Kirche bleibt Motor der Versöhnung

Prag: Die Vorsitzenden der Deutschen und Tschechischen Bischofskonferenzen erinnern an einen historischen Briefwechsel vor zwanzig Jahren – Aussöhnung zwischen beiden Ländern als Ziel bekräftigt. Von Martin Kastler

Geglückte Aussöhnung: Zwanzig Jahre nach dem Briefwechsel umarmen sich die Erzbischöfe Robert Zollitsch und Dominik Duka beim Friedensgruß. Foto: kna
Geglückte Aussöhnung: Zwanzig Jahre nach dem Briefwechsel umarmen sich die Erzbischöfe Robert Zollitsch und Dominik Duka... Foto: kna

Prag (DT) Es war ein bewegendes Treffen – ein Treffen zur rechten Zeit: Exakt zwanzig Jahre nach dem ersten Briefwechsel zur Versöhnung zwischen deutschen, tschechischen und slowakischen Bischöfen haben sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, und der Vorsitzende der Tschechischen Bischofskonferenz, Erzbischof Dominik Duka OP, am Donnerstag auf Einladung der Ackermann-Gemeinde hin in Prag getroffen und – zukunftsgewandt – ihren Willen zur weiteren Aussöhnung bekräftigt.

„Wir Christen sind überzeugt, dass Gott in Jesus Christus alle Gräben von Versagen und Schuld überbrückt hat. Deshalb dürfen wir die Freiheit und den Mut haben, trotz allem Dunkel, allem Leid und aller Verfeindung, die die Geschichte unserer Völker überschatten, in Liebe und Wahrheit dem Geist der Versöhnung zu folgen“, sagte der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch in seiner Rede zum Festakt im Erzbischöflichen Palais in Prag. „Eben diese Freiheit und diesen Mut haben die Bischöfe unserer Länder vor zwei Jahrzehnten aufgebracht.“

Es war ein einfacher Brief, abgeschickt im Erzbischöflichen Palais in Prag, adressiert an die deutschen Bischöfe – und doch ein Dokument von hoher moralischer Bedeutung. Worte als Initialzündung für einen Dialog der Kirchen, der Taten der Versöhnung möglich machte. Ein Dialog, der bis heute anhält und der der Politik in manchen Belangen einen Weg wies, der für viele noch zu gehen ist.

Erzbischof Zollitsch betonte dies in seiner Rede ausdrücklich: „Versöhnung berührt die Tiefenschichten der Beziehungen und wagt sich an die Verwundungen und Brüche der Identität. Gefordert ist die Bereitschaft, die Opfer in den Mittelpunkt der Erinnerung zu stellen, Leiden anzuerkennen und sich auf ihre Perspektive einzulassen.“ Gott sei Dank hatte Erzbischof František Kardinal Tomášek schon 1990 diesen Mut und den Weitblick dazu. Seine Briefe wurden zu einem Symbol für den Beginn einer neuen Ära der Nachbarschaft nach Mauerfall und Samtener Revolution. Sein Tun war mit entscheidend auf dem Versöhnungsweg des damaligen Präsidenten Václav Havel. Es steht in der Tradition der Vermittlung, wie Papst Johannes Paul II. sie persönlich lebte.

Zwanzig Jahre später stellt Erzbischof Duka fest: Wir haben die gemeinsame Geschichte verarbeitet und erleben eine bedeutende Besserung der Beziehungen zwischen den Ländern und den Menschen. „Der gemeinsame Weg tschechischer und deutscher Bischöfe hatte dann nach 1990 seine Fortsetzung in weiteren Initiativen, gründend auf dem Bestreben, die Wunden der Vergangenheit zu heilen, eine Wiederbelebung des nationalen Egoismus nicht zuzulassen, den Geist von Vergeltung, Verdächtigungen und Hass abzulehnen, im Gegenteil das zu suchen, was uns einander näherbringen kann“, so Erzbischof Duka.

Diesen Gedanken führte der tschechische Außenminister Karl zu Schwarzenberg fort, der sich in seiner Festrede der Zukunft und konkreten Schritten einer Erneuerung der deutsch-tschechischen Nachbarschaft widmete: Die Christen auf beiden Seiten hätten in der Samtenen Revolution mit die ersten Schritte getan. Nun sei es Aufgabe der Jugend, der Nachgeborenen, diesen Weg weiterzugehen im Zeichen der Versöhnung. Es gelte, miteinander – nicht übereinander – zu reden und anzupacken, um das Miteinander einer geschichtlich gemeinsam gewachsenen Region weiterzubauen. Das sei eine Chance für Tschechien und Deutschland, die Zukunft einer in Freundschaft und Frieden aufgewachsenen Generation. Schwarzenberg setzte damit das klare Signal, weiterzubauen an einer engen, vertrauensvollen Partnerschaft in der neuen Mitte Europas – einer ehemaligen Grenze, die heute verbindet und Ort gelebter Versöhnung ist.

Was bleibt nun nach dem Treffen? Es ist auch eine neue politische Dimension. Kirchliche Vertreter – aber auch der tschechische Außenminister Fürst zu Schwarzenberg – haben es klar gesagt: Der Weg für Tschechen und Deutsche in Europa ist ein Weg der Versöhnung. „Die Gemeinsamkeit des Glaubens ermöglichte uns, den Weg der Versöhnung weiter zu ebnen sowie den ähnlich orientierten Initiativen auf dem Gebiet politischer Vereinbarungen zwischen unseren Ländern vorauszugehen und sie zu inspirieren“, so Erzbischof Duka. Im konkreten, greifbaren Miteinander liegt die Chance. Die Kirchen haben ihre Bereitschaft gezeigt, weiter Motor der Aussöhnung zu sein. Die Politik ist eingeladen, dem zu folgen: Jetzt, zur rechten Zeit – weiter vereint in Liebe und dem Mut zur Freiheit.

Martin Kastler ist Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde und Mitglied des Europäischen Parlaments.