Kommentar: Beispiellos illoyal

Von Guido Horst

Guido Horst. Foto: DT
Guido Horst. Foto: DT

Der Sachverhalt ist schwerwiegend. „Undichte Stellen“ hat es im Vatikan immer gegeben. Prälaten, die in Salons oder vertraulichen Kreisen zu viel plauderten, Mitarbeiter von Dikasterien, die einem Journalisten auch einmal die eine oder andere vertrauliche Aufzeichnung zeigten oder mit auf den Weg gaben. Doch die „Dokumentenflucht“, die die römische Kurie seit Januar dieses Jahres erleben muss, stellt das alles in den Schatten. Und wenn schon Vatikansprecher Federico Lombardi höchstpersönlich dem Ganzen den Namen „Vatileaks“ gibt, weiß man, dass es sich um einen Fall von außerordentlicher Bedeutung handelt.

Da ist also jemand oder das sind mehrere, die an zentraler Stelle im Vatikan Zugang zu den vertraulichsten Papieren haben. Nicht in einem Päpstlichen Rat, auch nicht in einer Kommission und ebenfalls nicht in irgendeiner der Kongregationen, die direkt vor dem Petersplatz ihren Amtssitz haben. Nicht umsonst hat der Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi, der die Geheimdokumente seit Monaten Stück für Stück ans Tageslicht bringt und den ganzen Fall nun zu einem 350 Seiten füllenden Machwerk verarbeitet hat, seinem Buch den Titel „Seine Heiligkeit – Die geheimen Papiere Benedikts XVI.“ gegeben. Darum geht es. Der „Maulwurf“ sitzt nicht irgendwo, sondern im zweiten Stock des Apostolischen Palasts, direkt unter dem Stockwerk des Papstes, das heißt im vatikanischen Staatssekretariat. Und nicht irgendwelche Dokumente wandern da in die Öffentlichkeit, sondern Unterlagen, die für den Papst und nur für ihn bestimmt waren.

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geht in zweierlei Richtungen: Die einen interessieren sich für die einzelnen Fälle oder Vorgänge, die durch die vertraulichen Papiere in gewisser Weise „von innen“ beleuchtet werden. Die anderen fragen sich, welches Ziel dahinter steckt, wen man treffen möchte, wenn irgendwer diese Dokumente nach außen schmuggelt. Verschiedene Medien haben in den vergangenen Wochen immer wieder spekuliert, dass der Leiter des vatikanischen Staatssekretariats, Kurienkardinal Tarcisio Bertone, das eigentliche Angriffsziel von „Vatileaks“ ist. Zunächst aber ist einmal festzuhalten, was der eigentliche Skandal, was das eigentliche Übel ist: Da sitzt jemand in der unmittelbaren Nähe des Papstes, der mit einer beispiellosen Illoyalität das Vertrauen missbraucht, das man in ihn setzt. Das Staatssekretariat des Papstes ist eine vatikanische „Behörde“ von etwa hundertfünfzig Mitarbeitern. Wenn jemand das Vertrauen und die Kollegialität in diesem für die Leitung der Weltkirche so entscheidenden Dikasterium zerstören will, dann muss er genau das tun, was seit geraumer Zeit geschieht: Vertrauliche Papiere nach außen befördern. Die Folgen für das Klima in der unmittelbaren Umgebung des Papstes sind verheerend.

Entsprechend drastisch sind die Erklärungen aus dem vatikanischen Presseamt. Wenn in dem Kommuniqué der „Sala stampa“ vom vergangenen Samstag zu den jüngsten Veröffentlichungen päpstlicher Papiere von einem „kriminellen Akt“ die Rede ist, man rechtliche Schritte dagegen unternehmen wolle und gegebenenfalls auch um „internationale“ Unterstützung bitten werde, so liegt das daran, dass der Papst nicht nur die katholische Kirche leitet, sondern auch Staatsoberhaupt ist. In dem Nuzzi-Buch ist ein ausführliches Aide memoire des Leiters der für die Beziehungen zu den Staaten zuständigen Abteilung des Staatssekretariats, Erzbischof Dominique Mamberti, für den Papst wiedergegeben, um diesen auf ein privates Mittagessen mit dem italienischen Staatspräsidenten im Januar 2009 vorzubereiten. Dabei handelt es sich um ein Dokument, wie es in allen Regierungskanzleien der Welt vor Treffen zwischen Staatsoberhäuptern oder Regierungschefs zusammengestellt wird. Aber es hat absolut vertraulich zu bleiben, zumal das nun öffentliche Papier einige Skizzen über den ehemaligen Kommunisten Giorgio Napolitano enthält, die dieser jetzt in einem Enthüllungsbuch nachlesen kann. Peinlich. Die Republik Italien ist der Staat, mit dem der Vatikan immer noch die engsten und organischen Verbindungen pflegt. Da geht es auch um heikle finanzielle und gesetzgeberische Fragen, bei denen Papst und Staatssekretariat sicher sein müssen, dass sie mit dem Staatsoberhaupt vertraulich besprochen werden können.

Auf die „Dokumentenflucht“ hat der Vatikan mit mehreren Maßnahmen reagiert. Der „Promotor Iustitiae“, eine Art Staatsanwalt am obersten Vatikangericht der Apostolischen Signatur, soll die strafrechtlichen Aspekte des Falls prüfen, während das Staatssekretariat selber die administrativen Wege innerhalb der Kurie untersucht. Die vatikanische Gendamerie ist dabei, den oder die Täter zu ermitteln, und zusätzlich hat die Sonderkommission der drei Ruhestands-Kardinäle Herranz, Tomko und De Giorgi vom Papst den Auftrag erhalten, Licht ins Dunkel zu bringen. Erfolg ist von diesen bisher niemandem beschieden. Immerhin kommt erschwerend hinzu, dass der „Maulwurf“ die fraglichen Papiere schon vor Monaten zur Seite geschafft haben könnte und jetzt nur noch den „toten Mann“ spielen muss. Und dass Gianluigi Nuzzi seinen Informanten preisgibt, ist auch nicht zu erwarten.

Für die römische Kurie ist der Fall ein Skandal allergrößten Ausmaßes. Er lähmt den Apparat des Papstes und gibt Anlass zu Spekulationen über Machtkämpfe aller Art hinter den Mauern des Vatikans. Benedikt XVI. hat ein wirkliches Problem. Und vielleicht ist er es selber, den „Vatileaks“ treffen soll, und nicht „nur“ Kardinalstaatssekretär Bertone, der im Dezember 78 Jahre alt wird und dann endgültig die Altersgrenze erreicht hat, ab der er in den Ruhestand gehen könnte. Der Papst kann das nicht.