Ich glaube an den Heiligen Geist

Im sechsten Teil der „Credo“-Serie der Tagespost dreht sich heute alles um den Heiligen Geist. Lange Zeit wurde die dritte Person von vielen in der Kirche übersehen. Vielleicht, weil der Geist eine abstrakte Größe ist. Mittlerweile erlebt der Heilige Geist ein Comeback. Er wird verehrt als Kraftquelle und Inspiration. Nicht nur im Kirchenraum, sondern auch in der Gesellschaft, in der Politik. Ist die friedliche Revolution 1989 nicht auch ein Beispiel für das Geistwirken in unserer Zeit? Diese und andere Fragen stellt ein Autor, der sich im geteilten Deutschland mutig für Freiheit eingesetzt hat und dies auch im vereinten Deutschland tut. Von Ulrich Schacht

Wer vom Freiheitsgeist Gottes erfasst ist, wird rekrutiert für den Kampf um sein Reich, das in Christus schon begonnen hat. Foto: dpa
Wer vom Freiheitsgeist Gottes erfasst ist, wird rekrutiert für den Kampf um sein Reich, das in Christus schon begonnen h... Foto: dpa

Wenn Christen bekennen, dass sie an den Heiligen Geist glauben, dann bekennen sie, dass sie der Souveränität Gottes, des Schöpfers Himmels und der Erden, vertrauen. Sie verwechseln den Heiligen Geist deshalb zu keiner Sekunde mit irgend einem Souverän irdischer Natur. Sie missverstehen den Heiligen Geist darum auch nicht als Machtfiguration instrumenteller Herrschaft. Sie erfahren ihn vielmehr als eine alle geschichtliche Zeit durchdringende Kraft, die den immer wieder ins Böse zurückfallenden Menschen ermutigt, ja, beseelt, sich zu lösen vom Verführungsbann des Diabolos, des satanischen Durcheinanderwerfers, und sich zu erheben: gegen ihn und seine Herrschaft durch das glamouröse Instrument tagtäglicher Versuchung, selbst Gott zu spielen, mit allen katastrophischen Konsequenzen, in denen das menschliche Gott-Spiel noch jedes Mal unausweichlich endet. Die so den Heiligen Geist erfahren, als radikale Kraft gegen das Böse, die zugleich unaustilgbare Schöpferkraft ist, erwarten ihn jedoch nicht im Sinn eines berechenbaren Kalenderdatums, das irdische Zeit Fall für Fall ohnehin nur als Vergänglichkeitskonstrukt im Ungewissen spiegelt. Sie setzen ihn aber fundamental voraus: allem Geschehen vor, nach und in der Zeit. Heiliger Geist ist so reiner Sinn-Zufluss aus der Ewigkeit, ist Quellort von Maßstäben, denen wir nicht gerecht werden können, nur weil wir es wollen, sondern erst dann, wenn wir uns ihnen und damit ihm in der Demut und Freude des Beschenkten nähern. Wer sich aber in diesem Sinne vom Ewigen her beschenken lässt, wer das Geschenk also ergreift oder sich von ihm ergreifen lässt, ist dem Zeitlichen nicht etwa enthoben: Er ist ihm vielmehr gewappnet, gewappnet mit der Konsequenz des Befreiten. Was aber heißt das wirklich? Das heißt, dass der Christ der politischen Freiheitsphrase insofern fundamental misstraut, als er weiß, dass wahre Freiheit nur aus dem Geist Gottes strömt und keinem menschlichen Welterrettungsprogramm zu Diensten ist, geschweige denn, dass sich irgend eines von ihnen auf eben diesen Freiheitsgeist, der weht, wo er will, berufen könnte. Wer von diesem Freiheitsgeist Gottes erfasst ist, wird vielmehr erfasst von einer Kraft, die uns rekrutiert für den Kampf um sein Reich, das für uns in Christus schon begonnen hat und dem wir in solchem Erfasstsein zugehörig werden. Heiliger Geist befreit, heißt das, durch Berührung. Wir geraten durch ihn in die Arme Gottes. Wir werden geborgen, aufgehoben und getragen – über die Gründe und Abgründe unserer Existenz hinweg, bis wir ganz bei ihm und mit ihm sind. Heiliger Geist rettet so, ohne gefangen zu nehmen. Heiliger Geist ist der Geist des Lebens, dem der Tod nichts anhaben kann. Heiliger Geist ist Gottes Atem, ohne den es nichts gäbe. Heiliger Geist ist die ins Sichtbare getriebene Bewegung der Wahrheit, die keinem Menschen zur Verfügung steht, aber allen für immer gilt. Was jedoch bedeutet das konkret? Oder noch unausweichlicher: Wie erfahrbar ins Geschichtliche hinein reicht diese Bewegung der Wahrheit? Eine Wahrheit, die mit dem theologischen Begriff der „Heilsökonomie“ Gottes erfasst werden könnte und das wieder und wieder subjektiv erfahrbare Walten des Heiligen Geistes in den objektiven Geschichtsprozess selber wendet, indem es die profan gedeutete Geschichtszäsur kenntlich werden lässt als von Gottes Geist durchdrungenes Kairos-Ereignis, das sich retro- wie prospektiv zur zwingenden Deutungs- wie Wertungsmacht in den Raum des geschichtlichen Bewusstseins erhebt und Antwort gibt auf mehr als nur auf die Gegenwart, in der sie gegeben wird.

