Junge Federn: Und ist Mensch geworden

Kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung. Von Fabian Brand

Marias Milch (II)

Glockenläuten – Dreimal am Tag beginnen die Glocken zu läuten und klingen gut vernehmbar weit über die Häuser des Dorfes, über die Felder und den angrenzenden Wald. Morgens um sechs Uhr, mittags um Zwölf und abends je nach Jahreszeit zwischen achtzehn und zwanzig Uhr setzt sich die Glocke im Kirchturm in Bewegung. Das Glockenläuten gehört in vielen Städten und Dörfern selbstverständlich dazu. Und erst über die Kartage, wenn die Glocken nach Rom geflogen sind und deshalb schweigen, merkt man, dass irgendetwas fehlt.

Das dreimalige Glockenläuten ist mit einer Gebetseinladung verbunden. Der Glockenklang ist gleichsam eine Erinnerung, kurz innezuhalten und ein kleines Gebet zu sprechen. Christinnen und Christen sind dreimal täglich aufgerufen, den sogenannten „Angelus“ oder „Engel des Herrn“ zu beten. Das ist ein altes Gebet, das an die Verkündigung an Maria und an die Menschwerdung Christi erinnert. Gleich dreimal am Tag ist man eingeladen, die Worte zu sprechen: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“.

Das Angelus-Läuten ist eine wichtig Erinnerung

Manchen mag das Glockenläuten störend erscheinen. Nicht wenige Beschwerden gab es schon, die Glocken nicht mehr läuten zu lassen. Doch gerade das dreimalige Angelus-Läuten am Tag ist eine schöne und wichtige Erinnerung: Gott ist Mensch geworden. Das Geheimnis unseres Glaubens schlechthin wird uns mehrmals täglich vor Augen gestellt: Gott ist Mensch geworden. Das macht uns das Gebet des „Engel des Herrn“ bewusst. Das Glockenläuten ruft uns auf, daran zu denken.

In früheren Zeiten war es selbstverständlich, beim Angelus-Läuten die Arbeit für einen Moment ruhen zu lassen und einen Augenblick im Gebet zu verharren. Vielleicht ist das auch eine schöne Geste für uns Menschen heute: Für einen kurzen Moment den Alltag vergessen und an die große Liebe Gottes zu denken, die uns durch dieses Leben trägt. An die unendliche Liebe Gottes, der seinen Sohn in diese Welt sendet, um sie zu retten und um uns Menschen zum Leben zu führen.

Kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung

„Die kürzeste Definition von Religion heißt Unterbrechung“, hat der Theologe Johann Baptist Metz einmal gesagt. Das Läuten der Glocken lädt uns ein, innezuhalten, aufzumerken, uns an das große Geheimnis der Menschwerdung unseres Gottes zu erinnern. Vielleicht muss man nicht einmal den ganzen „Engel des Herrn“ beten. Vielleicht reicht es schon, sich bewusst zu machen, dass man in Gottes Gegenwart lebt, dass seine Liebe größer ist als unser menschliches Tun, dass er es ist, der unser Leben kennt und führt. Dreimal täglich lädt uns das Glockenläuten zu dieser Alltagsunterbrechung ein. Eine Einladung, die man immer wieder gerne annehmen sollte!

Der Autor, 27, promoviert in Katholischer Theologie