Hans Zollner SJ: „Einheit leben“

Der Jesuit Hans Zollner ist Psychologe und Theologe und leitet das Kinderschutzzentrum „Centre for Child Protection“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Seit 2014 gehört er der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen an. Zollner ist darüber hinaus als Therapeut tätig und begleitet Missbrauchsopfer. Regina Einig sprach mit ihm in Erfurt über Ursachen und Folgen der Missbrauchskrise.

Hans Zollner
Hans Zollner, Präsident des Centre for Child Protection (CCP), des Zentrums für Kinderschutz, und Vizerektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, am 10. Februar 2019 in Rom. Foto: Francesco Pistilli

Herr Pater Zollner, Sie vermissen eine theologische Auseinandersetzung mit dem Thema Missbrauch in der Kirche. Könnte der jüngste Beitrag von Papst Benedikt XVI. – Stichwort aus der Heiligen Schrift begründete Moraltheologie und eine Rezeption von „Veritatis splendor“ – ein Ausgangspunkt dafür sein?

Der Text von Papst Benedikt hat tatsächlich schon zu einer theologischen Auseinandersetzung geführt, denn es wird nicht nur über die kirchenpolitische Bedeutung dieser Äußerung diskutiert, sondern auch über die theologischen Positionen und zeitgeschichtlichen Einordnungen, die in dem Text vorgenommen werden.

Hat Sie das Schreiben überrascht?

Nein. Papst Benedikt nimmt mit dem Schreiben etwas auf, das sich im Grunde nicht sehr unterscheidet von dem, was er etwa schon mit seinem Brief an die Katholiken in Irland 2010 gesagt hat. Der Brief an die irischen Katholiken ist für mich fast das einzige Dokument der Kirchenleitung, in dem in über dreißig Jahren überhaupt die theologische Frage angesprochen wurde.

Benedikt XVI. unterstreicht, dass der Glaube im Rechtsbewusstsein als ein schützenswertes Gut vorhanden sein soll. So äußern sich auch Missbrauchsopfer, die nicht mit der Kirche gebrochen haben. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Die Situation ist weltkirchlich betrachtet sehr unterschiedlich. Es gibt Betroffene, die sich in ihrer Gemeinde gut aufgenommen fühlen. Die Bedürfnisse von Betroffenen wurden aber hauptsächlich unter dem Stichwort Therapie und in Bezug auf Rechtsfragen eingeordnet. Von der Kirchenführung in Rom bis in die einzelnen Pfarreien wurde die tiefste Wunde derer, die in der katholischen Kirche missbraucht wurden, nicht wirklich beachtet: der Verlust des Grundvertrauens nicht nur in sich selber, sondern eben auch in Gott, vermittelt durch die Kirche und ihre Amtsträger.

Konnten Sie mit dem emeritierten Papst darüber sprechen?

Er hat mir im Juli letzten Jahres gesagt: Es war für ihn als Präfekt der Glaubenskongregation erschütternd, nicht nur mit den Fällen konfrontiert zu werden, sondern auch zu sehen, dass die Antwort von anderen römischen Behörden wie auch von Bischöfen so zögerlich, so inkonsistent war. Das hat ihn Ende der 90er beziehungsweise Anfang der 2000er Jahre dazu gebracht, diesem Thema auch für sich selber eine große Priorität zu geben und es 2002 unter die Verantwortlichkeit der Glaubenskongregation zu ziehen.

Sie haben den Eindruck, dass die Missbrauchskrise vielen Katholiken, gleich ob Klerus oder Laien, keine wirkliche Herzensangelegenheit ist. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang, dass sich Opfer selbst zurückziehen, auch aus strafrechtlichen Prozessen, weil sie den Eindruck haben, dass ihr Schicksal inzwischen politisiert und instrumentalisiert wird?

