Kommentar: Umdenken an der Nulllinie

Von Regina Einig

An das Schwinden der Volkskirche haben sich die Gläubigen gewöhnt. Bei aller Routine lässt aber ein kirchlicher Ausbilder aufhorchen, der vor dem Weltgebetstag für geistliche Berufe unumwunden erklärt, das System stehe vor dem Aus. Hartmut Niehues, Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz, hat die Weichen richtig gestellt, als er in der Münsteraner Bistumszeitung „Kirche und Leben“ aussprach, was viele Kirchgänger befürchten, aber nicht offen zu sagen wagen: Dass das bestehende System in der Seelsorge am Ende ist – und zwar sowohl in den Gemeinden, den Strukturen darüber, als auch in der Priesterausbildung. Bei den Seminaristen sieht der Geistliche die katholische Kirche in Deutschland „quasi an der Nulllinie“ angekommen und verweist pars pro toto auf das Bistum Münster. Nur ein einziger Priesteramtskandidat sei im März ins Gemeindejahr gestartet. Das klingt nach tiefer Diaspora – und zwar bis auf weiteres.

Der Weltgebetstag für geistliche Berufe am Sonntag kann als Korrektiv gesehen werden, den unermüdlichen Aktivismus auf einem Feld zu unterbrechen, wo die Saat in Ruhe reifen soll. Kaum eine Diözese hat in den vergangenen Jahren auf einschlägige Werbung verzichtet. Viel Phantasie und Experimentierfreude waltet, um die Kirche als attraktiven Arbeitgeber darzustellen. Wenn der Traum von geistlichen Berufungen dennoch an der Nulllinie endet, liegt das sicher zu einem Teil an den Laien, denen das Proprium des Weihepriestertums fremd geworden ist. Wer glaubt, ohne Sakramente leben zu können, betet auch nicht für Berufungen. Zum anderen fördert ein selbstreferenzielles System hohle Betriebsamkeit. Nicht wenige Geistliche fühlen sich auf kirchlichen und gesellschaftlichen Nebenschauplätzen heute wohler als im Beichtstuhl und vor dem Tabernakel. Kein noch so ausgeklügelter Ersatzfahrplan mit Haupt- und Ehrenamtlichen führt Priester und Gemeinde an der Grundentscheidung vorbei, was ihnen die Gottesfrage wert ist – und ob das Gebet für geistliche Berufe in der Pfarrei tief verwurzelt ist, oder als einmalige Pflichtübung im Jahr mehr oder weniger unwillig abgespult wird.