Heilsame Unruhe

50 Jahre Patristisches Institut „Augustinianum“ in Rom: Impressionen einer Feierstunde mit dem Papst in Rom. Von Claudia Kock

Audience to the Curia for Christmas greetings
Papst Franziskus empfing die Mitarbeiter des Augustinianums zu einer Audienz in der „Sala Clementina“. Foto: dpa

Durch Berninis Kolonnaden fällt ein Spiel aus Licht und Schatten – ein Sinnbild für die Kirche von der Antike bis heute – auf die Gruppe von etwa 200 Personen, die sich vom Patristischen Institut „Augustinianum“ über den Petersplatz bewegt, um sich am Eingang zum Apostolischen Palast zu sammeln. Pater Giuseppe Caruso, seit September 2016 Präsident des Instituts, läuft in seinem schwarzen Augustinerhabit hierhin und dorthin. Er begrüßt Personen, verteilt kleine rosa Eintrittskarten. Schließlich stehen alle vor dem von Schweizergardisten flankierten Aufgang: Augustiner, Priester mit Kollarhemd oder Soutane, ein orthodoxer Priester mit hoher Kopfbedeckung und goldenem Brustkreuz und viele Laien. Auch einige Kinder wuseln aufgeregt in der Gruppe herum. Über die marmorne Freitreppe im Innern steigt die Gruppe bis in den dritten Stock, wo die „Sala Clementina“ für die Audienz mit dem Heiligen Vater vorbereitet ist.

Die 1595 von Papst Clemens VIII. errichtete „Sala Clementina“ ist mit Renaissancefresken ausgeschmückt. Hier finden wichtige Begegnungen statt, wie die traditionelle Weihnachtsansprache an die Römische Kurie. Wenn ein Papst stirbt, wird sein Leichnam zunächst in der „Sala Clementina“ aufgebahrt, bevor er in die Peterskirche überführt wird. Kurios ist die Tatsache, dass der Name „Clemens VIII.“ nicht nur auf der Weiheinschrift an der Vorderwand über dem weißen Papstthron zu lesen ist, sondern ebenso über jeder Tür und an anderen Stellen der Wände. „Clemens VIII. scheint ein Identitätsproblem gehabt zu haben“, bemerkt die Patrologin Francesca Cocchini schmunzelnd mit psychologischem Scharfsinn. Neben ihr sind weitere namhafte Patrologen vertreten, wie der 93-jährige Kardinal Prosper Grech – einer der Gründungsväter des Instituts –, Angelo di Berardino, Nello Cipriani, Vittorino Grossi und Emanuela Prinzivalli – um nur einige zu nennen –, ebenso wie Bibliotheksmitarbeiter, das Hausmeisterehepaar und zahlreiche Studenten aus aller Welt. Pater Caruso sagt einige Worte zur Etikette: Es werde darum gebeten, vor dem Papst nicht niederzuknien und ihm nicht den Ring zu küssen, denn Franziskus wünsche Kontakt auf Augenhöhe. Dann betritt der Papst selbst den Raum: mit forschem Schritt, aber schmaler und gebrechlicher, als er in den Medien wirkt.

Der Generalprior der Augustiner, Padre Alejandro Moral Antón, erinnert an die Anfänge des „Augustinianums“, das vor 50 Jahren aus dem „Studium“ des Augustinerordens hervorgegangen ist, zur Pflege der theologischen Wissenschaften, insbesondere der Patrologie und der Lehre des heiligen Augustinus. Er hebt hervor, dass die Kirchenväter „die Botschaft des Evangeliums oft in einem Umfeld verkündigt haben, das dieser Botschaft fernstand oder ihr sogar feindlich gesinnt war“. Man müsse von ihnen lernen, immer neue Möglichkeiten des Dialogs zu finden, „vor allem in unserer Zeit, die eine ,Kirche im Aufbruch‘ verlangt, die dem Menschen begegnet, um ihm in einer für ihn verständlichen Sprache die Wunder zu verkündigen, die Gott in Christus gewirkt hat“.

Papst Franziskus betont, dass das „Augustinianum“ gegründet wurde, „um dazu beizutragen, den Reichtum der katholischen Tradition, vor allem die Tradition der Kirchenväter, zu wahren und weiterzugeben“. Dieser Beitrag sei vor allem in unserer Zeit „wesentlich für die Kirche“. Er zitiert seine Vorgänger Paul VI. – „Die Rückkehr zu den Kirchenvätern gehört zu jener Hinwendung zu den Anfängen des Christentums, ohne die die biblische Erneuerung, die Liturgiereform und die neuere theologische Forschung, die vom Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzil gewollt sind, nicht möglich wäre“ – und Johannes Paul II. – „Sich in die Schule der Väter zu stellen bedeutet, Christus besser kennenzulernen und den Menschen besser kennenzulernen“ – und ermutigt die Patrologen, „euren Wurzeln und eurer Aufgabe treu zu bleiben; beharrlich zu sein im Bemühen, die intellektuellen, geistlichen und moralischen Werte mitzuteilen, die eure Studenten darauf vorbereiten können, mit Weisheit und Verantwortung am Leben der Kirche und an den entscheidenden Herausforderungen unserer Zeit teilzuhaben“: ein Dienst, der „eng mit der Evangelisierung verbunden“ sei.

Ein besonderes Gedenken widmet Franziskus den emeritierten Professoren, wie Kardinal Grech, dessen Predigten von einer wunderbaren Einfachheit und Weisheit seien, sowie der inzwischen 95-jährigen Patrologin Maria Grazia Mara, die „immer noch Arbeiten veröffentlicht und Kindern Katechismusunterricht erteilt“.

Nach dem päpstlichen Segen kann jeder Teilnehmer einige persönliche Worte mit dem Heiligen Vater zu wechseln. Bei den meisten ist es ein kurzer Gruß, einige verweilen etwas länger. Plötzlich sagt Franziskus leise etwas zu einem neben ihm stehenden Vatikanangestellten, der rasch zur Tür läuft und mit einem Rosenkranz zurückkommt.

Per Papst übergibt ihn einem Studenten, als persönliches Geburtstagsgeschenk – ein Kommilitone hatte den Papst auf seinen Geburtstag aufmerksam gemacht. Ein berührender Augenblick ist auch der päpstliche Segen für das noch ungeborene Kind einer hochschwangeren Frau, die anschließend freudestrahlend an ihren Platz zurückkehrt.

Augustinus, so der Papst, „hat erkannt und in höchstem Maße zum Ausdruck gebracht, dass das menschliche Herz ruhelos ist, solange es keine Ruhe findet in Gott, der uns in Jesus Christus die tiefste Wahrheit über unser Leben und über unsere endgültige Bestimmung offenbart“. Daher hat er, so Pater Caruso im persönlichen Gespräch, dem Menschen von heute noch viel zu sagen, denn „er kann jeden Menschen in Berührung bringen mit seiner Unruhe, mit seinem Wunsch nach Glück, nach Erfüllung“. Diese Unruhe „zwingt uns, viele Dinge in Frage zu stellen: die Logik des Erfolgs, die Logik des Ruhms, die Logik des Reichtums. Das ist eine der schönsten Lehren, die Augustinus uns heute noch geben kann: die eigene Unruhe zu spüren“.