In der Glaubens-WG

Das „Basical“ – ein christliches Orientierungsjahr – geht in die dritte Runde. Zehn Jugendliche im Alter von 17 bis 25 leben in der Augsburger Innenstadt ein Jahr lang zusammen. Zur Orientierung im Leben. Zur Selbstfindung. Und um ihre Beziehung zu Jesus Christus zu festigen. Von Maximilian Lutz

Persönlichkeitscoaching gehört zum Programm
Zum Programm des Orientierungsjahres gehört auch ein Persönlichkeitscoaching. Dabei wird auch die Teamfähigkeit gestärkt. Foto: Fotos: Basical-Haus.

Seit Oktober bin ich hauptberuflich Christ“, sagt Johannes. Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags. Er sitzt in der Küche, am langen Esstisch, und lädt sich Fischstäbchen und Kartoffeln auf seinen Teller. Vier rote Kerzen brennen in der Mitte des Tisches. An der Wand hängt eine abwischbare Schreibtafel. „Ohne Gott ist alles doof“, steht darauf. Der Tafel gegenüber hängt ein schlichtes Holzkreuz.

Johannes ist 27. Er hat eine Ausbildung zum Schreiner gemacht und schon ein paar Jahre in dem Beruf gearbeitet. Seit Oktober nimmt er am Basical teil, einem christlichen Orientierungsjahr. Zusammen mit neun Jugendlichen im Alter von 17 bis 25 lebt er zehn Monate lang in einer Wohngemeinschaft. Mitten in der Augsburger Innenstadt. „Ich war beruflich immer unterwegs. In Augsburg bin ich zum Stehen gekommen“, meint er. Er gestikuliert viel, wenn er spricht. Die dunklen Augen hinter den Brillengläsern fixieren abwechselnd seinen Teller und einen Punkt an der Decke. An seinem rechten Handgelenk baumelt mindestens ein halbes Dutzend Armbändchen. Erinnerungen an zahlreiche katholische Jugendwochenenden. „Der liebe Gott hat mich hierher geführt, damit ich in meinem Glauben wachse“, sagt er und nimmt sich noch einen Nachschlag von dem Essen, das die Teilnehmer gemeinsam gekocht haben.

Junge Menschen in ihrem Glauben zu stärken ist einer der Beweggründe, weshalb Florian Markter das Basical ins Leben gerufen hat. Mehr als zwei Jahre ist das her. Nun begleitet der Augsburger Diözesanjugendpfarrer und Leiter des bischöflichen Jugendamtes des Bistums bereits den dritten Basical-Jahrgang. In Zusammenarbeit mit zwei weiteren Betreuerinnen, die sich eine Vollzeitstelle teilen. „Die Jugendlichen sollen entdecken, dass der Glaube etwas Wunderschönes ist“, meint er. Nicht nur ein bereichernder Pluspunkt für das Leben. Sondern die Grundlage allen Glücks.

Während seiner täglichen Arbeit mit jungen Menschen hat der 37-Jährige festgestellt, dass viele nach dem Abitur orientierungslos sind. Oder nicht zufrieden mit der Ausbildung, die sie abgeschlossen haben. Gleichzeitig nahm er das Bedürfnis zahlreicher Jugendlicher wahr, mehr über den Glauben lernen und erfahren zu wollen. Daraus entstand schließlich die Idee, eine „Lebens-, Glaubens- und Orientierungsschule“ aus der Taufe zu heben.

Der Alltag der „Basicals“, wie Markter die teilnehmenden Jugendlichen nennt, ist abwechslungsreich. Das Programm eng gestrickt. Jeden Vormittag finden Seminare zu den verschiedensten Themen statt. Natürlich wird die Bibel behandelt, aber auch aktuell diskutierte Themen wie Gender und Homosexualität. „Nicht im Stile einer Vorlesung“, betont Markter. Stets soll der praktische Aspekt im Vordergrund stehen. „Was hat das mit mir zu tun? Wie kann ich das Gelernte in meinem Leben anwenden?“ Mit diesem Fokus soll alles betrachtet werden. Abends stehen abwechselnd Bibelkreise, gemeinsame Katechese und Chorproben auf dem Programm. Jeden Tag feiern die Basicals die heilige Messe. Jeden Tag beten sie. Morgens, mittags, abends. So auch, nachdem das gemeinsame Mittagessen beendet ist. Zusammen mit den anderen Jugendlichen räumt Johannes zunächst den Tisch ab, ehe er den Blick zum Kreuz an der Wand richtet und Gott für seine Gaben dankt. Danach eine Stunde Freizeit.

Ein Stockwerk unter Küche und Speiseraum befindet sich der Wohnbereich der Basicals. Sieben Zimmer entlang eines Korridors. Und ein Wohnzimmer. Ursprünglich war das Projekt nur für sieben Teilnehmer angedacht. Deshalb wohnen die Jugendlichen jetzt in vier Einzel- und drei Doppelzimmern. An der Wand direkt gegenüber der Eingangstür hängen zwei große Pinnwände. Zweimal ein Quadratmeter. Fotocollagen mit Schnappschüssen aus den ersten beiden Basical-Jahrgängen. „Egal wie oft man hier vorbeikommt, man entdeckt immer wieder etwas Neues“, sagt Johannes und betrachtet schmunzelnd die Fotos. Dann öffnet er eine Tür schräg gegenüber und betritt die hauseigene Kapelle der Basicals.

