Kirchen müssen gemeinsam für Menschenwürde eintreten

Benedikt XVI. fordert Zeugnis für Gott – Zweiter Tag der Papstreise stand im Zeichen der Ökumene. Von Johannes Seibel

„Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muss es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die Antwort zu geben, die sie braucht.“ Papst Benedikt XVI. beim Ökumenischen Gottesdienst im Augustinerkloster in Erfurt. Foto: dpa
„Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muss es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen... Foto: dpa

Erfurt (DT) Papst Benedikt XVI. fordert von den Kirchen ein gemeinsames Eintreten für Menschenwürde und Menschenrechte. Sie sollten nicht nur Spaltungen beklagen, sondern „Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt“, sagte der Papst am Freitag im ökumenischen Gottesdienst im Erfurter Augustinerkloster. „Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muss es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die Antwort zu geben, die sie braucht.“ Papst Benedikt XVI. warnte davor, diesen drohenden Gottesverlust nicht ernst zu nehmen, da er schleichend vonstatten gehe. Im Erfurter Augustinerkloster fand der erste ökumenische Gottesdienst eines Papstes in einem evangelischen Sakralgebäude in Deutschland statt. Daran nahmen auch Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel teil.

Voraussetzung für eine größere ökumenische Gemeinsamkeit sei ein „gemeinsames Hineindenken und Hineinleben in den Glauben“. Zentral für dieses Zeugnis sei der Bezug auf Jesus Christus. Dieser habe mit seinen Worten im Abendmahlsaal ein Vermächtnis für alle Zeiten hinterlassen. „Er blickt über den Abendmahlssaal hinaus in die Zukunft hinein. Er hat gebetet auch für uns. Und er bittet um unsere Einheit. Dieses Gebet Jesu ist nicht einfach Vergangenheit. Immer steht er fürbittend für uns vor dem Vater, und so steht er in dieser Stunde mitten unter uns und will uns in sein Gebet hineinziehen. Im Gebet Jesu ist der innere Ort unserer Einheit,“ so der Papst.

Daraus wiederum erwüchsen Ansatzpunkte für gemeinsames praktisches Handeln der Kirchen mit Blick etwa auf Biomedizin oder die Gestaltung der Globalisierung. „Wir leben in einer Zeit, in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod“, sagte das Kirchenoberhaupt. Die christliche Nächstenliebe verlange auch den Einsatz der Christen für Gerechtigkeit in der Welt. Benedikt XVI. dankte allen, die sich um ökumenische Fortschritte bemühen. Besonders erwähnte er den Mainzer Kardinal Karl Lehmann. Er war führend an einer „Gemeinsamen Ökumenischen Kommission“ beteiligt, die 1980 im Anschluss an den Deutschland-Besuch von Papst Johannes Paul II. von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der EKD gegründet wurde. Sie veranlasste ein Studienprojekt „Lehrverurteilungen – kirchentrennend?“, das wichtige Vorarbeiten zur gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen Vatikan und Lutherischem Weltbund leistete.

Seinerseits für den Einsatz des damaligen Kardinal Joseph Ratzinger für diese gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre hatte sich zuvor im Kapitelsaal des Augustinerklosters Präses Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), beim heutigen Papst Benedikt VI. bedankt. „Sie, lieber Bruder in Christus, haben wesentlich Anteil daran, dass dies gelungen ist“, sagte Schneider. Auch der EKD-Vorsitzende sprach in Erfurt von den „großen gemeinsamen Herausforderungen angesichts von Gott-Vergessenheit, Orientierungslosigkeit und Verunsicherung“. Deswegen, so Schneider, sei es an der Zeit für eine Ökumene der Gaben, „in der unsere Charismen sich ergänzen und einander erhellen“. Schneider nahm in Erfurt auch die Ausführungen des Papstes über die Freiheit an dessen ersten Besuchstag in Berlin auf – und der EKD-Vorsitzende pflichtete bei, dass es sich bei einer christlich verstandenen Freiheit nicht „um eine unverbindliche Beliebigkeit“ handeln dürfe. „Denn wir haben von den Reformatoren und im Grunde vom Kirchenvater Augustinus gelernt, dass nur Freiheit, die im Zusammenspiel von Freiheit und Bindung begriffen wird, wahre Freiheit ist“, so Schneider.

Die Präses der Synode der evangelischen Kirche in Deutschland, Katrin Göring-Eckardt, wertete den Gottesdienst im Augustinerkloster als Zeichen der gemeinsamen Sehnsucht von Katholiken und Protestanten nach Gott. „Wir haben ein Fundament, das Wort Gottes, und wir haben einen gemeinsamen Grund, die Heilige Taufe“, sagte sie. Göring-Eckardt erinnerte an das Glaubenszeugnis der Christen in der DDR. Luthers Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ sei für sie ein kämpferisches Wort gewesen. „Wir konnten getrost wissen, dass Gott größer ist, größer als die kleinbürgerliche SED sowieso, größer als die martialische Stasi aber eben auch. Und gewiss größer als das ganze heuchlerische, unterdrückerische System, das die Menschen klein und den Glauben unsichtbar machen wollte.“ Aus der Geschichte habe man lernen können: „Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen, dann brechen sie von innen auf, weil die Menschen von der Freiheit wissen.“

Der ökumenische Wortgottesdienst im Erfurter Augustinerkloster war durch eine vielfältige Symbolik gekennzeichnet. Vor dem Gottesdienst wurden Lesungen von Augustinus, dem Kichenvater Cyprian, Dietrich Bonhoeffer und aus der Enzyklika „Ut unum sint“ von Johannes Paul II. gelesen. Papst Benedikt XVI. sprach ein Gebet zum Eingang, Kardinal Kurt Koch hielt die Lesung aus dem Johannes-Evangelium. Die Fürbitten beteten Kardinal Walter Kasper und der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller für die katholische Kirche, Elke Eisenschmidt und Professor Christiane Tietz für die evangelischen. EKD-Vorsitzender Schneider und der Papst sprachen gemeinsam den Segen.

Insgesamt ist Papst Benedikt XVI. am gestrigen Freitag in Thüringen herzlich empfangen worden. Alle Lokalzeitungen erschienen mit Sonderausgaben und Umfragen zum elf Millionen teuren Besuch im Bistum – die Antworten auf die Fragen fielen größtenteils wohlwollend aus.