Es war das 20. Jahrhundert, das hier ein Jahrtausendbeispiel gegeben hat, indem in ihm eine weltumwälzende Revolution zu Erscheinung und Wirksamkeit kam, die allen maßgeblichen Revolutionen zuvor – insbesondere denen von 1789, 1917 und 1933 – und deren gesetzmäßiger Gewaltförmigkeit eine Antwort zuteil werden ließ, die den Maßstab für die wahre Menschenliebe, die wahre Gerechtigkeit, die wahre Friedfertigkeit wieder herstellte: jene Revolution von 1989, die wir die friedliche nennen. Ihr durch und durch christlicher Charakter, ihr Erfülltsein von Gottes Heiligem Geist der Gewaltlosigkeit, hat dabei aber nicht nur die Selbstvergottungsphilosophie der gestürzten Gewaltregime im mittleren und östlichen Europa dementiert sowie ihre Herrschaft beendet – er war auch die radikale Antwort auf den ideellen Ursprung dieser Regime, der sich weit im Westen, in den intellektuellen Hassgesängen der französischen materialistischen und gottfeindlichen Aufklärung zeigte und unmittelbar danach, als teuflische Praxis, in der Terrorgestalt der französischen Revolution von 1789 geschichtlich materialisierte, um mit der Ermordung des Königs symbolisch vor allem Gott zu töten, den wahren Herrn der Geschichte. Russische Kommunisten und deutsche Nationalsozialisten errichteten in dieser Spur später weitere antichristliche Exzesssysteme, die sich in Vernichtungsorgien mit- und gegeneinander geradezu überboten. Zweihundert Jahre danach aber wurde jenes diabolische Ur-Ereignis, das die säkularistisch definierte Menschenrechtsphilosophie, losgelöst von der biblischen Norm der Gottebenbildlichkeit des Menschen, noch in der historischen Sekunde ihrer Proklamation unweigerlich zur blutigen Phrase werden ließ, endgültig überführt als ein lediglich weiterer Versuch der Machtübernahme des Durcheinanderwerfers auf Erden – und zurückgewiesen! Zugleich wurde plausibel, warum die Frage nach den politischen Gewaltschrecken auf der Erde keine Frage danach sein kann, warum Gott sie zulässt? Sondern die Frage lautet vielmehr: Was stiftet Gott dagegen an? Beantwortet wird sie von Menschen, die sich von Ihm und seinem Heiligen Geist anstecken lassen, die, wie der polnische Papst Johannes Paul II. den Danziger Arbeitern, zurufen: Fürchtet euch nicht! Und so dem Angst-Kalkül des Diabolos, mit dem er die Kinder Gottes schwach macht, feige und böse, mit dem er sie dazu verführt, in der Lüge die Wahrheit zu sehen, im Krieg den Frieden, in der Unfreiheit die Freiheit, fundamental widerspricht. Nicht ein für allemal, aber immer wieder. Bis zu jenem Tag, an dem alles von diesem heilenden Wider-Spruch erfasst, durchdrungen und befreit ist.

Zum Autor: Der Autor wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wo seine Mutter inhaftiert war. Er studierte nach einer Handwerkslehre und der Sonderreifeprüfung in Rostock und Erfurt evangelische Theologie. 1973 wurde er in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt, 1976 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. In Hamburg studierte er Politische Wissenschaften und Philosophie. Seitdem ist er immer wieder als Autor und Publizist in Erscheinung getreten. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen: 1981 den Andreas Gryphius-Förderpreis sowie das Alexander-Zinn-Preis-Stipendium der Hansestadt Hamburg und 1990 den Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus. Er ist Mitglied der Hamburger Autoren-Vereinigung sowie des P.E.N.-Clubs. 2007 wurde Ulrich Schacht unter 90 Kandidaten zum Dresdner Stadtschreiber gewählt. 2012 erhielt er das Calwer Hermann-Hesse-Stipendiat. Ulrich Schacht lebt heute in Schweden. Zuletzt erschien von ihm: Über Schnee und Geschichte. Notate 1983-2011. Matthes & Seitz Verlag, 2012, ISBN 978-3-88221-564-9. DT/mee