Rom

Im Geiste 'Don Camillos'

Revision der Corona-Maßnahmen nach priesterlichem Widerstand gegen Dekret der Diözese Rom.

Basiliken in Rom
View at Tiber and St. Peter's cathedral in Rome, Italy Foto: Photographer: Sergey Borisov (44462719)

Italien zeichnet der Ausnahmezustand. Die Behörden sind dicht, öffentliche Einrichtungen wie private Geschäfte geschlossen. Das Land der Bars und Restaurants, der Opern und der Museen, des Palio und der Prozession – es wirkt wie seiner Seele beraubt. Die Ewige Stadt, wo auf den Trümmern von tausend Jahren Imperium heute tausend christliche Kirchen thronen, und als Zentrum des Katholizismus Gläubige aus aller Welt anlockt – hat ihre Gotteshäuser geschlossen. Keine Messen. Keine Prozessionen. Selbst die Historiker fragen sich, wann dies seit dem Konstantinischen Dekret von 313 der Fall gewesen ist. In Motta di Livenza, wo sonst am 9. März alljährlich die Marienerscheinung von 1510 gefeiert wird, schreibt die Presse: „Was selbst die Pest von 1630 nicht geschafft hat, schafft das Coronavirus von 2020.“

Was selbst die Pest nicht schaffte ...

In dieser Finsternis strahlt ein Kreuz. Es steht vor einer Kirche in Brescello. Nicht irgendein Kreuz, nicht irgendeine Kirche. Es ist die Kirche, die für die Dreharbeiten von „Don Camillo und Peppone“ Patin stand. Es ist das Kreuz, mit dem Fernandel in seiner berühmtesten Filmrolle sprach. Es ist das Kreuz, dass Don Camillo ganz allein schulterte, um eine Prozession zum Fluss zu führen, der nur er selbst angehörte. Es ist eine der mächtigsten Geschichten von Giovannino Guareschi: ein einsamer Priester, der mit dem Erlöser allein durch die leergefegten Straßen prozessiert, weil die Kommunisten die Gläubigen bedroht haben. Am Ufer angekommen, bittet er darum, dass der Strom Dorf und Land verschonen möge.

'Don Camillos' Rückkehr

Es ist der Geist Guareschis, der südlich der Alpen lebt. Es sind Erzählungen wie Anekdoten. Es ist die Quintessenz von Guareschis Schaffen: die Häuser mögen verwüstet sein, das Leid unermesslich, alles erscheint zerstört. Aber Gott ist nicht zerstört. In Brescello thront das Kreuz. Christus lebt. Und in den Gemeinden regt sich geistlicher Widerstand. Im sizilianischen Favara ist es Don Giuseppe, der allein über die Straße mit Kreuz und Mikrofon den Rosenkranz aufsagt; im venetischen Bibione hat der Pfarrer Don Andrea eine Marienstatue samt Blumen auf ein Ape-Kleinfahrzeug geladen und dieses azurblau geschmückt, um an allen Ecken des Ortes das Ave Maria aufzusagen. Der Erzbischof von Mailand ruft die Madonna auf der Domspitze um Beistand an. In San Gioacchino in Rom stellt der Pfarrer das Allerheiligste aus. Auf Twitter kursiert das Video eines einzelnen Priesters mit Monstranz, der durch die Straßen geht und segnet.

Das massive Vorgehen hat für Kritik und Spannungen gesorgt. Bei RaiUno wehrt sich der römische Priester Don Mario gegen das Messverbot: „Ich bin Priester, und ich habe das Recht, meine Messe zu feiern, ohne dass die Regierung entscheidet.“ Die Moderatorin Mara Venier nennt ihn eine „öffentliche Gefahr“. Der Priester entgegnet: „Es ist ein christliches Recht, Christus zu empfangen.“ Vier Millionen Italiener schauen zu. Das Vikariat von Rom sieht sich gezwungen einzugreifen. Per Telefon teilt es mit: Messen sind in der Diözese Rom bis zum 3. April nicht mehr möglich.

„Es ist ein christliches Recht, Christus zu empfangen.“

Don Mario ist kein Einzelfall. Überall im Land verstoßen Priester gegen das Messverbot. Im veronesischen Trevenzuolo feiert Don Alberto mit 80 Gläubigen. Keine Glocken, kein Friedensgruß, die Leute stehen weit auseinander. Er wird bei den Carabinieri angezeigt. Ähnliches geschieht in der Provinz Pavia. Dort hält der 88jährige Don Antonio in Castello d’Agogna vor 8 Leuten eine Sonntagsmesse. Der Bürgermeister zeigt ihn an. Der Priester verteidigt sich: er nutze kein Internet, habe demnach keine E-Mail erhalten und sei von der Anordnung nicht unterrichtet worden.

Die Verwerfungen haben den Papst erreicht. Am Freitagmorgen predigt Franziskus: „Drastische Maßnahmen sind nicht immer gut. Möge sich das Volk Gottes von den Hirten und dem Trost des Wortes Gottes, der Sakramente und des Gebets begleitet fühlen.“ Nicht die Regierung, sondern Bischöfe und Vikare sind die Adressaten, weil sie den Gläubigen Steine in den Weg legen. Womöglich ist es der Beginn einer Revision. Die Kritik in den sozialen Netzwerken ist das eine. Die Kritik des Heiligen Vaters könnte sich dagegen als gewichtiger herausstellen als der Anruf in einer Talk-Show. Am Freitagmorgen verkündet Kardinalvikar Angelo De Donatis Modifikationen am Dekret.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier . hier .