„Innere Stärke und Angstfreiheit“

Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe, Kardinal Marx, zieht positive Bilanz seines Vietnam-Besuchs

Hanoi/Bonn (KNA) Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat eine positive Bilanz seiner neuntägigen Vietnam-Reise gezogen. Die Lage der Kirche in dem kommunistischen Land sei „weit entfernt“ von der Repression früherer Jahrzehnte, erklärte Marx am Sonntag. Aus der unterdrückten sei „eine starke Kirche hervorgegangen“. Nicht nur bei Bischöfen und Priestern, sondern auch bei einfachen Gläubigen habe er „große innere Stärke und Angstfreiheit gespürt“. Dies sei „ein Fundament für die gute Zukunft dieser Kirche“, so der Kardinal.

Auch örtliche Kirchenvertreter bestätigten, dass sich in den vergangenen Jahren „viel verbessert“ habe, sagte Marx im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Die Regierung in Hanoi wolle, dass es den Menschen materiell besser gehe: „Wenn die Kirche dabei etwas für die Armen tut, haben sie nichts dagegen, im Gegenteil.“ Marx war auf Einladung der katholischen Ortskirche nach Vietnam gereist. In der Hauptstadt Hanoi erörterte er unter anderem mit dem Präsidenten der Vaterländischen Front, eines Zusammenschlusses der Massenorganisationen des Landes, mit dem Kulturausschuss des Parlaments sowie mit dem staatlichen Komitee für Religionsfragen die Entwicklung der Religionsfreiheit und der Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Eine Reise in die zentralvietnamesische Stadt Vinh, wo eine Unterredung mit Bischof Nguyen Thai Hop vorgesehen war, wurde von den staatlichen Behörden untersagt. Nguyen ist Vorsitzender der Menschenrechtskommission der Vietnamesischen Bischofskonferenz. In der Vergangenheit hatte er unter anderem Gerichtsurteile gegen Christen öffentlich angeprangert.

Im Rahmen der Visite traf Marx auch mit politischen Dissidenten in Hanoi und mit katholischen Intellektuellen in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammen. Neben großen Gottesdiensten und dem Austausch mit Kirchenvertretern standen ferner Besuche in einer aus Deutschland unterstützten Gastronomie-Berufsschule für arme Jugendliche und in Textilbetrieben auf dem Programm. Die letzte Begegnung galt dem Kloster Thum Thiem in Hanoi mit 300 Ordensschwestern, die sich gegen einen behördlich verfügten Abriss wehren.

Marx bekundete den Frauen den Rückhalt der deutschen Bischöfe. Ihr Konflikt stehe generell für die Frage, „ob die ökonomische Modernisierung das gesellschaftliche Leben in seiner Pluralität und mit seiner Geschichte im buchstäblichen Sinne plattmachen darf“, sagte er. Marx nannte Vietnam „eine Transformationsgesellschaft, die um ihre Grundorientierung für die weitere Zukunft ringt“. Wirtschaftlich sei Vietnam eine kapitalistische Gesellschaft, werde aber kommunistisch regiert. Dieses Modell bringe „erhebliche Spannungen“ hervor, werde dem wachsenden Freiheitsstreben nicht gerecht und könne „den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf Dauer nur schwer organisieren“, erklärte der Kardinal.