Judas, der Erlöste

Christoph Wrembek entdeckt ein Kapitell in Vézelay. Von Benedikt Bögle

Wie sollen wir Christen mit Judas, dem Verräter, umgehen? Was waren seine Motive, Jesus auszuliefern? Der Fülle an Werken über Judas hat nun der Jesuit Christoph Wrembek ein außergewöhnlich lesenswertes Buch hinzugefügt: „Judas, der Freund. Du, der du Judas trägst nach Hause, trage auch mich.“ Oft ist die Frage nach Judas die Frage nach seiner Rolle innerhalb der Apostelschar. Dem widmet sich Wrembek nur am Rande. Er vertritt die in dieser Form auch nicht neue Ansicht, Judas habe darauf vertraut, Jesus werde mächtig seine Herrschaft beanspruchen. Dafür habe er den Auslöser geben wollen: „Meister, ich werde dich in eine Situation bringen, in der du deine Macht zeigen musst“, schreibt Wrembek über das Motiv des Judas sinnierend.

Das aber ist nicht die eigentliche Intention des Buches. Wrembek fragt vielmehr nach dem Schicksal des Judas. Ist er in Ewigkeit verdammt? Oder wurde er erlöst? Indem der Jesuit diese Frage stellt, fragt er gleichzeitig nach dem Heil der ganzen Menschheit. Und so ist sein Büchlein nicht nur eine Abhandlung über Judas, sondern vielmehr ein Werk über das Heil des Menschen, knapp geschrieben, aber sehr dicht und tief. Ausgangspunkt einer fesselnden Reise durch die Heilige Schrift ist ein Kapitell aus der Kathedrale im französischen Vézelay. Dort ist Christus zu sehen, der den erhängten Judas über seinen Schultern trägt, einem Lamm gleich. Dieses Kapitell alleine ist ein starkes Plädoyer für die Annahme, Judas sei nicht verdammt, sondern erlöst.

Wrembek stellt die Frage nach der Sünde im Neuen Testament schlechthin. Er fragt, was die Begegnung von Jesus mit der Frau am Jakobsbrunnen zu sagen hat. Er sieht in der Frau eine mehrfach wiederverheiratet Geschiedene. Jesus begibt sich, so Wrembek weiter, in eine Gemeinschaft mit dieser Frau: „Gott schenkt seine Communio, seine Einheit, nicht weil ein Mensch sie verdient hätte, sondern weil er sie braucht. Und weil Gott beschenken will, das ist sein Wesen. Sünder mehr als Gerechte.“

In ebenfalls sehr tiefer Weise widmet sich der Autor weiter drei Gleichnissen aus dem Lukasevangelium: Dem Gleichnis vom verlorenen Schaf, der verlorenen Drachme und dem verlorenen Sohn. Indem der Jesuit eine umgekehrte Reihenfolge dieser Perikopen vorschlägt, deckt er etwas Erstaunliches auf. Zunächst will er die Geschichte vom verlorenen Sohn lesen. Die Motivation des in der Fremde darbenden Sohnes, zum Vater zurückzukehren, ist nicht Reue, sondern Hunger. Er hat nichts zu essen und will dem Vater dreierlei sagen: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner!“ (Lukas 15, 18–19) Dieser letzt Satz aber fehlt, als der Sohn tatsächlich beim Vater ankommt. „Der Hunger ist schon gestillt durch die Umarmung des Vaters, durch die geschenkte Einheit, die der Sohn neu erfahren hat“, schreibt Christoph Wrembek.

Was aber – so die anschließende Frage – wenn der Sohn nicht zurückkehren würde? Darauf gibt das zweite Gleichnis Antwort: Wie einem verlorenen Schaf steigt der Vater dem verlorenen Kind nach. Und wenn das nichts hilft? Dann sucht Gott, sucht, wie die alte Frau in ihrem Haus die verlorene sucht, bis sie wiedergefunden ist. Wrembek beschreibt das alles mit großer Kenntnis des griechischen Originaltextes und in der einfühlsamen Weise eines Seelsorgers: „Das Maß unserer Verlorenheit wird für Gott zum Maß seines Suchens.“ Je verlorener der Mensch ist, desto intensiver müht sich Gott.

Für Wrembek ist das Gericht Gottes wie auch die „Strafe“ der Hölle nie Verdammnis. Es ist heilendes, wenn auch schmerzhaftes Zwischenstadium hin zur endgültigen Herrlichkeit. Damit ist für Wrembek Judas nicht der ganz verlorene. Er ist ein verlorener Sohn, dem Jesus nachgestiegen ist wie dem verirrten Schaf. Am Ende seiner Ausführungen steht eine wirklich atemberaubende Entdeckung im Kapitell von Vézelay, das nur intensiver Betrachtung und Meditation entsprungen sein kann und kaum widerlegt werden dürfte.

Das kleine Büchlein von Christoph Wrembek ist ein wertvolles Geschenk. Schon ohne die erhellenden Ausführungen zur Judas-Darstellung in Vézelay könnte es jedem Leser ans Herz gelegt werden schon ob der tiefen Meditationen zu den lukanischen Gleichnissen und der Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen.

Christoph Wrembek SJ: Judas, der Freund. Du, der du Judas trägst nach Hause, trage auch mich. Verlag Neue Stadt, 2018, EUR 16,95