„Keine Kultur des Misstrauens schaffen“

Brief des Erzbischofs von München und Freising, Reinhard Marx, an die Gläubigen der Diözese zur Missbrauchs-Debatte

Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, hat mit Blick auf den aktuellen Brief des Heiligen Vaters an die Kirche in Irland und die derzeitige Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen einen Brief an die Gläubigen seiner Diözese gerichtet, der am Sonntag in den Gottesdiensten verlesen wurde. „Die Tagespost“ dokumentiert den Brief im Wortlaut.

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Fastenzeit des Jahres 2010 ist für uns als Kirche in Deutschland wirklich zu einer Bußzeit geworden, mehr als wir es anfangs ahnen konnten. Seit Wochen beherrscht das Thema von Missbrauch und Misshandlungen in kirchlichen Einrichtungen die Öffentlichkeit in ganz Deutschland. Mittlerweile gibt es auch viele Einrichtungen aus dem nichtkirchlichen Bereich, die betroffen sind. Aber dennoch: Uns bewegt, ja erschüttert es, dass inmitten des Volkes Gottes Mitarbeiter der Kirche Kinder und Jugendliche missbraucht und misshandelt haben. Auch wenn viele Vorgänge Jahrzehnte zurückliegen: die Folgen, die die Opfer oft ihr ganzes Leben lang zu tragen haben, das Entsetzen und die Scham bleiben. Als Kirche bitten wir gemeinsam um Vergebung für das, was von Mitarbeitern der Kirche, besonders wenn es sich um Priester und Ordensleute handelt, Kindern und Jugendlichen zugefügt wurde. Wir wollen alles tun, um aufzuklären, den Opfern zu helfen und jedem Versuch der Verharmlosung und Vertuschung zu widerstehen.

Natürlich gibt es auch viele, die angesichts dieser Nachrichten die Kirche und ihre Priester unter Generalverdacht stellen und undifferenziert in der Darstellung sind. Es wird vergröbert und verzerrt. Deswegen ist es unsere Verpflichtung, immer wieder genau hinzuschauen, gerecht zu bleiben und wahrhaftig.

Ich meine aber: Jetzt ist nicht die Stunde, andere zu beschuldigen und Kampagnen der Medien zu beklagen, sondern mutig und offen im eigenen Bereich aufzuklären und der Wahrheit ins Auge zu schauen. Nur dann können wir einen guten Weg in die Zukunft gehen und in einer geistlichen Erneuerung der Welt zeigen, dass und wie Schuld aufgearbeitet werden kann. Und wir werden zeigen, dass wir alles versuchen, um zukünftig unsere Schulen, Einrichtungen und Pfarreien noch intensiver zu Orten zu machen, an denen Kinder und Jugendliche zu starken Persönlichkeiten heranreifen können, wo sie Schutz und Entwicklungsmöglichkeit erfahren und den Weg des Evangeliums kennenlernen, der der Weg in die wahre Fülle des Lebens ist.

Ich habe auch einen Brief an die Priester unseres Erzbistums geschickt, um ihnen zu versichern, wie sehr ich mit ihnen gerade in diesen Wochen verbunden bin, denn es darf keinen Generalverdacht geben! Die überwältigende Zahl unserer Priester, Ordensleute und Mitarbeiter arbeitet mit großem Engagement im Dienst für die Menschen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich bitte Sie herzlich, besonders für die Priester zu beten, ihnen menschlich zur Seite zu stehen und ihnen zu helfen. Wir dürfen in unseren Pfarreien, Gruppen und Verbänden keine Kultur des Misstrauens schaffen. Jetzt ist eine krisenhafte Situation, aber es liegt auch an uns allen, ob wir diese Krise als Anruf des Herrn begreifen, uns neu auf den Wg zu machen, zu lernen, aufmerksamer füreinander zu sein, auch in wohlwollender Kritik, im ermutigenden Wort, in der geistlichen Vertiefung unseres Lebens durch Gebet und die Feier der Hl. Eucharistie. Ich weiß durch die Begegnungen in unserem Erzbistum, wieviel guter Wille und feste Bereitschaft da ist, sich im Glauben nicht beirren zu lassen und gerade jetzt in der Gemeinschaft des Volkes Gottes treu zusammenzustehen.

Ich verspreche Ihnen, dass ich für dieses Erzbistum, das mir der Heilige Vater anvertraut hat, weiter mit ganzer Kraft arbeiten werde. Auch mich haben die letzten Wochen erschüttert und betroffen gemacht. Aber gerade in diesen Tagen vor Ostern möchte ich mich mit Ihnen zusammen neu auf den Weg des Glaubens machen. Liebe Schwestern und Brüder, deshalb bitte ich Sie herzlich, auch im persönlichen Gebet besonders für die zu beten, die als Kinder und Jugendliche misshandelt oder missbraucht wurden, und die an Leib und Seele Schaden genommen haben. Wer glaubt, ist nicht allein, so hat es Papst Benedikt XVI. formuliert. Ich hoffe und bete, dass wir an Ostern gestärkt werden in der Überzeugung: Christus ist auferstanden und er geht mit uns.