Kommentar

Deutsches Erbübel. Von Kardinal Walter Brandmüller

Es ist erstaunlich – oder doch nicht? – mit welcher Hartnäckigkeit gewisse Themen im deutschen Katholizismus geflissentlich am Leben erhalten werden. Und: Es sind immer dieselben: Frauenpriestertum, Zölibat, Interkommunion, Wiederverheiratung nach Scheidung. Neu hinzugekommen ist das kirchliche „Ja“ zur Homosexualität. Von der Erfüllung dieser Forderungen scheint man in gewissen Kreisen – man denke an das Zentralkomitee der deutschen Katholiken – den Anbruch eines kirchlichen Frühlings zu erwarten. Dass alle diese Forderungen in weiten Kreisen des EKD-Protestantismus längst erfüllt sind und dort ihre kirchenleerende Wirkung auf breiter Front entfaltet haben, scheinen die katholischen „Forderer“ nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Nun hat auch die neue, mit vielen Erwartungen begrüßte Generalsekretärin der CDU sich die Forderung, Frauen die Priesterweihe zu erteilen, in ihrer Münsteraner Katholikentagsrede zu eigen gemacht. Da sie dort keineswegs als Privatperson zu sprechen eingeladen war, sondern als Generalsekretärin einer Partei und Abgeordnete des Bundestages, hätte sie bedenken müssen, dass sie, was kirchliche Themen betrifft, als Politikerin äußerste Zurückhaltung hätte üben müssen. Nun aber ist die Verquickung von kirchlichem „Stimmrecht“ und politischem Amt bei Mitgliedern des ZdK eine europäische Besonderheit – ein Erbübel des deutschen Katholizismus. So kam es denn, dass Frau Kramp-Karrenbauer, deren Stellungnahmen zu anderen Themen wie auch ihre Leistung als Ministerpräsidentin allen Respekt verdienen, sich dazu verleiten ließ, auch ihrerseits das Frauenpriestertum zu fordern. Damit hat sie jedoch – als Politikerin wie auch als Katholikin – ihre Grenzen überschritten.

Diese und ähnliche häufig erfolgende Grenzüberschreitungen beruhen indes auf einem grundsätzlichen Missverständnis dessen, was „Kirche“ ist. Kirche ist eben nicht einfach ein Unternehmen, das seine Strukturen und Strategien den Erfordernissen des Marktes und des Augenblicks anpassen muss, um erfolgreiche Bilanzen zu erzielen. In einer solchen Perspektive könnte man die Realisierung der oben genannten Zeitgeist-Forderungen durchaus erwägen…

Aber: Die Kirche ist eben kein menschliches Unternehmen, sondern Stiftung Jesu Christi, des Sohnes Gottes. Die Kirche, die der Apostel Paulus den „Leib Christi“ nennt, ist die durch die Sakramente – der Taufe und der Eucharistie zumal – begründete Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden. Sie ist „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“. Sie lebt darum in ihren eigenen, von ihrem göttlichen Stifter vorgegebenen Formen, Strukturen und Gesetzen, über die kein Mensch verfügungsberechtigt ist. Auch kein Papst und kein Konzil. Erst recht kann es darüber keine demokratische Abstimmung geben. Ein Katholik, der „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ bekennt, ist sich darum dessen bewusst, was kirchliches Lehramt bedeutet.

Es ist der gottmenschliche Stifter seiner – nicht „unserer!“ – Kirche selbst, der seinen Aposteln – und damit deren Nachfolgern – im Apostelamt den Beistand des Heiligen Geistes versprochen hat: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten“ (Johannes 16, 13). So konnte Jesus auch sagen: „Wer euch hört, der hört mich…“

Im Lichte dieser Worte wird klar, was es bedeutet, wenn der heilige Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994 eine seit 2 000 Jahren selbstverständliche, neuerdings aber von feministischen Aktivistinnen bestrittene Glaubenswahrheit definierte: „Damit also jeglicher Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (Lukas 22, 32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“

Indem der Papst sich ausdrücklich auf seine Amtsvollmacht beruft, in einer Angelegenheit des Glaubens für die ganze Kirche eine endgültige Entscheidung trifft und alle Gläubigen darauf verpflichtet, erfüllt Ordinatio sacerdotalis alle Voraussetzungen, die für eine unfehlbare – und das heißt unwiderrufliche – Glaubensentscheidung gefordert sind.

Das aber heißt: Wer dennoch an der Forderung beziehungsweise Möglichkeit der Priesterweihe – und damit auch der Diakonenweihe – für Frauen festhält, hat die Grundlagen des katholischen Glaubens verlassen. Er erfüllt damit den Tatbestand der Häresie, die den Ausschluss aus der Kirche – Exkommunikation – zur Folge hat. Auch den Ausschluss von allen kirchlichen Ämtern etcetera. Das ist in allem Ernst zu sagen – auch gegenüber kirchlichen Amtsträgern. Damit ist kein „Maulkorb“ für freie Meinungsäußerung gegeben – wohl aber ein klarer Verweis auf die Grenzen, innerhalb derer ein katholischer Meinungsaustausch sich zu halten hat, wenn die von Gott geoffenbarte Glaubenswahrheit auf dem Spiel steht. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Auch hier geht es nicht um „meine Kirche“, „unsere Kirche“, sondern um die Kirche Jesu Christi, deren alleiniger Herr Er ist.

Zum Schluss noch eine Frage: Wie kommt es doch, dass seit jenen Tagen der 68er-Revolution die eingangs genannten Themen immer wieder zum Überdruss aufgewärmt werden, obgleich doch klare theologische und lehramtliche Antworten darauf längst gegeben sind? Wer ist es, dessen Agenda hier unermüdlich immer wieder abgearbeitet wird?