Im Blickpunkt: Wenn Hirten an der Kirche leiden

Es geht um die Sünden Einzelner, die das Große der christlichen Existenz verdunkeln, aber nicht im Geringsten ankratzen können. Von Guido Horst

Es sind keine Worte der Begeistung und Zuversicht, mit denen die deutschen Bischöfe derzeit über ihre Kirche sprechen. Wenn der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals meint: „Allen Bischöfen ist bewusst, dass wir als Kirche nicht so weitermachen können wie bisher“, dann trifft er die Stimmungslage, die im Episkopat vorherrscht und einige der Oberhirten wohl dazu bewegte, beim letzten Ständigen Rat der Bischofskonferenz eine nationale Missbrauchssynode anzuregen. Der Plan ist vom Tisch, aber es hätte um die Themen gehen sollen, die viele Bischöfe bewegen. Zwei nannte Bischof Kohlgraf in dem Zeitungs-Interview: den richtigen Umgang mit der Homosexualität und das Ende des so genannten Pflichtzölibats. Zumindest in deutschen Landen. Die Frauenweihe nannte er nicht. Aber auch darüber denken Bischöfe laut nach. Ist das eine Kirche, die junge Menschen dazu bewegen kann, in ihr und mit ihr eine geistliche Berufung zu leben? Wenn Kardinal Reinhard Marx jetzt sagte, die Kirche müsse den Mut haben, von der Welt das Denken zu lernen (siehe Artikel oben), dann klingt das für Heranwachsende doch so, als sei es etwas Defizitäres, auf das sie sich bei Mutter Kirche einlassen würden. Es sind wohl längst vergessene Zeiten, in denen der polnische Papst „Fides et Ratio“ veröffentlichte oder der deutsche Papst das Spannungsverhältnis von Vernunft und Glaube durchbuchstabierte.

Kleinlaut sind die Hirten geworden.

Auch wenn die von der Missbrauchs-Studie zutage geförderten Zahlen höher sind, als die Auftragsgeber der Studie erwartet hatten, so geht es dennoch immer nur um die Sünden Einzelner, die das Große der christlichen Existenz verdunkeln, aber nicht im Geringsten ankratzen können. Die Menschwerdung Christi, seine Erlösungstat und die vielfältigen Gnadengaben sind in der Kirche nach wie vor lebendig. Doch das medial verstärkte Hadern an den gewachsenen Strukturen, am Sittengesetz und der sakramentalen Praxis der Kirche, die zum „cantus firmus“ vieler Bischöfe geworden sind, machen das Heil in Jesus Christus allmählich zu einem vergessenen Gut. Man muss an die „acedia“ denken, jene seelische Krankheit der inneren Traurigkeit und Trägheit, die Joseph Ratzinger vor vielen Jahren einmal als Unfähigkeit beschrieben hat, an die Größe der menschlichen Berufung zu glauben, die uns von Gott zugedacht ist. „Der Mensch traut sich seine eigene wahre Größe nicht zu, er will ,realistischer‘ sein“, schrieb Ratzinger in dem Büchlein „Auf Christus schauen“. „Die metaphysische Trägheit“, so Ratzinger weiter, „wäre demnach identisch mit jener Pseudo-Demut, die heute so häufig geworden ist: Der Mensch will nicht glauben, dass Gott sich mit ihm beschäftigt, ihn kennt, ihn liebt, ihn ansieht, ihm nahe ist.“ Nicht, dass die Bischöfe das nicht glauben. Aber sie sprechen nicht mehr davon. Stattdessen liest man jeden Tag, was sie abschaffen oder „realistischerweise“ ändern wollen. Oder dass man eben von der Welt das Denken lernen muss (Kardinal Reinhard Marx). Das ist dann das Ende jener christlichen Hochgemutheit, die am Anfang jeder Neuevangelisierung stehen muss, will man die Menschen für Glaube, Hoffnung und Liebe begeistern.