Kritik aus Amerika an Papst Benedikt

Die Revision der alten Karfreitagsfürbitte für die Bekehrung der Juden stößt auf vielfache Ablehnung

Würzburg (DT) Überwiegend negativ haben Amerikas Juden auf die Revision der Karfreitagsfürbitte für die Juden im außerordentlichen römischen Ritus reagiert. Zwar wurde die Absicht Papst Benedikts XVI., jüdische Gefühle durch eine Neuformulierung des Gebetes zu achten, anerkennend zur Kenntnis genommen. Die Hauptkritik richtete sich jedoch gegen die grundsätzliche theologische Intention des Textes. So wird in der Fürbitte, die gemäß einer Note des vatikanischen Staatssekretariates erstmals am diesjährigen Karfreitag zu verwenden ist, folgendermaßen gebetet: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen. Lasset uns beten. Beuget die Knie. Erhebet euch. Allmächtiger ewiger Gott, der Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus unseren Herrn. Amen.“

Rabbi David Rosen, verantwortlich für den interreligiösen Dialog beim „American Jewish Committee“, zeigte sich deshalb auch vom neuen Text enttäuscht: „Wir erwarteten eine Sprache, die mehr Raum lassen würde für die Unversehrtheit des jüdischen Glaubens und sein Eigenrecht. Offensichtlich ist Papst Benedikt – anders als seine Vorgänger – nicht in der Lage, dies den Begriffen seiner theologischen Anschauung nach zu tun“, so der Rabbi gegenüber der „New York Times“. Zweifel am guten Willen des Papstes wollte er indes nicht aufkommen lassen. „Papst Benedikt XVI. kümmert sich wirklich um gute katholisch-jüdische Beziehungen. Das ist eine Tatsache“, so Rosen. „Es ist deshalb besonders enttäuschend, dass dieser Text nicht das geringste Gespür dafür zeigt, wie dieser Text in jüdischen Kreisen gelesen wird.“

Auch Rabbi Joel H. Meyers, Vize-Präsident der „Rabbinical Assembly“, einer internationalen Vereinigung konservativer Rabbiner, zeigte sich enttäuscht. „Ich glaube, dass (durch die Revision) die Uhren tatsächlich ein wenig zurückgestellt werden.“ Die Kirche würde ihre auf dem 2. Vatikanischen Konzil eingenommenen Positionen zurücknehmen, so Meyers.

Als Angriff auf die Lebensweise des Judentums wertete Abraham Foxman, Chef der einflussreichen „Anti-Defamation-League“ den neuen Text. Wörtlich sagte er in einer vorbereiteten Stellungnahme: „Sprachliche Veränderungen ohne Änderungen an der auf Bekehrung ausgerichteten Absicht des Gebetes kommen einer kosmetischen Revision gleich, während der am meisten beunruhigende Aspekt für Juden, nämlich das Verlangen, die spezifisch jüdische Lebensweise zu beenden, aufrecht erhalten wird.“ Indem es noch immer „Gebet für die Bekehrung der Juden“ heiße, stelle es eine deutliche Abkehr der Lehren und Handlungen Papst Pauls VI., Johannes Pauls II. und verschiedener verbindlicher katholischer Lehrdokumente dar, einschließlich der Konzilserklärung Nostra Aetate, so Foxman.

Kritisch äußerte sich auf Anfrage dieser Zeitung auch die an der Universität von Chicago lehrende jüdische Philosophin Martha Nussbaum. Die durch ihre Publikationen zur Ethik weltberühmt gewordene Professorin sagte: „Ich denke, dass die vorgelegte Änderung ungenügend ist. Es scheint für jeden Glauben sehr wichtig zu sein, Respekt für die Eigenständigkeit und Würde von Mitgliedern anderer Glaubensbekenntnisse zu zeigen, indem man versteht, dass sie in Glaubensdingen ihrem eigenen Gewissen Folge leisten werden.“

Die Philosophin sprach sich dafür aus, ein Gebet für die Juden als gleichberechtigte Mitglieder einer weltumfassenden ethischen Gemeinschaft anzubieten. Damit könne der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass sie zusammen mit Katholiken und Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften und anderen Menschen guten Willens für die Schaffung einer gerechten und anständigen Welt eintreten, so Frau Nussbaum.

Veröhnlicher zeigte sich in der jüdischen Zeitung „The Jewish Advocate“ Larry Lowenthal, Leiter der Bostoner Abteilung des „American Jewish Committee“. Lowenthal wörtlich: „Das 2. Vaticanum hat die Rechtmäßigkeit des Vermächtnisses der Tora als eines Erstzugangs zur Erlösung und als eines Hauptbundes mit Gott bestätigt.“ Er befürchtet keine Verschlechterungen der Beziehungen von Juden und Katholiken auf lokaler Ebene: „Was auf der höchsten Ebene des internationalen und interreligiösen Dialog abläuft, ist eine Sache. Aber auf der lokalen Ebene sind die Beziehungen so unglaublich gefestigt, freundlich und sehr offen, und ich bin sicher, dass das so weitergeht.“

Die amerikanische Bischofskonferenz versuchte indes die Aufregung zu beschwichtigen. James Massa, bei der Bischofskonferenz zuständig für interreligiöse Angelegenheiten, räumte ein, dass der revidierte Text und dessen jüdische Interpretation die Temperatur der Beziehungen ein wenig absinken ließen. „Aber wir haben andere Auseinandersetzungen in der Vergangenheit durchgestanden, und am Ende des Tages sind wir noch immer am Tisch des Dialogs beisammen“, so der Geistliche.