„Ich werde dem Papst berichten“

Italienische Bischöfe besuchen Gazas schwindende christliche Gemeinschaft. Von Oliver Maksan

Kardinal Angelo Bagnasco (Mi.) und Patriarch Twal (re.) mit Gläubigen in Gaza. Foto: Maksan
Kardinal Angelo Bagnasco (Mi.) und Patriarch Twal (re.) mit Gläubigen in Gaza. Foto: Maksan

Gaza/Sderot (DT) „Danken Sie dem Papst. Er denkt an Gaza und vergisst uns nicht.“ Die alte Frau spricht unter Applaus aus, was viele der Katholiken Gazas denken. Am Montagabend versammelten sie sich im Hof der Pfarrei Heilige Familie in Gaza-Stadt. Sie waren gekommen, um einer Delegation der italienischen Bischofskonferenz ihre Probleme und Anliegen vorzutragen. Von der Bedrängnis der Gemeinde infolge des Krieges war die Rede und dass es ohne Unterstützung von außen nicht gehen würde. „Wir Christen sind wie eine Blume in der Wüste. Aber damit eine Blume in solcher Umgebung gedeihen kann, ist sie auf Hilfe angewiesen. Wir brauchen euch“, flehte ein anderer Christ.

Kardinal Angelo Bagnasco, Erzbischof von Genua und Vorsitzender der Konferenz, war zusammen mit dem Präsidium der Bischofsvertretung nach Gaza gereist. Eingeladen worden war die fünfköpfige Gruppe, darunter Neu-Kardinal Gualtiero Bassetti von Perugia, vom Lateinischen Patriarchen Fuad Twal. Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche im Heiligen Land begleitete die Bischöfe auch während ihres zweitägigen Besuchs. Es hatte kurz Zweifel gegeben, ob die hochrangige Delegation am Montagmorgen überhaupt in den Streifen würde einreisen können. Israel hatte den einzigen Personenübergang Eretz kurzfristig geschlossen. Der Grund: Am Wochenende schlug erneut eine Rakete in Israel ein. Schaden richtete sie keinen an. Die Hamas, interessiert, den Waffenstillstand von Ende August aufrecht zu erhalten, nahm daraufhin einige Verantwortliche fest.

Die Bischöfe konnten schließlich doch einreisen. Ihren Augen bot sich durch die Scheiben der UN-Jeeps ein in Teilen verwüstetes Gebiet dar. Besonders der heftig umkämpfte Stadtteil Schedschaja machte die Bischöfe betroffen. Auch mehr als zwei Monate nach dem Ende des blutigen 50-Tage-Kriegs im Sommer sieht es dort aus wie unmittelbar nach den schweren Bombardements der israelischen Luftwaffe im Juli. Mit den jetzt einsetzenden heftigen Regenfällen werden die Schutthaufen auch zunehmend instabiler und bedrohen die Anwohner, die in den Trümmern noch immer nach Brauchbarem aus ihren früheren Häusern suchen. Nur schleppend geht der Wiederaufbau voran. Vor allem Zement und Baumaterialien gelangen nur langsam zu den Menschen. Israel fürchtet, die Baustoffe würden wie in der Vergangenheit von der Hamas zweckentfremdet und für den Bau von Angriffstunneln gegen Israel verwendet werden. In einem aufwändigen Mechanismus unter UN-Aufsicht wird deshalb die Ausgabe und Verwendung des Materials akribisch überwacht. Entsprechend lang wird der Wiederaufbau dauern. Von Jahren ist die Rede. Angesichts des einsetzenden Winters mit seinen heftigen Regenfällen verschärft dies die Lage der Obdachlosen weiter, beklagen Hilfsorganisationen.

