Gotteslob wird Segen

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 11. Januar 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Auf unserem Weg der Reflexion über das in den Evangelien dargestellte Beten Jesu, möchte ich heute über den besonders feierlichen Moment Seines Gebets beim Letzten Abendmahl nachdenken.

Den zeitlichen und emotionalen Hintergrund des Festmahls, bei dem Jesus sich von den Freunden verabschiedet, bildet sein bevorstehender Tod, den Er nunmehr nahe spürt. Schon lange vorher hatte Jesus begonnen, von seinem Leiden zu sprechen und auch versucht, seine Jünger diesbezüglich immer mehr einzubeziehen. Das Evangelium nach Markus berichtet, dass Jesus vom Aufbruch zur Reise nach Jerusalem an in den fernen Dörfern Cäsarea Philippis begonnen hatte, „sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen“ (Mk 8, 31). Zudem war gerade in den Tagen, in denen er sich auf den Abschied von seinen Jüngern vorbereitete, das Leben des Volkes vom nahenden Paschafest geprägt, also vom Gedenken an die Befreiung Israels aus Ägypten. Diese Befreiung, die in der Vergangenheit erfahren worden war und von Neuem in der Gegenwart und für die Zukunft erwartet wurde, wurde in den familiären Feiern des Paschafestes wieder lebendig. Das Letzte Abendmahl fügt sich in diesen Kontext ein, doch mit einer fundamentalen Neuheit. Jesus blickt mit vollem Bewusstsein auf sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung. Er möchte dieses Mahl mit seinen Jüngern als ein ganz besonderes Festmahl feiern, das sich von anderen seiner Art unterscheidet; es ist Sein Abendmahl, in dem er etwas vollkommen Neues schenkt: sich selbst. Auf diese Weise begeht Jesus sein Pascha, nimmt er sein Kreuz und seine Auferstehung vorweg.

Diese Neuheit wird uns durch die Zeitangabe des Letzten Abendmahls im Evangelium des Johannes verdeutlicht, der es nicht als Paschamahl beschreibt, gerade weil Jesus etwas ganz Neues stiften möchte, weil er Sein Pascha feiern möchte, auch wenn es gewiss mit den Ereignissen des Exodus verbunden ist. Und für Johannes starb Jesus gerade in dem Moment am Kreuz, in dem im Tempel von Jerusalem die Osterlämmer geopfert wurden.

Was ist also der Kern dieses Mahls? Es sind die Gesten des Brotbrechens und des Austeilens des Brots an die Seinen sowie des Reichens des Weinkelchs mit den entsprechenden Begleitworten und in dem Gebetskontext, in den sie angeordnet sind: es ist die Einsetzung der Eucharistie, es ist das große Gebet Jesu und der Kirche. Doch betrachten wir diesen Moment näher.

Die neutestamentlichen Überlieferungen der Einsetzung der Eucharistie (vgl. 1 Kor 11, 23–25; Lk 22, 14–20; Mk 14, 22–25; Mt 26, 26–29), verwenden, wenn sie auf das Gebet hinweisen, das die Gesten und die Worte Jesu über Brot und Wein einleitet, zwei parallele, einander ergänzende Begriffe. Paulus und Lukas sprechen von „eucaristia“/Dank: „Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen“ (Lk 22, 19). Markus und Matthäus hingegen heben den Aspekt der „eulogia“, des Lobpreises hervor: „Er (nahm) das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen“ (Mk 14, 22). Beide griechische Begriffe „eucaristein“ und „eulogein“ verweisen auf das hebräische „Berakha“, also auf das große Dank- und Segensgebet der jüdischen Tradition, das die großen Festmahle einleitete.

