Kardinal George Pell: „Kein Täter, sondern ein Sündenbock“

Die Ungereimtheiten im Fall des verurteilten Kardinals George Pell lassen aufhorchen. Von Katrin Krips-Schmidt

Kardinal George Pell für schuldig befunden
Kardinal George Pell wurde nach Meinung zahlreicher Beobachter ohne echte Beweise verurteilt. Foto: dpa

Die Ungereimtheiten im Fall von Kardinal George Pell lassen aufhorchen. Nach der Bekanntgabe des Urteils eines australischen Gerichts gilt der Würdenträger in den Augen vieler Berichterstatter als ein der Tat überführter Kinderschänder. Die Reaktionen von Experten deuten indes in eine andere Richtung: Der Schuldspruch sei vor allem durch eine öffentliche „Vorverurteilung“ zustande gekommen, außer der Aussage eines einzigen vermeintlichen Opfers gebe es keine Beweise für ein Fehlverhalten des Kardinals. Die Zeitung „The Guardian“ veröffentlichte Statements von Personen, die den Kardinal für unschuldig halten und ihn verteidigen.

So machte Greg Craven, Vizekanzler und Präsident der Australian Catholic University, australische Polizei und Medien für den Ausgang des Prozesses verantwortlich. Teile der Medien hätten Jahre mit dem Versuch verbracht, dafür zu sorgen, dass Pell zur „meist verhassten Gestalt in Australien“ gemacht werde: „Offenbar wollten sie ihn auf der Anklagebank als Monster, aber nicht als Angeklagten sehen.“ Der Jesuitenpater und Menschenrechtsanwalt Frank Brennan, der an einigen der Verhandlungen teilnahm, kritisierte, dass die – hinter verschlossenen Türen gemachte – Aussage des vermeintlichen Opfers „konfus“ gewesen sei und dass die Jury die überzeugenden Argumente der Verteidigung nicht beachtet habe. Brennan schrieb: „Die Behauptung, dass die zur Last gelegten Delikte unmittelbar nach der Messe, von einem mit vollem Ornat bekleideten Erzbischof in der Sakristei bei offener Tür und mit vollem Einblick vom Flur aus begangen wurden, schien meiner Meinung nach unbegreiflich.“

Darauf hatte der Kardinal selbst bereits vor gut zweieinhalb Jahren bei einer Befragung durch die Polizei hingewiesen. Nach dem Urteilsspruch veröffentlichten die Behörden nun ein Video des 42-minütigen Verhörs, für das australische Polizeibeamte im Oktober 2016 eigens nach Rom gereist waren. „Man kann sich kaum einen Ort vorstellen, der ungeeigneter wäre, pädophile Verbrechen zu begehen, als die Sakristei einer Kathedrale nach der Messe“, erklärte Pell bereits damals. Die Vorwürfe gegen ihn seien ein „Produkt der Fantasie“, „komplett falsch, Wahnsinn“, „ein Haufen absoluter und infamer Müll“.

Der News Corp-Kolumnist Andrew Bolt stellt fest: Pell „ist ein Sündenbock, aber kein Kinderschänder“. Er solle „für die von seiner Kirche begangenen Sünden bezahlen“. Bolts Meinung nach sei der Fall „unser eigener O. J. Simpson-Fall, nur im umgekehrten Sinne. Ein Mann, der nicht aufgrund der Fakten, sondern aufgrund von Vorurteilen schuldig gesprochen wurde.“

