Hoffnung auf Selbstständigkeit

Gewinnt die russisch-orthodoxe Kirche nach der Wahl des Moskauer Patriarchen Abstand vom Staat?

An diesem Wochenende beginnt in Moskau die umfangreiche Prozedur der Wahl eines neuen Patriarchen der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Am 25./26. Januar wird das Bischofskonzil, bestehend aus 148 residierenden und 48 Vikarbischöfen, eine Kandidatenliste für die Patriarchenwahl erstellen. Die größten Chancen werden Metropolit Kirill (62) von Smolensk und Kaliningrad zugestanden. Er erfüllt nicht nur die Voraussetzungen, die an das künftige Oberhaupt der ROK gestellt werden: Alter mindestens 40 Jahre, Erfahrungen in der Leitung einer Eparchie (Diözese) und theologische Promotion. Er leitet auch seit Jahren das Außenamt der Kirche und hat als mediengewandter Vertreter von Patriarch Alexij II. viel Popularität erlangt. Innerkirchlich machte er durch seine Arbeiten an wegweisenden orthodoxen Dokumenten auf sich aufmerksam: „Grundlagen der orthodoxen Soziallehre“ (200), „Deklaration über Recht und Würde des Menschen“ (2006) und andere. Er war einer der Organisatoren der Wiedervereinigung des Moskauer Patriarchats mit der russisch-orthodoxen Auslandskirche. Die beiden Zweige der ROK waren seit 1921 getrennt.

Seit langem wird Kirill als zweitmächtigster Hierarch im Patriarchat angesehen und wurde sofort nach Alexijs Tod am 5. Januar vom Heiligen Synod als Interimsverwalter eingesetzt. Dennoch wird seine Wahl in den russischen Medien nicht als sicher beurteilt.

Unmittelbar nach dem Ende des Bischofskonzils wird das Landeskonzil (27./28. Januar) zusammentreten. In ihm sind Delegierte der höheren Geistlichkeit, des Klerus, der Ordensleute und Laien vertreten. Sie werden jeweils von ihrem Ortsbischof ausgewählt, was gleichzeitig eine gewisse Auslese bedeutet. In den Medien wird das als Bruch der Wahlfreiheit beanstandet. Die gut 700 Abgeordneten kommen auch aus Eparchien in den Vereinigten Staaten, Kanada und Skandinavien. Erstmals gehören zehn Bischöfe der Auslandskirche zu der Delegation, darunter Erzbischof Mark von Berlin und Deutschland. Die Wahl soll am 29. Januar entschieden sein, die Inthronisation ist für den 1. Februar vorgesehen.

Ob Metropolit Kirill mit seinem jahrelangen Bemühen, den Eintritt in das höchste Kirchenamt vorzubereiten, sein Ziel wirklich erreicht, ist das eigentlich Spannende an der Wahl. Als Konkurrenten werden die Metropoliten Kliment (59) und Juwenalij (73) genannt. Metropolit Kliment von Kaluga und Borowski ist Leiter der Patriarchatsverwaltung. Metropolit Juwenalij leitet die Kommission für die Heiligsprechung und setzte sich für die Kanonisierung der Zarenfamilie und erfolgreich gegen die Heiligsprechung von Iwan dem Schrecklichen und dem „Wundermönch“ Rasputin ein. Ob die Metropoliten Filaret von Minsk und Weißrussland und Wolodymyr von Kiew und der Ukraine in die Liste des Bischofskonzils aufgenommen werden, steht dahin. Beide leiten autonome Kirchenabteilungen des Moskauer Patriarchats.

Die Erwartungen an den künftigen Lenker der Kirchengeschicke sind groß. „Eine neue Ära, eine ganz neue Ära wird beginnen“, sagte ein Teilnehmer des Landeskonzils dieser Zeitung. Den Einwand, dass Metropolit Kirill bereits angekündigt habe, dass, wer immer gewählt würde, keine Reformen durchführen werde, quittierte er mit einem weisen Lächeln. Auf ein anderes Problem bei dem jetzigen Wahlmodus macht das Politmagazin „Kommersant“ aufmerksam: Laut Umfrage des unabhängigen „Lewada-Zentrums“ bekannten sich 2008 71 Prozent der Russen als orthodox, aber nur etwa 35 Prozent besuchen einmal im Jahr einen Gottesdienst, zwei Prozent beten täglich, und die Großen Fasten beachten mehr als achtzig Prozent überhaupt nicht. Diese Divergenz ist das Ergebnis einer jahrelangen Mobilisierungskampagne des russischen Nationalgefühls: Russe zu sein ist heute gleichbedeutend mit der Zugehörigkeit zur Orthodoxie. Zu dieser großen Zahl der der Kirche Fernstehenden gehören auch viele einflussreiche Mitglieder der Inteligenzija, die im Landeskonzil wohl kaum ihre Vertreter, aber Ansprüche an den künftigen Patriarchen haben.

Eine entsprechende Umfrage veröffentlichte der „Kommersant“. Politiker, Wissenschaftler, Filmschaffende und Schriftsteller äußerten mit ihren Wünschen auch Kritik an der bisherigen Kirchenführung. So soll eine „Vertiefung des Glaubens in der Bevölkerung“ angestrebt, die Kirche von der „langen Klerikalisierung befreit“ werden. Patriarch Alexij habe sie zwar „von der Vormundschaft der Kommunistischen Partei und des KGB erlöst“, nicht aber vom Staat. Gewünscht wird nun eine volle Selbstständigkeit der Kirche „ohne jedes Merkmal kommerzieller Struktur“. Wissenschaft und Religion müssten sich annähern und ein „konstruktiver Dialog der orthodoxen und katholischen Zweige der Christenheit aufgebaut werden“. Die Frage einer Begegnung des neuen Patriarchen mit Papst Benedikt XVI. bewegt nach Meinung von „Argumenty i Fakty“ jetzt schon die ganze russische Gesellschaft. Metropolit Kirill hat das Privileg, schon von Benedikt im Vatikan empfangen worden zu sein. Die Patriarchenwahl in Moskau ist also vielleicht auch für die katholische Kirche der „Beginn einer neuen Ära“ und von großer Bedeutung, wer am 1. Februar den Patriarchenthron besteigt.