Es ist 14.30 Uhr. Zeit für das Nachmittagsgebet. Nach und nach finden sich die Jugendlichen in der kleinen Kapelle ein, knien vor dem Altar nieder und nehmen auf den Bänken Platz. Drei Reihen mit Mittelgang. In jeder Reihe vier Plätze. Die Fenster sind abgedunkelt, die Beleuchtung gedämpft. Boden, Decke und Bänke sind aus hellem Holz. Ein schmaler roter Teppich führt zwischen den Bänken zum Altar, auf dem eine Bibel aufgeschlagen liegt. In einer Ecke stehen Keyboard und Gitarre bereit. Beim Nachmittagsgebet wird auch gesungen. Im Wechsel leiten die Basicals das Gebet selbst. Heute ist Luisa an der Reihe. Gebetet wird der Barmherzigkeitsrosenkranz. „Durch sein schmerzhaftes Leiden“, beginnt sie. „Hab' Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt“, antworten alle im Chor. Eine halbe Stunde dauert das Gebet, dann verlässt Luisa zusammen mit den anderen die Kapelle.

Auch Luisa fühlt sich wohl in der Basical-Gemeinschaft. „Doch ich war erst skeptisch“, gesteht sie. Bis sie schließlich eine Freundin, die vergangenes Jahr teilnahm, im Basical besuchte. „Mir hat sofort die Gemeinschaft gefallen“, sagt sie, und spielt mit ihren blonden Haaren, die ihr zu einem Zopf gebunden weit über den Rücken hinabfallen. Luisa ist 18, hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht. „Alle gehen liebevoll miteinander um, ganz anders als in der Schule“, stellt sie fest.

Dass der Glaube im Basical eine zentrale Rolle spielt, findet sie gut. Durch ihn gewinnt ihr Leben ja erst seinen Sinn. „Gott zeigt mir, dass ich kein Zufallsprodukt bin, sondern eine geliebte Tochter.“ Er gebe ihr das Gefühl, nie alleine zu sein, sondern stets einen Ratgeber und Helfer an ihrer Seite zu haben, „der mich immer liebt“. Was ihr darüber hinaus am Basical gefällt? „Ein Jahr keinen Leistungsdruck zu haben“, sagt sie lachend. „Und nach dem Abi eine Orientierung zu erhalten, in welche Richtung es beruflich gehen könnte.“

Neben dem intensiven Dialog, den Markter und sein Team mit den Teilnehmern führen, absolvieren die Jugendlichen über die zehn Monate verteilt mehrere Praktika. Eine Woche Sozialpraktikum, zum Beispiel im Altenheim, Krankenhaus oder in einer Flüchtlingseinrichtung. Und weitere vier Wochen Berufsorientierungspraktika. „Sie können sich selbst aussuchen, wo sie hingehen wollen“, betont Markter. Allerdings stehen die Betreuer beratend zur Seite. Die praktische Erfahrung, die die Jugendlichen während des Orientierungsjahres sammeln, kann ein Türöffner für das spätere Berufsleben sein. „Insbesondere wenn jemand einen kirchlichen Beruf ergreifen möchte, findet er hier bei uns die besten Voraussetzungen“, so Markter.

16.15 Uhr. Nächster Programmpunkt: Gitarrenunterricht. Fast alle Basicals nehmen teil, auch wenn der Unterricht nicht verpflichtend ist. Eifrig werden noch einmal die Gitarren gestimmt, bevor sich alle zum Spielen im Wohnzimmer versammeln. Ulrike Zengerle, eine der beiden Betreuerinnen, leitet die Stunde. Verteilt auf Couch, Sessel und Holzschemel sitzen die Jugendlichen im Rund um den Wohnzimmertisch. Bevor der Unterricht beginnt, wird zunächst ein Gebet gesprochen. Denn in allem soll Jesus in den Mittelpunkt gestellt werden.

Zengerle, die im bischöflichen Jugendamt für „jugendgerechte Katechese“ zuständig ist, erklärt die Barré-Griffe. „Ihr müsst mit dem Zeigefinger alle Seiten drücken“, sagt sie, und legt die linke Hand auf das Griffbrett ihrer Gitarre. „Auch wenn das am Anfang wehtut.“ Die meisten tun sich noch schwer, sind aber dennoch mit Spaß bei der Sache. Zengerle weiß, dass es vorteilhaft ist, ein Instrument zu beherrschen, sollte man später einen kirchlichen Beruf ergreifen. „Denn mit Gitarre oder Klavier lässt sich ein Jugendgottesdienst wunderbar gestalten.“

Nach einer Stunde Gitarrenunterricht bleibt den Basicals noch ein wenig Freizeit, ehe am Abend Gottesdienst und Chorprobe anstehen. „Volles Programm“, stellt Luisa fest. Echt stressig. „Aber ein positiver Stress.“ Empfinden das die Leiter genauso? „Letztes Jahr hatten wir neun Mädels zu betreuen“, sagt Ulrike Zengerle. „Und die alle auf einem Haufen, das war manchmal schon eine Herausforderung“, gibt sie mit einem Schmunzeln zu.

Abgesehen davon teilen die Leiter die positiven Erfahrungen der Teilnehmer. „Das Spannende ist, dass man sich gemeinsam auf einer Suche befindet“, sagt Markter. Er selbst habe auch kein Rezept, wie das Leben gelingt und jeder seine Berufung findet. „Aber wir wissen: Wenn wir zusammen auf Jesus schauen, dann gibt er die Antwort.“

Das nächste Basical startet am 01. Oktober 2017. Bewerbungen sind bis zum 31. Mai 2017 möglich. Nähere Informationen unter www.basical.de.