„Die humanitäre und wirtschaftliche Lage ist sehr schwierig“, sagt Amin Sabbagh. Der junge Katholik arbeitet für die Caritas. Während des Krieges koordinierte er als Projektmanager die Hilfe der Kirche. „Viele Menschen sind auf Unterstützung angewiesen. Sie haben mit ihren Häusern ja alles verloren. Wir haben während des Krieges Nahrung und Hygieneartikel an die Bedürftigen verteilt. Unsere Arbeit geht aber weiter. Nächsten Monat werden wir etwas Bargeld an die Menschen ausgeben, die kein Dach mehr über den Kopf haben.“ Während des Krieges hatte die Kirche zudem Hunderte von Obdachlosen in einer ihrer Schulen aufgenommen. „Die meisten Menschen, denen wir helfen, sind Muslime. Christen sind kaum darunter“, sagt Amin. „Die Muslime wissen das zu schätzen. Man kann sagen, dass Christen und Muslime einander durch den Krieg nähergekommen sind.“

Positiv hat sich die von den Katholiken geübte Caritas auch auf die mitunter arg gespannten Beziehungen zur griechisch-orthodoxen Kirche des Gebiets ausgewirkt, die mit etwa 1 200 Gläubigen die Mehrheit der Christen Gazas stellt. „Ihre Solidarität ist sehr kostbar für uns. Helfen Sie uns Christen, in Gaza bleiben zu können“: Damit dankte Erzbischof Alexios den katholischen Bischöfen, die ihn in seinem Bischofshaus aufgesucht hatten. Die katholische Caritas hatte der orthodoxen Kirche dabei geholfen, die etwa 2 500 Muslime zu unterstützen, die während des Sommers in orthodoxen Einrichtungen Zuflucht gefunden hatten. „Wenn Gott die Liebe ist, können wir keine Unterschiede der Religion machen. Manche Muslime verfolgen unsere Glaubensbrüder. Wir Christen hingegen helfen den Muslimen in Not“, so Alexios weiter. Kardinal Bagnasco zeigte sich beeindruckt von der Solidarität, die die katholische wie die orthodoxe Kirche gegenüber ihren muslimischen Mitbürgern üben. „Die Christen mögen nur eine kleine Minderheit sein, aber sie sind energisch und effektiv. Mich beeindruckt ihre Anhänglichkeit an den christlichen Glauben. Ich werde dem Papst davon berichten.“ Dennoch: Unter dem Druck der Lage haben seit dem Kriegsende bereits fünf christliche Familien, katholische wie orthodoxe, das Gebiet in Richtung des Libanon oder Europas verlassen. Gazas Christengemeinde wird so immer kleiner.

Auf sanften Druck der israelischen Botschaft beim Heiligen Stuhl hin besuchten die Bischöfe nach ihrer Visite in Gaza am Dienstagmorgen auch die israelische Stadt Sderot. Der nur einen Kilometer von der Grenze zu Gaza gelegene Ort ist zum Symbol für den Raketenbeschuss auf Israels Süden geworden. Bunker und stahlbetonverstärkte Häuser zeugen unübersehbar davon.

Ein Vertreter einer israelischen Einrichtung, die sich um traumatisierte Menschen kümmert, erklärte den Bischöfen die Situation. Im Innenhof des örtlichen Polizeipostens, wo die rostigen Überreste der tausenden Raketen ausgestellt sind, die im Laufe der Jahre auf Sderot herabregneten, sagte er: „Die Menschen leiden auf beiden Seiten. Trauma kennt keine Grenzen. Alle Menschen hier sind auf die eine oder andere Weise traumatisiert. Ein heute 14-jähriges Kind, so wurde errechnet, musste in seinem kurzen Leben bereits 650 Mal in die Bunker laufen.“

Kardinal Bagnasco sieht in Sderot und Gaza zwei Seiten derselben Medaille. „Die Situation in diesen beiden Gebieten ist exemplarisch für den Geisteszustand beider Völker. Wenn man einerseits die beschädigten Städte wiederaufbauen muss, so ist es doch viel wichtiger, den Menschen in seinem Herzen wiederaufzubauen, so dass er zugefügten Schaden verzeihen und sich auf den Weg der Versöhnung machen kann. Der geistige und moralische Wiederaufbau ist die Grundlage jedes weiteren Wiederaufbaus.“