„Dieses Lob- und

Dankgebet, das zu Gott aufsteigt, kehrt als Segen wieder zurück“

Die zwei verschiedenen griechischen Begriffe zeigen die beiden Richtungen auf, die diesem Gebet innewohnen und einander ergänzen. Das „Berakha“ ist vor allem ein Gebet des Danks und des Lobpreises für die empfangenen Gaben, das zu Gott emporsteigt: Beim Letzten Abendmahl Jesu handelt es sich um das Brot – das aus dem Weizen gebacken wird, den Gott aufgehen und aus der Erde wachsen lässt – und den Wein, der aus den Früchten, die auf den Weinstöcken reifen, hergestellt wird. Dieses Lob- und Dankgebet, das zu Gott aufsteigt, kehrt als Segen wieder zurück, der von Gott auf die Gabe hinabsteigt und sie bereichert. Gott danken und loben wird auf diese Weise Segen, und das Gott angebotene Opfer kehrt gesegnet vom Allmächtigen zum Menschen zurück. Die Worte der Einsetzung der Eucharistie stehen in diesem Gebetskontext; in ihnen werden Lob und Segen des „Berakha“ Segen und Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu.

Vor den Einsetzungsworten kommen die Gesten: das Brechen des Brotes und das Reichen des Weins. Derjenige, der das Brot bricht und den Kelch reicht, ist vor allem das Familienoberhaupt, das die Familienangehörigen an seinem Tisch aufnimmt, doch es sind auch Gesten der Gastfreundschaft, der Aufnahme des nicht zum Haus gehörenden Fremden zur Tischgemeinschaft. Dieselben Gesten erhalten beim Mahl, mit dem Jesus sich von den Seinen verabschiedet, eine ganz neue Tiefe: Er gibt ein sichtbares Zeichen der Aufnahme an den Tisch, an dem Gott sich schenkt. Im Brot und im Wein bietet Jesus sich selbst dar und teilt sich selbst mit.

Doch wie kann all das geschehen? Wie kann Jesus, in jenem Moment, sich selbst darreichen? Jesus weiß, dass ihm bald das Leben durch die Hinrichtung am Kreuz genommen werden wird, die Todesstrafe für die Unfreien, die Cicero als „mors turpissima crucis“ bezeichnete. Mit der Gabe von Brot und Wein, die Jesus beim Letzten Abendmahl darreicht, antizipiert er seinen Tod und seine Auferstehung und verwirklicht das, was er in der Rede des Guten Hirten gesagt hatte: „Ich gebe mein Leben hin, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen“ (Joh 10, 17–18). Er gibt also schon jetzt sein Leben hin, das ihm genommen werden wird, und verwandelt auf diese Weise seinen gewaltsamen Tod in einen freien Akt der Hingabe seiner selbst für die anderen und an die anderen. Die erfahrene Gewalt verwandelt sich in ein tätiges, freies und erlösendes Opfer.

Nochmals zeigt Jesus im Gebet, das nach den rituellen Formen der biblischen Tradition begonnen wird, seine Identität und die Entschlossenheit, seine Sendung der vollkommenen Liebe, der Hingabe im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters, bis zum äußersten durchzuführen. Die tiefe Besonderheit der Selbsthingabe an die Seinen durch das eucharistische Gedenken ist der Höhepunkt des Gebets, das das Abschiedsmahl mit den Seinen kennzeichnet. Wenn wir die Gesten und Worte Jesu in jener Nacht betrachten, sehen wir deutlich, dass die vertraute und ständige Beziehung mit dem Vater der Ort ist, an dem Er die Geste verwirklicht, den Seinen und einem jeden von uns das Sakrament der Liebe, das „Sacramentum caritatis“, zu hinterlassen. Zweimal ertönen beim Abendmahl die Worte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (1 Kor 11, 24.25). Mit der Selbsthingabe schenkt er Sein Pascha, wird Er das wahre Lamm, das den alten Kult zur Erfüllung bringt. Daher erklärt der heilige Paulus den Christen von Korinth: „Als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. Lasst uns also das Fest ... mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit (feiern)“ (1 Kor 5, 7–8).