Die nach dem Urteil eingelegte Berufung werde auf drei Hauptgründen beruhen, wie Pells Verteidiger Robert Richter mitteilte: „unreasonableness“ (im deutschen Recht etwa „Fehler bei der Beweiserhebung“ oder „Fehler bei der Beweiswürdigung“), das Verbot, während der Schlussrede ein animiertes Video zu zeigen, sowie die Zusammensetzung der Jury. Das Video, so meint Richter, würde beweisen, wie unmöglich es für Pell gewesen sei, nach der Messe so lange für das Begehen der ihm zur Last gelegten Taten allein geblieben zu sein. Rechtsexperten und Strafverteidigern zufolge werde der Berufung vermutlich stattgegeben. Sie habe eine gute Aussicht auf Erfolg – wegen „unreasonableness“, wohinter die Auffassung steht, dass die Jury ein Urteil gefällt habe, das sich nicht auf Beweise stützte. Dies sei ein häufig vorgebrachter Grund für Berufungen, erklärte Jeremy Gans, Professor an der juristischen Fakultät der Melbourne University und dort Fachmann für Strafverfahren und Berufungen. Schließlich werde Richter auch wegen der Zusammensetzung der Jury Revision einlegen. Laut Gans könne das Verschiedenes heißen: „Zum Beispiel könnten Strafverteidiger erfahren haben, dass einer der Geschworenen ein Familienmitglied des Opfers kennt oder dass einer der Geschworenen selbst sexuell missbraucht wurde und deswegen eine vorgefasste Meinung hat.“ Darüber hinaus habe, so Gans weiter, eine Revision in diesem Fall aus mehreren Gründen eine gute Aussicht auf Erfolg: unter anderem deshalb, weil es nur einen einzigen Hauptbelastungszeugen gab und weil das zweite Opfer vor seinem Tod im Jahr 2014 angab, niemals sexuell missbraucht worden zu sein.

Verteidiger Richter hatte sich nach einer missverständlichen Äußerung für seine „vollkommen unangemessene Wortwahl“ entschuldigt. Bei der Unterredung mit dem Richter, bei der es um das angemessene Strafmaß auf der Grundlage des Urteils ging, hatte er argumentiert, diese Straftaten seien bloß ein Fall von „Blümchensex“ (auf Englisch: „plain vanilla sex“) gewesen. Dabei handelte es sich um eine Aussage, die Richter „im Bestreben, eine milde Strafe zu erlangen“, von sich gab und die in keiner Weise als Schuldeingeständnis interpretiert werden könne. Gans betonte Richters guten Leumund und sagte, er sei „als einer der Großen hoch angesehen. Sie werden wohl kaum einen Verteidiger finden, der ihn kritisieren würde.“

Der kanadische Priester Raymond de Souza hält im „National Catholic Register“ den Prozess gegen Pell für eine „religiöse Verfolgung“. Er fasst die Faktenlage zusammen: „Kardinal Pell wurde somit aufgrund der Aussage eines einzigen Zeugen für schuldig erklärt, der eine unglaubliche Geschichte präsentierte – ohne Bestätigung, ohne jegliches handfestes Beweismaterial und ohne, dass es bei dem Kardinal ein entsprechendes früheres Verhaltensmuster gegeben habe. Es erging eine Verurteilung, obwohl der vermeintliche Täter energisch darauf bestand, dass nichts dergleichen jemals stattfand [es stand also Aussage gegen Aussage]. Noch erstaunlicher ist, dass die Jury Kardinal Pell des Angriffs des zweiten Jungen für schuldig befand, obwohl dieser gegenüber seiner eigenen Familie verneinte, jemals sexuell missbraucht worden zu sein. Dieses zweite vermeintliche Opfer starb 2014. Es brachte nie eine entsprechende Beschwerde vor, wurde nie von der Polizei befragt und wurde nie vor Gericht angehört.“

Mitte März wird das Strafmaß für Kardinal Pell verkündet. Dann wird die Verteidigung Berufung gegen das Urteil einlegen. Vorerst letzter Akt des Dramas: Der Verteidiger des Kardinals, Robert Richter, hört auf. Für die Berufung soll nun Anwalt Bret Walker aus Sydney Pells Juristenteam anführen. Richter erklärte gegenüber der australischen Zeitung „The Sydney Morning Herald“, es sei besser für den Kardinal, wenn er von jemandem unterstützt werde, der mehr Distanz aufbringen könne. Richter selbst sei emotional zu sehr beteiligt. „Ich bin sehr ärgerlich über das Urteil, weil es pervers ist.“ Pell sei unschuldig und trotzdem verurteilt worden.