Wir leben in einer Welt und in einer Kirche, in der solche Dinge nicht getrennt voneinander behandelt werden. Wir können nicht vermeiden, dass das kirchenpolitisch oder auch in verschiedenen theologischen Richtungen benutzt wird. Zu meinen, dass man das vermeiden könnte, halte ich für blauäugig. Der Punkt ist: Wo geht es hin? Dieser Punkt ist sehr schwierig und schmerzhaft für die Kirche: anzuerkennen, dass die Kirche mit all dem, was sie vertritt und was ihr Verkündigungsauftrag ist, in vielem dem nicht gerecht wird, und das Gegenteil hervorgerufen hat. Das bringt eine große Verunsicherung hervor, die einerseits die theologische Auseinandersetzung erschwert hat, und andererseits viel Energie lähmt, um auf das einzugehen, was wirklich Not täte. Es ist ein geistiger Kleinmut, eine geistliche Trostlosigkeit – wie Ignatius das nennt –, die damit zusammenhängt, dass man nicht sich dem ganzen Wurzelgeflecht dessen stellt, was Missbrauch und dessen Vertuschung ermöglicht.

Bei der Ursachenforschung hat man in den USA und Deutschland auf externe Studien zurückgegriffen – John Jay und die MHG-Studie. Fachleute haben in diesem Zusammenhang auch Kritik geübt. Wie gewichtig ist das?

Beide Studien sind von Fachleuten durchgeführt worden, die an angesehenen Universitäten lehren. In Fachzeitschriften habe ich noch keine Kritik an der Methodik und den Befunden dieser Studien gefunden. Die Interpretation von Fakten ist auch in weltlichen Forschungen immer offen für Schlüsse, die jeweils politisch und kirchenpolitisch gefärbt sein können. Es ist eine Illusion, dass es vollkommen wertneutrale Forschung gäbe.

Wie beurteilen Sie den Einwand, dass der Faktor Homosexualität im Kontext der Missbrauchsforschung nicht ausreichend berücksichtigt wird?

Die Frage ist, ob das Phänomen homosexuelles Agieren an sich schon genügend klar belegt, dass diejenigen, die homosexuell aktiv waren, auch Homosexuelle sind. Aus meiner psychotherapeutischen Praxis glaube ich, dass das ein Trugschluss ist. Meine Erfahrung deckt sich mit den Daten der Studien, was Homosexualität angeht. Viele Missbrauchstäter würden sich nicht als homosexuell orientiert definieren. Vielmehr handelt es sich oft um sexuell unreife Persönlichkeiten, die nicht sagen können, ob sie hetero- oder homosexuell sind. Das ist ein viel größerer Risikofaktor als entweder heterosexuell oder homosexuell. Im Übrigen: Der Großteil der Fälle, die in den USA oder in Deutschland gemeldet worden sind, betrifft Priester, die in den 60er Jahren im Priesterseminar waren. Die meisten Missbrauchstaten in den USA wurden zwischen 1974 und 1982 verübt. Die Täter waren Anfang der 60er Jahre oder früher geweiht worden. Nach eigener Aussage haben sie nie im Seminar auch nur ein Wort über Sexualität gehört – außer: Du wirst zölibatär leben – erfahren.

Welche Folgen hatte das?

Sie haben nie gehört, wie man das praktisch anpackt. Sie haben nie Hilfestellung bekommen, weil Sexualität tabu war. In einem Klima, in dem nur Männer sind, ist es menschlich und psychologisch sehr leicht vorstellbar – das betrifft nicht nur Kirche, sondern auch andere geschlossene Zusammenhänge, wo nur ein Geschlecht vorkommt – , dass deren sexuelle Bedürfnisse sich dann, wenn das Thema nicht angesprochen wird und sie keine Hilfestellung erhalten, auf Personen des gleichen Geschlechts orientiert. Durch die fehlende Auseinandersetzung mit Sexualität und keine gut vermittelte, biblisch fundierte Sexualmoral haben Missbrauchstäter unter den Klerikern nicht verinnerlicht, dass Sexualität eine große Kraft sein kann, um Menschen zu dienen. Stattdessen wurde sie benutzt, um Macht auszuüben.

