Im Zeichen von Karol Wojtyla

Bei den Feierlichkeiten zum Fest der göttlichen Barmherzigkeit in Rom wurden Erinnerungen an den heiligen Johannes Paul II. lebendig. Von Guido Horst

Papst Franziskus erinnerte am Sonntag bei der Festmesse daran, dass christliche Barmherzigkeit ein konkretes Zeugnis verlangt. Foto: dpa
Papst Franziskus erinnerte am Sonntag bei der Festmesse daran, dass christliche Barmherzigkeit ein konkretes Zeugnis ver... Foto: dpa

Rom (DT) Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit soll nicht vorübergehen, ohne dass nicht jedes Bistum der Welt eine soziale Einrichtung gegründet hat. Das war die konkrete Bitte von Papst Franziskus am Samstagabend bei einer Vigilfeier auf dem Petersplatz mit Orden, Gemeinschaften und Bewegungen, die sich in besonderem Maße die Spiritualität der Göttlichen Barmherzigkeit zu eigen gemacht haben. „Es wäre schön“, so Franziskus bei seiner Predigt am Ende der Feier, „wenn sich jedes Bistum überlegen würde: Was kann ich als lebendige Erinnerung, als lebendiges Werk der Barmherzigkeit, als Wunde des lebendigen Jesus in diesem Jahr der Barmherzigkeit hinterlassen“. Es gebe viele Dinge, die man machen könnte, „sprechen wir darüber mit den Bischöfen,“ meinte der Papst – so als wünsche er sich, dass das laufende Heilige Jahr nicht spurlos am Leben der Diözesen vorübergeht.

Das war der erste Impuls, den der Papst am vergangenen Wochenwechsel gegeben hat – vor allerdings einer recht überschaubaren Menge von Menschen, die sich auf den Stuhlreihen vor dem Sagrato eingefunden hatte. Die Hälfte der grauen Plastikstühle blieb leer. Der zweite Impuls kam dann am Sonntagvormittag bei dem schon wesentlich besser besuchten Gottesdienst zum zweiten Sonntag der Osterzeit, dem „Sonntag der Barmherzigkeit“. Am Ende das Gebet des „Regina coeli“ und der Papst nutzte seine Ansprache, um ein Zeichen der Unterstützung der Katholiken in der Ukraine zu setzen: „In allen katholischen Gottesdiensten in Europa“, so Franziskus, „wird am 24. April Geld für die notleidende Bevölkerung in der Ukraine gesammelt.“ Franziskus lud „alle Gläubigen ein, sich dieser Initiative mit einem großzügigen Beitrag anzuschließen“, sagte er. Mit dieser Geste wolle er nicht nur die materiellen Leiden lindern, sondern auch seine „persönliche Nähe und Solidarität sowie die der gesamten Kirche zum Ausdruck bringen“. Dem Drama in der Ukraine seien bereits mehrere tausend Menschen zum Opfer gefallen, mehr als eine Million hätten ihre Heimat verlassen müssen. Vor allem Alte und Kinder in der Ukraine würden leiden. Mitte Februar, nach der ersten Begegnung des Papstes mit dem orthodoxen Patriarchen Kyrill aus Moskau auf Kuba, hatte es Verstimmungen in der Ukraine gegeben, weil die gemeinsame Erklärung, die Franziskus und der Patriarch dort unterschrieben hatten, die Leiden der katholischen Ukrainer in der Sowjetzeit nicht erwähnt und zudem den Uniatismus als nicht mehr zeitgemäße Methode der Kircheneinheit bezeichnet hatte.

Und einen dritten Impuls wollte Franziskus setzen, ebenfalls beim Gebet des „Regina coeli“: Der Papst forderte ein vollständiges Verbot von Landminen. „Zu viele Menschen werden durch diese schrecklichen Waffen immer noch getötet oder verstümmelt“, sagte er. Mutige Männer und Frauen riskierten weiterhin ihr Leben, um Minen zu räumen. „Erneuern wir bitte die Bemühungen um eine Welt ohne Minen“, rief der Papst auf, mit Verweis auf den Internationalen Tag der Landminenräumung am darauffolgenden Montag.

Über den Veranstaltungen der beiden Tage, die in besonderer Weise der Göttlichen Barmherzigkeit gewidmet waren, der Vigilfeier und der Sonntagsmesse, lag die Erinnerung an Johannes Paul II. und die von diesem geförderte Verehrung des barmherzigen Jesus nach den Visionen der heiligen Ordensschwester Faustyna Kowalska. Es war der elfte Todestag des großen polnischen Papstes, als Franziskus bei der abendlichen Veranstaltung am Samstag mit den der Göttlichen Barmherzigkeit besonders verbundenen Gemeinschaften zusammentraf. Seine Ansprache begann er sofort mit dieser Erinnerung: „Voll Freude und Dankbarkeit halten wir gemeinsam diesen Moment des Gebets, der uns in den Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit einführt. Dieser Tag war der große Wunsch des heiligen Johannes Paul II., um damit eine Bitte der heiligen Faustyna zu erfüllen.“

Viele der Gläubigen waren schon seit Donnerstag in Rom, um mit dem Papst den „Tag der Göttlichen Barmherzigkeit“ zu begehen. Für den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung, dem die Organisation des Heiligen Jahrs obliegt, war es einer der vielen Höhepunkte im Barmherzigkeitsjahr. Bereits am Freitagabend hatte eine „Nacht der Versöhnung“ in den vier Kirchen Santo Spirito in Sassia, San Salvatore in Lauro, San Giovanni Battista dei Fiorentini und Santa Maria in Vallicella stattgefunden. Dort gab es bis 24 Uhr Gelegenheit zur Eucharistischen Anbetung, zur Beichte und zu individueller Bibelmeditation. Einer der Hauptredner war der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der am kommenden Freitag auch das abschließende Schreiben von Papst Franziskus zum synodalen Prozess zu Ehe und Familie vorstellen und theologisch einordnen wird.