Im Vorzimmer des Paradieses

Schätze finden im Verborgenen – Ein Besuch bei den Klarissen-Kapuzinerinnen in Limbach-Balsbach. Von Claudia Kock

Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam sind die Eckdaten des klösterlichen Lebens: Am Professtag erneuern die Ordensfrauen ihre Gelübde in die Hand der Äbtissin. Foto: Kock
Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam sind die Eckdaten des klösterlichen Lebens: Am Professtag erneuern die Ordensfrauen ihr... Foto: Kock

Balsbach (DT) „Menschliche Probleme und Reibereien gibt es zwischen Ordensfrauen nicht. Dazu sind sie viel zu vergeistigt und verinnerlicht“, behauptet die nette Dame, die sich bereit erklärt hat, die Ortsfremde, die in Limbach, mitten im badischen Odenwald, vergeblich auf ihren Bus wartet, zum Kloster der Klarissen-Kapuzinerinnen im nahegelegenen Balsbach zu fahren. „Und sie haben keinen Mann, der sie ärgert“, fügt sie hinzu. Als junges Mädchen habe sie auch einmal mit dem Gedanken gespielt, Ordensfrau zu werden. „Aber als ich erfuhr, dass die Klarissen immer eingeschlossen sind, habe ich es mir doch noch einmal überlegt.“

In Balsbach führt die Straße von der Gaststätte „Engel“ am Ortseingang einen sanften Hügel hinauf, vorbei an der alten Schule und Wohnhäusern mit gepflegten Gärten, in denen an diesem schönen Sommernachmittag hier und da Menschen werkeln. Kinder spielen vor den Häusern, ein Spielzeugtrecker steht ordentlich geparkt neben einem Verkehrsschild. Weiter oben im Ort eine Bäckerei mit Lebensmittelladen. Kleine Bildstöcke an Häusern und Wegen sind typisch für das „Madonnenländchen“, wie der Heimatdichter Hermann Eris Busse diesen Landstrich nannte, der im Zuge der Gegenreformation zu einem Zentrum der Marienverehrung wurde.

Einst endete in Balsbach das Römische Weltreich: Hier verlief der Neckar-Odenwald-Limes, den die Römer um das Jahr Hundert nach Christus errichteten. Nach ihrem Rückzug um 260 war der hintere Odenwald über Jahrhunderte hinweg kaum besiedelt. In der Nibelungensage ermordet der finstere Hagen den Helden Siegfried im Odenwald. Limbach wird erst zu Beginn des zwölften Jahrhunderts zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Der karge Buntsandsteinboden dieser Gegend war für landwirtschaftliche Nutzung wenig ergiebig, die Lebensbedingungen entsprechend hart. Im 19. Jahrhundert führten Hungersnot und Verelendung zu einer großen Auswanderungswelle aus „Badisch-Sibirien“, wie die Gegend auch genannt wurde. Erst durch den Bau der Eisenbahn kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Bevölkerungszahl durch die Ansiedlung zahlreicher Heimatvertriebener.

Zu ihnen gehörte auch eine Gemeinschaft von Klarissen-Kapuzinerinnen, die durch die Kriegs- und Nachkriegswirren gezwungen waren, ihren Konvent in Dresden aufzugeben. Sie fanden 1949 auf Initiative von Pfarrer Otto Lenz in Balsbach eine neue Heimat. Ihr Kloster mit der 1966 errichteten Christkönigs-Kirche ist heute ein geistliches Zentrum dieser Gegend. Zwölf Klarissen-Kapuzinerinnen leben hier in strenger Klausur; ihr Leben ist von Gebet und Arbeit geregelt, vom Wecken um 4.45 Uhr morgens bis zur Nachtruhe ab 21 Uhr.

„Jesus nachfolgen in seiner Armut und Entäußerung“, das sei das Wesentliche am Leben der Klarissen, so Mutter Ancilla, die Äbtissin des Klosters. Dazu gehörten auch Demut und Gehorsam. Mutter Ancilla wirkt entschlossen und kompromisslos in ihren Grundsätzen über das klösterliche Leben. Gleichzeitig strahlt sie in ihren feinen Gesichtszügen Milde und Güte aus.

Schwester Eva-Maria, eine der jüngeren Schwestern des Konvents, pflichtet ihr bei. „Einfach den Weg gehen und glauben – egal, was kommt“, das habe sie beim Eintritt in sich gespürt. Dieser Weg führe über Höhen und Tiefen, man durchquere die Wüste, gelange an die eigenen inneren Grenzen. Dann gäbe es aber auch Zeiten, in denen das Klosterleben gleichsam das „Vorzimmer zum Paradies“ sei. Als Klarisse müsse man alles auf eine Karte setzen.

Tatsächlich setzte die achtzehnjährige Adlige Klara Favarone di Offreduccio alles auf eine Karte, als sie am Palmsonntag des Jahres 1212 ihr wohlhabendes Elternhaus im mittelitalienischen Assisi verließ, um dem armen Christus nachzufolgen, wie Franziskus und seine Gefährten. Klara hatte Franziskus in Assisi predigen gehört, und es hatte sich zwischen ihnen eine tiefe geistliche Freundschaft entwickelt. Schließlich war in ihr der Entschluss herangereift, ihr Leben radikal nach dem franziskanischen Ideal auszurichten. In der Portiuncula-Kapelle vor den Toren von Assisi schnitt Franziskus ihr zum Zeichen der Weihe die Haare ab und kleidete sie in ein ärmliches Gewand. Gemeinsam mit einigen Gefährtinnen gründete Klara dann in der kleinen Kirche „San Damiano“ – wo der Gekreuzigte zu Franziskus gesprochen hatte – unterhalb von Assisi die erste Klostergemeinschaft. Wie Franziskus wollte Klara, dass ihre Ordensgemeinschaft in absoluter Besitzlosigkeit leben sollte und verfasste eine entsprechende Ordensregel. Dieser Gedanke war jedoch so neu und ungewohnt, dass die Regel von Seiten der kirchlichen Hierarchie zunächst abgelehnt wurde. Klara blieb hartnäckig. Am 10. August 1253, einen Tag vor ihrem Tod, erhielt sie schließlich die Nachricht, dass Papst Innozenz IV. ihre Regel einschließlich des „privilegium paupertatis“ approbiert habe.

