein „gemeinsames Gedenken“ des Reformationsjubiläums werden „fünf ökumenische Imperative“ formuliert. Die historische Skizze über die lutherische Reformation und die katholische Antwort ist insoweit lehrreich, als beide Seiten sich um eine relativ objektive, Polemik vermeidende Darstellung der damaligen konfessionellen Auseinandersetzungen bemühen. Die Kriege von 1517 bis 1555 werden dabei im „Geflecht politischer, wirtschaftlicher und kultureller Interessen“ gesehen, also primär nicht auf theologische Auseinandersetzungen zurückgeführt, was sicher zutreffend ist. Interessant ist, dass der Auslöser der Reformation, der vermeintliche Thesenanschlag Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg, auch von lutherischer Seite nur noch mit „aller Wahrscheinlichkeit“ behauptet wird. Schon länger fragt hier die kirchenhistorische Forschung nach einem Beleg für den symbolischen Akt, mit dem die Reformation begonnen haben soll. In Luthers reichem Schrifttum lässt sich dafür kein Beweis finden, was bei der Redseligkeit und Schreibfreudigkeit des Reformators mehr als erstaunlich ist und dem Reformationsjubiläum den historischen Boden entziehen würde.

Davon abgesehen, werden die Fakten der Reformationsgeschichte von 1517 bis 1520, Inhalt und Verlauf der Auseinandersetzung um die 95 Thesen Luthers dargestellt. So entsteht ein Bild von den Verwerfungen dieser Zeit, die zur Exkommunikation des Reformators 1521 und zur Spaltung der westlichen Christenheit führten. Die Auseinandersetzung verschärfte sich vor allen, weil es um einen „Autoritätenkonflikt“ ging. Luther fürchtete um sein Leben und geriet nicht nur in Gegensatz zum Papst in Rom, sondern auch zur Befreiungsbewegung der Bauern, zur Bewegung der Täufer und zu verschiedenen politischen Strömungen. Luther versuchte sich im politischen Kampf gegen Juden und Türken zu positionieren, was zu heute nicht mehr zitierfähigen Aussagen führte. Auf der anderen Seite verhielt sich die katholische Seite nicht immer glücklich, nahm aber das reformatorische Grundanliegen der „Rechtfertigung aus dem Glauben“ auf, besonders auf dem Konzil von Trient. Der Missbrauch des Ablasses, der Auslöser für Luthers Thesen, war im Übrigen bereits in der Frühzeit der Reformation abgeschafft worden.

Wegweisend für das gemeinsame Gedenken im Jahr 2017 dürfte die historische Skizze insofern sein, als Lutheraner und Katholiken ihren „Schmerz über Versagen und Verletzungen, Schuld und Sünde in Personen und Ereignissen“ Ausdruck verleihen sollen. Die lutherische Seite wird in diesem Zusammenhang an die „gehässigen und herabsetzenden Äußerungen Luthers über die Juden“ erinnert. Auch dass der Reformator die Täufer verfolgt, die Bauern während des Bauernkrieges heftig angegriffen habe, wird ebenso kritisiert wie Luthers Gleichsetzung des Papstes mit dem Antichrist. Hier hatte der Lutherische Weltbund bereits auf seiner Fünften Vollversammlung in Evian 1970 sein Bedauern über polemische, herabsetzende Äußerungen gegenüber „unseren römisch-katholischen Brüdern“ zum Ausdruck gebracht.

Im Gegensatz zum Thema der wechselseitigen Buße, das ja bereits von Papst Johannes Paul II. bei seiner „Mea Culpa Messe“ im März 2000 angestoßen worden war, ergibt sich bei den theologischen Streitthemen kaum ein Konsens. Die neuen reformatorischen „Dogmen“, die alle mit dem Wort „allein“ beginnen, stehen nach wie vor im Raum. Zwar ist man sich über den Vorrang der biblischen Überlieferung (Sola Scriptura) gegenüber den nachfolgenden kirchlichen Überlieferungen weitgehend einig, aber die subjektivistische, allein dem persönlichen Gewissen verpflichtete lutherische Sichtweise der Bibelauslegung schafft immer neue Probleme, wie dies beispielsweise bei dem jüngsten Ehepapier der EKD schmerzlich zutage tritt.

Besonders problematisch bleibt, eine gemeinsame Position zu den Sakramenten und insbesondere zur Heiligen Eucharistie zu finden. Hinzu kommt, dass der größte Teil der protestantischen Konfessionen reformierter Tradition (Baptisten, Methodisten, Pfingstkirchen,...) sich bereits seit langem vom sakramentalen Verständnis von „Leib Christi“ und damit von „Kirche“ distanziert hat. So zeigen die Ausführungen der Autoren des Dokumentes, wie weit die lutherischen und katholischen Auffassungen über das „Amt“ und die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ (Nizänum) auseinanderliegen.

Konsequenterweise bleiben dann auch die abschließend formulierten fünf Imperative sehr allgemein, wenn dort die Hoffnung zum Ausdruck kommt, dass beide Seiten „immer von der Perspektive der Einheit und nicht von der Perspektive der Spaltung“ ausgehen wollen. Dass die Wahrheit und „Kraft des Evangeliums Jesu Christi für unsere Zeit“ wiederentdeckt werde, das kann schon jetzt als Herzenswunsch aller getauften und gläubigen Christen, gleich welcher Konfession, gelten.