Kardinal Schönborn warnt vor eugenischen Tendenzen

Österreichs Bischöfe kritisieren Urteil des Obersten Gerichtshofs

Wien (DT) Ein absolutes gesetzliches Verbot jeglicher verbrauchender Forschung mit embryonalen Stammzellen forderte die Österreichische Bischofskonferenz bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Schloss Reichenau. Dieses Verbot müsse auch den Import menschlicher embryonaler Stammzellen einschließen. Wörtlich heißt es dazu in einer Stellungnahme der Bischofskonferenz: „Die Tötung menschlicher Embryonen zur Gewinnung embryonaler Stammzellen ist mit der Menschenwürde und dem von der Staatengemeinschaft anerkannten und geschützten Menschenrecht auf Leben unvereinbar.“

Als Vorsitzender der Bischofskonferenz begründete Kardinal Christoph Schönborn diese an den Gesetzgeber gerichtete Forderung mit dem Nachweis pluripotenter Stammzellen, die direkt aus Zellen geborener Menschen gewonnen werden können. Dadurch habe sich „eine völlig neue Situation ergeben“. Ein Rückgriff auf embryonale Stammzellen sei mit den Erfordernissen der Forschung nicht mehr begründbar. Die Bischofskonferenz appelliert an die Verantwortlichen in Staat, Wirtschaft und Industrie, alles daran zu setzen, „im Interesse der Patienten die heute schon erfolgreichen Therapien mit ethisch unproblematischen adulten Stammzellen weiter auszubauen“.

Nach seinen Informationen gebe es bereits 150 nachgewiesene therapeutische Erfolge mit adulten, pluripotenten Stammzellen, aber nicht einen einzigen mit embryonalen, berichtete Schönborn bei einer Pressekonferenz am Freitag in Wien.

Kritisch nahm die Bischofskonferenz zu einem Urteil des Obersten Gerichtshofes (OGH) Stellung, der den gesamten Unterhalt für ein behindertes Kind jenem Krankenhaus aufbürdete, das die Behinderung pränatal nicht erkannte und damit die Abtreibung des Kindes verhinderte (siehe Seite 3).

Diese Entscheidung stützt nach Ansicht der österreichischen Bischöfe „eine in der Gesellschaft ohnehin verbreitete Haltung, das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung in Frage zu stellen“. Dies sei folgenschwer: „Dadurch werden Angstdiagnosen gegen ungeborene Kinder gefördert und die Eltern weiteren Verunsicherungen ausgesetzt“, so die Bischofskonferenz. Kardinal Schönborn nannte es unannehmbar, „dass eugenische Praktiken wieder gang und gäbe werden“. Die Bischöfe appellieren in einer Erklärung an den Gesetzgeber, „umgehend Bestimmungen umzusetzen, die das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung sicherstellen und Schadensersatzzahlungen aus der Tatsache der Geburt eines Menschen verunmöglichen“.

„Es fehlt nur der

politische Mut. Es wäre der Mut, das

Lebensfördernde

zu stärken“.

Kardinal Schönborn erinnerte auf eine Frage dieser Zeitung daran, dass bereits vor dreißig Jahren sogenannte „flankierende Maßnahmen“ zur Fristenregelung seitens der Politik versprochen, aber nie eingeführt wurden. „Wann ist das Bewusstsein endlich soweit, dass man diese Fragen endlich angeht?“, fragte Schönborn, der „im Interesse der Menschenwürde und des Lebensschutzes“ an die Politik appellierte, tätig zu werden. Wörtlich sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz: „Es fehlt nur der politische Mut dazu. Es wäre der Mut, das Lebensfördernde zu stärken.“ Kardinal Schönborn warnte vor einem „demographischen Kollaps“ und betonte, dass es für die Gesellschaft hierbei um eine Zukunftsentscheidung gehe.

Eine deutliche Mahnung an die Politik sprachen die Bischöfe auch zum Thema Klimaschutz aus: Der österreichische Alpenraum gehöre zu jenen Regionen Europas, die am stärksten vom Klimawandel betroffen seien. Die Temperaturerhöhung in den Alpen sei mehr als doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt. So würden sich die Schäden durch Überschwemmungen, Stürme, Dürreperioden und Waldbrände vervielfachen. Wörtlich heißt es in einer Stellungnahme der Bischofskonferenz: „Um diese Folgen des Klimawandels einzudämmen, müssen nach Auskunft der Wissenschaftler die Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent gesenkt werden. Österreich ist verpflichtet, in diesem Zusammenhang einen entsprechenden Anteil zu leisten.“ Für die Bischöfe bedeute dies auch eine „Selbstverpflichtung für die katholische Kirche in Österreich, sich im eigenen Bereich für den Schutz der Umwelt, für Nachhaltigkeit und für einen Lebensstil einzusetzen, der der Verantwortung für die Schöpfung entspricht.“

Kardinal Schönborn erinnerte anlässlich der Entführung des Erzbischofs von Mossul (Irak) daran, dass Mesopotamien „zu den ältesten Ländern der Christenheit“ zähle und viele der bekannten Kirchenväter dort ihre Heimat gehabt hätten. Heute sei die Lage der Christen im Irak stark bedrängt. Es sei zu hoffen und zu bitten, „dass die Christen des Irak als gleichberechtigte Bürger leben können“.

Die Bischofskonferenz nahm in einer eigenen Erklärung zum historischen Jubiläum des Anschlusses Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 Stellung. Kardinal Schönborn erinnerte daran, dass vor siebzig Jahren viele über den Einmarsch der deutschen Truppen gejubelt hätten, „weil sie das kleine Österreich nicht für lebensfähig hielten“. Tausende seien aber auch in Konzentrationslager gegangen.

Die Bischofskonferenz gedachte dankbar jener Christen, „die bis in den Tod dem Evangelium treu geblieben sind“ und „die damals den Mut hatten, gegen den Strom zu schwimmen“. Weiter heißt es in einer Erklärung der Bischöfe: „Die absurde Ideologie des Nationalsozialismus kam nicht von ungefähr; sie baute auf einem verbreiteten Weltbild auf, das an die Stelle der Überzeugung von der gleichen Würde aller Menschen auf Grund ihrer Gottebenbildlichkeit rassistische, antisemitische, nationalistische und völkische Fantasien gesetzt hatte.“