Was hat die katholische Sexualmoral an Hilfe zu geben?

Die katholische Sexualmoral hat da viel zu geben, weil es ganz selbstverständlich ist, dass die Beziehung zwischen den Geschlechtern eine im christlichen Sinn liebevolle sein soll. Die eigentliche Frage für mich ist: Wie können wir als katholische Kirche – und das sind nicht nur die Amtsträger – Sexualmoral so darstellen und leben, dass Gläubigen wie Nicht-Christen sichtbar ist: Sexualität ist ein integrierender Teil des menschlichen Lebens, den wir achten, schätzen und auch entsprechend einbinden. Ich habe große Befürchtungen, dass uns die Missbrauchsskandale in der jetzigen Zeit eben als Kirche der Öffentlichkeit gegenüber sprachlos machen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das ist schon geschehen etwa in Australien, wo die Regierung Gesetze zu homosexuellen Partnerschaften auch durchsetzen kann, weil die Leute sagen: Ich stimme gegen die kirchliche Position, weil die Kirche und ihre Amtsträger das Gegenteil von dem getan haben, was sie verkünden. Alles, was wir zur Sexualität sagen, steht unter dem Generalverdacht: Ihr lebt ja selber nicht, was ihr sagt.

Sie formulieren in Ihren Vorträgen die Frage: Was will Gott uns eigentlich mit dieser Krise sagen? Haben Sie für sich schon einmal versucht, eine Antwort darauf zu geben?

Natürlich versuche ich ständig, eine Antwort zu finden. Sie verändert sich über die Jahre. Vor neun Jahren, als ich begonnen habe, mich hauptsächlich mit diesem Thema zu beschäftigen, war eine Antwort: Schaut in die Vergangenheit und tut alles, den Missbrauch aufzuarbeiten. Aber dann kam hinzu: Tut das Notwendige, damit heute und morgen so wenig Missbrauch wie möglich geschieht. Im Laufe der Zeit kam immer stärker auch diese Antwort hervor: Was gehört zentral zum Priestersein und Kirche- sein? Was heißt christlicher Auftrag in der Gegenwart heute? Was ist der Kern, um den es uns gehen muss? Und was muss absterben und gehört nicht wesentlich zu dem, was Jesus uns aufgetragen hat? Es wird automatisch zu einem anderen Miteinander von Amtsträgern und Laien kommen. Ich glaube, dass Gott einen sehr eindringlichen Anruf an uns richtet: Schaut auf alles, was euch wichtig ist bisher, und schaut es mit meinen Augen an. Schaut auf das, wo der Kern des Glaubens ist, wie die Botschaft Jesu wieder im Mittelpunkt stehen kann. Und wie dies so gelebt werden kann, dass ihr untereinander eine Einheit leben könnt. Das wird nicht gehen ohne eine größere Einfachheit und eine asketischere Kirche.

Aber von Askese wird kaum noch gesprochen...

Ja, es fehlt eine Fortentwicklung jener Askese, die in den 60er, 70er Jahren über Bord geworfen wurde. Sie wurde meines Erachtens über Bord geworfen, weil jene Askese ihren Zweck nicht mehr erreichte. Askese heißt: Ich verzichte auf etwas, um mir leibhaft und wiederholt in Erinnerung zu rufen, dass das Evangelium nicht nur ein Gewinn ist, sondern mich auch etwas kostet: Nur, wer sein Leben um Jesu willen verliert, der gewinnt es. Das kostet viele Dinge, die man sich wünschen könnte, die aber unter der Perspektive des Evangeliums nicht gut sind. Eine asketische Übung, die heute dringend notwendig wäre, ist der Umgang mit der Internetkommunikation. Und ich sehe da kein Modell – im Gegenteil. Der Zugang zu Internetpornographie ist ein gesamtgesellschaftliches und leider auch in kirchlichen Kreisen verbreitetes Phänomen. Hier finde ich tatsächlich wenig Hilfestellungen, auch in und für die geistliche Begleitung oder die Beichte.