Im Gegensatz zu Franziskus und seinen Brüdern lebten die Schwestern nicht in der Welt mitten unter den Menschen, sondern zurückgezogen im Kloster, in strenger Klausur. „Die Verborgenheit ist sehr typisch für die Klarissen“, so Mutter Ancilla. „Franziskus ging in die Welt hinaus, während Klara ihn durch Gebet und Opfer unterstützen wollte. Hier in der Klausur tragen wir praktisch die ganze Welt mit. Und wenn etwas schwer wird, dann hält man es aus und geht hindurch, damit Christus den Segen spenden kann. Jesus hat uns auch durch sein Leiden die Gnade der Erlösung erwirkt. Durch unsere Schwierigkeiten und Nöte, die wir mit ihm zusammen durchleiden, setzen wir Gnade frei für andere. So tragen wir auch die vielen Leute mit, die mit ihren Gebetsanliegen zu uns kommen.“

Einmal sei von Seiten der Pfarrei der Wunsch an sie herangetragen worden, die Klarissen aktiver in die Gemeinde einzubinden, etwa durch Ministrantenarbeit. „Damals habe ich mit Überzeugung gesagt: ,Gott hat mich nicht vom Religionsunterricht weggeholt‘ – ich war vor meinem Eintritt im Schuldienst tätig –, ,damit ich dann in der Klausur unter erschwerten Bedingungen wieder Religionsunterricht halte.‘ Das passt nicht zusammen mit unserem Leben.“

Dennoch ist die Einbindung der Klarissen in die Gemeinde sehr gut. Anlässlich des Klara-Jubiläums organisierten die Schwestern einen Klara-Abend mit Festgottesdienst, einem geistlichen Vortrag der Äbtissin über die heilige Klara und das Ordensleben, Workshops und Ausstellungen. Höhepunkt des Festes war ein Klara-Musical und zum Abschluss das Nachtgebet mit dem feierlichen Segen mit einer Klara-Reliquie, die das ganze Klara-Jahr hindurch im Chor der Schwestern ausgestellt ist. Täglich wird in der Klosterkirche die Heilige Messe gefeiert, an der – separat im Kirchenschiff – auch die Laien der Gemeinde teilnehmen. „Wir leben auch von der Gemeinde.“

Die Klarissen-Kapuzinerinnen leben von Spenden, tragen aber auch durch innerklösterliche Arbeiten mit zum eigenen Lebensunterhalt bei. Dieser Aspekt, der bereits für Franziskus und Klara eine große Rolle spielte, steht bei der kapuzinischen Reform der Klarissen, die im 16. Jahrhundert in Neapel durch die Dienerin Gottes Maria Laurentia Longo erfolgte, ganz besonders im Vordergrund. In Balsbach widmen sich die Schwestern Näharbeiten, stellen Paramente und andere liturgische Textilien sowie Fahnen her und restaurieren sie. „Leider“, so Mutter Ancilla, „geht diese Arbeit jetzt zurück.“ Durch die Zusammenlegung von Gemeinden in Pfarrverbände seien überall genügend Paramente vorhanden, das Alter vieler Schwestern lasse eine regelmäßige Arbeit nicht mehr zu, und Nachwuchs zu finden sei schwer. „Die allerwenigsten Kandidatinnen halten heute durch.“ Oft sei es so, dass Frauen, die mit dem Leben „draußen“ nicht zurechtkommen, meinen, im Klosterleben einen geschützten Raum zu finden. „Aber das trägt nicht.“ In der Klausur könne man sich nicht verstecken, denn durch das ständige Zusammenleben käme das zum Vorschein, was im Inneren des Menschen ist. Sr. Eva Maria kann das nur bestätigen: „Das Leben in der Klausur ist anspruchsvoll. Es braucht eine psychische Stabilität.“

Zu den schönen Seiten des Klosterlebens gehöre das Miteinander der Schwestern: „Wenn zum Beispiel zwei Körbe Zwetschgen gebracht werden, dann muss nicht die Küchenschwester sehen, wie sie damit fertig wird, sondern die Mutter ruft alle in die Küche, und wir kochen Zwetschgen ein.“

Am Abend bringt der Bäcker des Dorfes einen großen Korb voll Brötchen an die Klosterpforte. Schwester Beatrix, die Pförtnerin, nimmt ihn freudestrahlend entgegen, bedankt sich herzlich. Vergeistigt und verinnerlicht wirkt sie nicht, sondern offen und freundlich – wie eine Frau, die sich durch alle Höhen und Tiefen des Lebens hindurch geliebt und getragen weiß. Nicht nur Klaras Leben, sondern das Leben einer jeden Klarisse ist in diesem Sinne, wie Benedikt XVI. anlässlich des Klara-Jubiläums an den Erzbischof von Assisi schrieb, „eine Einladung, über den Sinn des Lebens nachzudenken und in Gott das Geheimnis der wahren Freude zu suchen. Sie ist ein konkreter Beweis dafür, dass der, der den Willen des Herrn tut und auf ihn vertraut, nicht nur nichts verliert, sondern den wahren Schatz findet, der allem Sinn geben kann.“