Keine Legende, sondern Wirklichkeit

Bei einer Tagung der Görres-Gesellschaft in Freiburg zieht der Altphilologe Otto Zwierlein seine These zurück, Petrus sei nie in Rom gewesen

Freiburg (DT) Selten haben die Altertumswissenschaftler der katholischen Gelehrtenvereinigung der Görres-Gesellschaft solche Aufmerksamkeit erfahren wie bei der diesjährigen Generalversammlung in Freiburg vom 25. bis 29. September. Ihr Mitglied Otto Zwierlein, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Altphilologie in Bonn, machte jüngst von sich reden durch sein Buch „Petrus in Rom“ (2009), in dem er vehement und scharfsinnig nachweisen wollte, dass der Apostel Petrus nie nach Rom gekommen sei und sein dortiges Martyrium auf eine Legende des späten zweiten Jahrhunderts zurückgehe. Mit dieser radikalen Kritik an der römischen Petrustradition hatte sich Zwierlein gegen den konfessionsübergreifenden Konsens der vergangenen fünfzig Jahre gestellt, wonach man vom tatsächlichen Martyrium der Apostelfürsten Petrus und Paulus in Rom aus archäologischen wie historischen Gründen ausgehen müsse. Der Katholik Zwierlein erneuert damit eine Position, die bis zum Zweiten Weltkrieg, also bis vor den archäologischen Grabungen unter dem Petersdom, von den meisten nicht-katholischen Autoren vertreten worden war – natürlich auch, um dadurch den Papstprimat zu desavouieren.

Die Görres-Gesellschaft wollte sich nun der neu entfachten Diskussion stellen. Bereits im Februar hatte am Römischen Institut der Görres-Gesellschaft eine Tagung zur Petrusfrage stattgefunden, aus der eine erste Veröffentlichung unter dem Titel „Blutzeuge. Tod und Grab des Petrus in Rom“ hervorging. Bereits der Buchtitel machte klar, dass sich die römische Tagung nicht mit den Thesen Zwierleins anfreunden konnte. Nun kam es auf der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft in Freiburg zu einer weiteren Serie von Vorträgen unter Leitung der Professoren Raban von Haehling aus Aachen, Volker Strocka aus Freiburg und Meinolf Vielberg aus Jena. Und diesmal war Otto Zwierlein selbst dabei. Er hielt den Eröffnungsvortrag, in dem er seine Thesen nochmals vertrat.

Er begann mit dem Bekenntnis, er habe sein Buch „Petrus in Rom“ eigentlich gegen sich selbst geschrieben, insofern er am liebsten ein anderes Ergebnis gehabt hätte, nun aber aufgrund der philologischen Fakten bekennen musste, dass es nach den Textquellen zu urteilen keinen Petrus in Rom gegeben habe. Sein Vortrag fand spontanen Beifall bei Reinhard Hübner aus München, der sich nun überzeugt sah, dass Petrus nicht in Rom gewesen sein könne. Die meisten anderen Teilnehmer verhielten sich zurückhaltender und blieben eher skeptisch.

Die folgenden Vorträge von Wilhelm Blümer aus Mainz, Wolfgang Lebek aus Köln, Hugo Brandenburg aus Rom, Walter Ameling aus Köln, Tassilo Schmitt aus Köln und Michael Durst Chur liefen alle darauf hinaus, dass man weiter von einer echten römischen Überlieferung auszugehen habe, wonach Petrus in Rom wirkte und dort den Märtyrertod starb. Eine solche Überlieferung lasse sich durchaus schon für das Ende des erste Jahrhunderts und die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts aufzeigen. Dabei kamen erstaunliche neue Überlegungen ins Spiel, die sich vor allem auf das Tacituszeugnis über den Brand Roms unter Nero, den ersten Clemensbrief, die Ankündigung des Martyriums des Petrus im Anhang des Johannesevangeliums und die Petrusapokalypse bezogen. Ferner wurde von Hugo Brandenburg bestätigt, dass man aufgrund des archäologischen Befunds seit 160 nach Christus mit einer Verehrungsstätte des Petrus am Vatikan rechnen muss. Das „Tropiaon des Gaius“ wurde allerdings auf einer Überschwemmungsschicht errichtet, sodass eine frühere tiefere Grablege des Apostels keinesfalls ausgeschlossen, jedoch nicht mehr nachweisbar ist.

Zum Schluss der Tagung meldete sich Zwierlein zu Wort und sagte, er habe seinem Freund Christian Gnilka in Münster schon vor Monaten geschrieben, wenn jemand gegen sein Buch überzeugende Gründe vorbringe, dass Petrus in Rom gewesen sei, sei er der Erste, der sich ihm anschließen werde. Nachdem die Tagung nun vorbei sei, wolle er gerne gestehen, dass er sich durch eine Reihe von Überlegungen habe überzeugen lassen. Er wolle seine These nicht mehr aufrechthalten. Er habe mit seinem Buch, was die Petrusfrage betreffe, einen Weg eingeschlagen, den er nicht weiter verfolge, sei aber doch froh, durch sein Buch wenigstens zu einer lebhaften und klärenden Diskussion und Zuspitzung der Positionen beigetragen zu haben. Das vollbesetzte Auditorium zollte bewegt Beifall. Alle waren sich einig, dass es von seltener Größe und höchstem wissenschaftlichen Ethos zeugt, seine Meinungsänderung so klar zu bekennen. Ein besseres Zeugnis hätte sich die Görres-Gesellschaft nicht ausstellen können. Ihre nächste Generalversammlung findet im Herbst 2011 in Trier statt.