Der Evangelist Lukas hat ein weiteres wertvolles Element der Ereignisse des Letzten Abendmahls bewahrt, das uns gestattet, die ergreifende Tiefe des Betens Jesu für die Seinen in jener Nacht zu sehen, die Beachtung, die er jedem von ihnen schenkt. Ausgehend vom Dank- und Segensgebet gelangt Jesus zur eucharistischen Gabe, zur Hingabe Seiner selbst, und während er die entscheidende sakramentale Realität schenkt, wendet er sich an Petrus. Am Ende des Mahls sagt er: „Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder“ (Lk 22, 31–32). Als die Prüfung auch für seine Jünger näherkommt, stärkt das Gebet Jesu ihre Schwäche, ihre Mühe, zu verstehen, dass der Weg Gottes über das österliche Geheimnis des Todes und der Auferstehung geht, das im Opfer von Brot und Wein vorweggenommen wird. Die Eucharistie ist Speise der Pilger, die auch denen zur Stärkung wird, die müde und erschöpft sind und die Orientierung verloren haben. Und das Gebet ist vor allem für Petrus, damit er, wenn er einmal bekehrt ist, seine Brüder im Glauben stärke. Der Evangelist Lukas ruft in Erinnerung, dass es gerade der Blick Jesu war, der das Angesicht Petri in dem Moment suchte, in dem dieser ihn soeben dreimal geleugnet hatte, um ihm die Kraft zu geben, den Weg Seiner Nachfolge wieder aufzunehmen: „Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte“ (Lk 22, 60–61).

„Vereinen wir unser

Gebet mit dem des Osterlammes in seiner

letzten Nacht“

Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir an der Eucharistie teilhaben, erleben wir auf außergewöhnliche Weise das Gebet, das Jesus für jeden von uns gebetet hat und ständig betet, auf dass das Böse, dem wir alle im Leben begegnen, nicht die Oberhand gewinne und die verwandelnde Kraft des Todes und der Auferstehung Christi in uns wirksam werde. In der Eucharistie antwortet die Kirche auf das Gebot Jesu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22, 19; vgl. 1 Kor 11, 24–26); sie wiederholt das Dank- und Segensgebet und damit die Worte der Transsubstantiation von Brot und Wein in den Leib und das Blut des Herrn. Unsere Eucharistiefeiern sind ein Hineingezogenwerden in jenen Moment des Gebets, sie vereinen uns immer von Neuem mit dem Gebet Jesu. Von Anfang an hat die Kirche die Worte der Konsekration als Teil des gemeinsamen Betens mit Jesus verstanden; als zentralen Teil des von Dankbarkeit erfüllten Lobpreises, durch den uns die Frucht der Erde und der Arbeit des Menschen von Gott her neu geschenkt wird als Jesu Leib und Blut, als Selbstschenkung Gottes in der sich öffnenden Liebe seines Sohnes“ (vgl. Jesus von Nazareth II, Freiburg im Breisgau 2011, S. 149).

Indem wir an der Eucharistie teilhaben und uns am Fleisch und Blut des Sohnes Gottes stärken, vereinen wir unser Gebet mit dem des Osterlammes in seiner letzten Nacht, damit unser Leben trotz unserer Schwäche und unserer Untreue nicht verloren gehe, sondern verwandelt werde.

Liebe Freunde, bitten wir den Herrn, dass – nachdem wir uns auf angemessene Weise vorbereitet haben, auch durch das Sakrament der Buße – unsere Teilnahme an Seiner Eucharistie, die unerlässlich für das christliche Leben ist, immer der Höhepunkt all unseres Betens sei. Bitten wir, dass zutiefst vereint mit Seiner Hingabe an den Vater, auch wir unser Kreuz in ein freies und verantwortliches Liebesopfer für Gott und unsere Brüder verwandeln können. Danke.

Die deutschsprachigen Besucher

begrüßte der Papst mit den Worten:

Gerne heiße ich alle Gäste und Pilger deutscher Sprache willkommen. Durch die Eucharistie sind wir hineingenommen in das Beten Jesu, haben teil am Leib und Blut des neuen Osterlammes. Bitten wir Christus, dass wir in Verbindung mit ihm auch unsere Mühsale, unser Leiden, unser Sein umwandeln dürfen in einen Akt der Liebe, der Hingabe an Gott und an den Nächsten. Der Herr begleite euch alle mit seinem Segen.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller