Ihr Sünderlein, schweiget!

Fragwürdige Äußerungen der Kardinäle Cupich und Maradiaga zum Vigano-Dossier. Von Helmut Hoping

Oscar Rodriguez Maradiaga
Will das Pontifikat des lateinamerikanischen Papstes gegen Kritik immunisieren: Kardinal Oscar Maradiaga Rodríguez. Foto: KNA
Oscar Rodriguez Maradiaga
Will das Pontifikat des lateinamerikanischen Papstes gegen Kritik immunisieren: Kardinal Oscar Maradiaga Rodríguez. Foto: KNA

Das Dossier von Erzbischof Carlo Maria Vigano zum Missbrauchsskandal schlägt hohe Wellen. Während die einen den früheren Apostolischen Nuntius in den USA für einen ehrenwerten whistle blower halten, verdächtigen ihn andere, Rache dafür nehmen zu wollen, dass er auf Drängen des ehemaligen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone aus dem Vatikan wegbefördert wurde. Vigano hatte als Generalsekretär der Staatsverwaltung der Vatikanstadt beim Vatileaks-Skandal interne Briefe öffentlich gemacht. Doch die Motive Viganos sind zweitrangig, entscheidend ist, ob die Fakten, die er in seinem Dossier nennt, stimmen oder nicht. Dazu hüllt sich Franziskus bislang in Schweigen, ebenso Kardinalstaatssekretär Parolin. Ein klassisches Nicht-Dementi, könnte man meinen. Oder braucht der Vatikan Zeit, um auf Vigano zu antworten?

Irritierend wirkt die Reaktion zweier Kardinäle, die Vigano in seinem Dossier belastet. In einem Interview mit NBC 5 erklärte Blaise Kardinal Cupich zum Vigano-Dossier, Franziskus habe eine „größere Agenda“. Wichtiger als sich mit den Anschuldigungen Viganos zu befassen, sei es etwa, über den Umweltschutz und den Schutz von Migranten zu sprechen.

Oscar Kardinal Maradiaga, Koordinator des K9-Rates und einer der engsten Vertrauten von Franziskus, griff Vigano persönlich scharf an. In einem Interview mit „Fides Digital“ (Honduras) qualifizierte der Erzbischof von Tegucipalca die Forderung nach Rücktritt des Papstes als „Sünde gegen den Heiligen Geist“.

Den Schriftgelehrten und Pharisäern, die Jesus vorhalten, mit Beelzebul, dem Herrn der Dämonen, die unreinen Geister auszutreiben, warnt Jesus vor der Lästerung gegen den Heiligen Geist und er nennt dies eine Sünde, die nicht vergeben wird (Matthäus 12, 31; Markus 3, 29; Lukas 11, 15). Das Wort ist Paränese, Mahnrede Jesu an seine Gegner, die sein heilendes Handeln an den Besessenen als Teufelswerk brandmarken. Die großen Theologen haben sich gefragt, worin die Sünde besteht, die keine Vergebung findet. Sünde gegen den Heiligen Geist sei zum Beispiel Unbußfertigkeit bis zum Tod oder Verzweiflung am Heil, aber auch vermessene Hoffnung auf das Heil.

Für Thomas von Aquin besteht die Sünde gegen den Heiligen Geist im Kern darin, entweder der göttlichen Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit Grenzen zu setzen (vgl. STh II–II, q.14). Der „Katechismus der Katholischen Kirche“ (1993) unterstreicht den ersten Aspekt: „,Wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften‘ (Markus 3, 29). Die Barmherzigkeit Gottes ist grenzenlos; wer sich aber absichtlich weigert, durch Reue das Erbarmen Gottes anzunehmen, weist die Vergebung seiner Sünden und das vom Heiligen Geist angebotene Heil zurück Eine solche Verhärtung kann zur Unbußfertigkeit bis zum Tod und zum ewigen Verderben führen“ (Nr. 1864).

Den Papst zum Rücktritt aufzufordern, oder ihm Häresie vorzuwerfen, zählt nicht zu den Sünden gegen den Heiligen Geist. Wie kommt also ein Advokat von Bergoglios Barmherzigkeitspontifikat wie Kardinal Maradiaga dazu, Vigano einer Sünde zu bezichtigen, die ewig an ihm haften wird? Schon Benedikt XVI. sah sich von verschiedenen Seiten mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Sie kamen von einzelnen Theologen, die ihm vorwarfen, sein Amt zu missbrauchen oder von „Wir sind Kirche“. Keiner sprach damals von einer „Sünde gegen den Heiligen Geist“.

Einige „Vaticanisti“ sind sogar sicher, dass Rücktrittsforderungen auch aus dem Kardinalskollegiums kamen. Carlo Maria Kardinal Martini soll Benedikt XVI. auf dem Höhepunkt des Vatileaks-Skandals in einem persönlichen Gespräch zum Rücktritt gedrängt haben. Als Benedikt XVI. wenige Monate später seinen Amtsverzicht erklärte, haben das viele im liberalen Lager begrüßt, weil sie sich von seinem Pontifikat keine Erneuerung der Kirche versprachen. Bei Franziskus ist das anders, er verfolgt eine moderne, progressive Agenda und muss deshalb, so Kardinal Cupich, im Amt bleiben. Kardinal Maradiaga sieht in Franziskus den Heiligen Geist persönlich am Werk.

Schon zu Beginn des Jahres verstieg er sich zu der Aussage: „Jede Erneuerung stößt auf Widerstände, aber der Papst wird sie sicher zu Ende führen. Dem Papst wird es sicher gelingen, sie zu Ende zu bringen, weil es nicht die Reform von Franziskus ist: Es ist die Reform von Jesus und des Heiligen Geistes. Jedes Werk des Heiligen Geistes wird immer auf Widerstände stoßen.“ Diese Hypertrophie des derzeitigen Pontifikats dient erkennbar dazu, es gegen Kritik zu immunisieren.

Viganos Dossier zielt allerdings nicht auf die Reformen von Franziskus, sondern auf das bis in das Kardinalskollegium hineinreichende System des sexuellen Missbrauchs und seiner gezielten Vertuschung. Es ist Fakt, dass es sexuellen Missbrauch durch geweihte Amtsträger bis in die höchsten Kreise des Klerus gibt. Ebenso ist Fakt, siehe die Vorfälle im chilenischen Episkopat, dass es rund um dem sexuellen Missbrauch Schweigekartelle von Bischöfen und Kardinälen gibt. Warum sollte das in den USA, wo der sexuelle Missbrauch durch Priester erstmals öffentlich wurde, anders sein? Für Daniel Kardinal DiNardo, Vorsitzender der Bischofskonferenz der USA, verdienen die Vorwürfe Viganos „schlüssige und auf Beweisen basierende Antworten“.

Am Beginn seines Pontifikats hatte Franziskus dem sexuellen Missbrauch den Kampf angesagt: „Die Verbrechen und Sünden sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen können nicht länger geheim gehalten werden.“ „Ich verspreche, dass alle Verantwortlichen Rechenschaft werden ablegen müssen.“ Viele warten darauf, dass Franziskus seinen Worten Taten folgen lässt.