Hildegard für Einsteiger

Barbara Stühlmeyer führt exzellent in Leben und Werk der Kirchenlehrerin ein. Von Barbara Wenz

Hildegard von Bingen, Glasfenster von Bernhard Kraus (1900). Foto: KNA
Hildegard von Bingen, Glasfenster von Bernhard Kraus (1900). Foto: KNA

In der Reihe „topos taschenbücher“ erschienen, hebt sich dieser kleine Band über die große Heilige vom Rupertsberg von anderen Veröffentlichungen durch die Schwerpunktsetzung der Autorin, einer promovierten Musikwissenschaftlerin und Theologin, ab. Dabei ist es kein Werk für Spezialisten geworden. In den drei großen Hauptteilen des Buches geht es um eine historisch-kritische Biografie, um das kompositorische Werk und die Rezeption Hildegards durch die Jahrhunderte. Auch die heilkundlichen Schriften der Seherin werden einer historisch-kritischen Betrachtung unterzogen, weshalb das Buch auch für Hildegard-Kenner neue Erkenntnisse und Einsichten bringt. Doch auch für Einsteiger in die Lebenswelt und das umfangreiche Werk Hildegards in den verschiedenen Disziplinen wie theologische Schau, visionäre geistliche Literatur, liturgische Komposition und Natur- und Heilkunde ist der Band von Stühlmeyer ein griffiger Ausgangspunkt.

Neben dem vielleicht bekannteren Singspiel „Ordo virtutem“ hat die vielseitig begabte Hildegard vor allem Gesänge für die Tagzeitenliturgie zu Heiligenfesten und Eucharistiefeiern komponiert, insgesamt 77 sind uns erhalten; meist im Umfang von eineinhalb Oktaven, das war das, was ihre Schwestern in jedem Fall leisten konnten. Hervorzuheben sind dabei, so Stühlmeyer, vor allem die Mariengesänge des Villarenser Kodex, diese seien besonders repräsentativ für das musikalische Schaffen Hildegards. Es handelt sich um sieben Antiphonen, drei Responsorien, eine Sequenz und einen Hymnus. Sehr schön, so konstatiert die Autorin weiter, entfalte sich gerade im „Ave Maria, o auctrix vite“ bereits heilsgeschichtlich die Lehre von Maria als Miterlöserin, die Wegbereiterin aus dem Tode in die Erlösung. Was die Schriften zur Heilkunde und Naturlehre betrifft, so handelte es sich ursprünglich um einen einzigen Codex, der in den Jahren 1151 bis 1158 entstand, im 13. Jahrhundert dann aber in die beiden Werke aufgeteilt wurde, die heute als „Physica“ – Naturkunde – und „Causae und curae“ – medizinisch-ganzheitliche Schrift – zusammengefasst wurden. Dabei hängen Lebens- und Heilsordnung unmittelbar zusammen, konstatiert die Autorin völlig zu Recht und fügt hinzu: „Einen Menschen zu ,reparieren‘ wäre in ihren [Hildegards] Augen völlig sinnlos, wenn ihm dabei nicht die Erfahrung des Heils zuteil würde.“

„Und noch etwas unterscheidet die Medizin des Früh- und Hochmittelalters ganz entscheidend von unserer heutigen. Wenn man eine Krankheit ... nicht heilen konnte, ließ man den Kranken nicht allein, man lehrte ihn, damit zu leben. Dazu gab man ihm praktische Beispiele aus der Heiligen Schrift an die Hand, wie z. B. das Buch Hiob ... Was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren.“

Für Hildegard hänge gerade dieses Akzeptieren der unvermeidlichen Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz mit einer ausgeglichenen Lebensordnung zusammen. Nichts schafft mehr Unfrieden in der Seele als der Aufstand gegen die Dinge, die wir doch nicht ändern können, wie vermutlich fast jeder aus eigener Erfahrung weiß.

Stühlmeyer führt hier insbesondere ein Beispiel aus Hildegards Edelsteinheilkunde an, die häufig von esoterischen Kreisen missverstanden und vereinnahmt wird. Am Beispiel des Topas wird deutlich, dass es hier um eine Methode geht, einen Todkranken nicht alleine und ohne Trost zu lassen, denn dieser Stein sei in der neunten Stunde, der Todesstunde Jesu entstanden. Ein Kranker, der mit diesem Stein meditiert und betet, kann, sofern er gläubig ist, mithilfe subtiler seelisch-geistlicher Vorgänge Trost und Begleitung in der Schönheit und dem Glanz des Topas finden. Wissen, das durch die meisten agnostischen Hildegard-Devotees deformiert, wenn nicht gar unterschlagen wird. Wie es überhaupt zu diesen und anderen modernen Auswüchsen im Umgang mit Hildegards reichem Vermächtnis kam, erläutert das Kapitel, welches sich der Rezeptionsgeschichte ihrer Werke durch die Jahrhunderte widmet. Zu guter Letzt erfahren wir noch einiges zur Entstehung des Heiligenkultes um die prophetissa und abatissa, deren Reliquien heute nicht nur bei uns, sondern auch weltweit, von Tokio bis Tabhga, verehrt werden. Das unbedingt lesenswerte Büchlein wird praktischerweise ergänzt mit einer Zeittafel und einem Literaturverzeichnis, so dass mit seiner Hilfe auch ergänzende private Studien zu Hildegard und ihrem Schaffen möglich sind.

Barbara Stühlmeyer: Hildegard von Bingen. Leben–Werk–Verehrung

Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer, 2014, ISBN: 978-3-8367-0868-5,

EUR 8,95