Gottes Bild in Maria erkennen

Christoph Haider hat ein überzeugendes Buch über die Mutter Jesu vorgelegt. Von Klaus-Peter Vosen

Im Erzbischöflichen Theologenkonvikt Collegium Albertinum in Bonn gab es einst eine Gipsmadonna, die dem Betrachter wenig sagte, die nicht zum Herzen sprach. Man hätte sie mit der Zeit sicher in einen staubigen Keller verbannt, wenn ihr nicht noch ein schlimmeres Schicksal bereitet worden wäre. Doch durch Zufall – oder Fügung – stellte sich heraus, dass unter der „gewöhnlichen“, abgeschmackten Gipsfigur eine Holzmadonna vielleicht aus dem 16. Jahrhundert von hoher und erlesener Schönheit verborgen war. Die Feinheit ihres Antlitzes, der Blick dieser Madonna vermag in der Seele dessen, der sie mit offenem Herzen betrachtet, sicher so etwas wie eine förmliche „Ergriffenheit“ zu erzeugen.

Ähnlich ist es Christoph Haider gegangen mit einem Herz-Mariä-Bild in seiner Pfarrkirche in Oberhofen. Von einer Übermalung des 19. Jahrhunderts befreit, kam eine Darstellung der „Mutter der schönen Liebe“ zum Vorschein, die den Betrachter einfach nicht unbeteiligt lässt. Die Gestalt der Gottesmutter hat jeder Generation etwas zu sagen, seit Jesus am Kreuz zum Apostel Johannes, der hier für die Kirche aller Jahrhunderte stand, das Wort: „Siehe, deine Mutter“ sprach.

Den Ballast der Vorurteile beseitigen

Wie es aber mit den unglücklichen Vergipsungen oder Übermalungen in Bonn und Oberhofen war, so gilt es, einen Ballast von Vorurteilen und falschen Vorstellungen zu beseitigen, der der Begegnung der Menschen mit Maria hindernd entgegensteht. Demgegenüber ist die Gottesmutter nach dem sicheren Zeugnis der Heiligen Schrift, nach der klaren Lehre der Kirche schlicht so zu schildern, wie sie war. Geschieht eine solche Schilderung mit Wahrhaftigkeit und Liebe, ist es eigentlich unmöglich, dass die Gottesmutter nicht faszinierend und nicht einladend auf Christus hin wirken könnte, wenn jemand nur mit einem Minimum an innerer Bereitschaft, ihr wirklich zu begegnen, auf sie schaut.

Christoph Haider hat uns mit seinem Büchlein „Für Maria“ ein kostbares Betrachtungsbüchlein geschenkt, das in der Tradition seiner vor einiger Zeit publizierten glänzenden Meditationen über die heilige Messe steht. Die Veröffentlichung orientiert sich ganz an der gesunden Lehre der Kirche über Maria, die klare Bezugnahme auf die Heilige Schrift verleiht den Texten eine besondere Frische, und der Schönheit des behandelten „Gegenstandes“ – „ganz schön bist du, Maria, und kein Makel ist in dir“ – entspricht sowohl eine gepflegte, „schöne“ Sprache der Meditationen, die im guten Sinn „modern“ ist, wie auch eine gefällige optische Ausgestaltung des kleinen Werkes. Gelungene Formulierungen und Bilder Haiders lassen aufhorchen, prägen sich ein und sprechen von einem hohen seelsorglichen Reifegrad der Reflexion, so zum Beispiel, wenn der Autor schreibt: „Christus, der große Restaurator und Wiederhersteller des Ebenbildes Gottes in den Menschen, will auch in uns das Atelier Gottes mitnehmen. Wenn wir in den folgenden Kapiteln Maria aus verschiedenen Perspektiven betrachten, dient das nicht nur dazu, dass wir sie besser kennenlernen. Es will auch ein Anreiz sein, das Bild Gottes in uns selber noch mehr zur Entfaltung zu bringen“.

Hier wird etwas vom pastoralen Segen der echten Mutter-Gottes-Verehrung greifbar. Oder, an anderer Stelle, das klare Wort: „Die Bibel ist kein reines Wunderbuch. Das Christentum ist keine Nische im Wellnessbereich der Menschheit. Im Zentrum des Neuen Testamentes steht der schreckliche Tod Jesu am Kreuz.“ Um eine überzogene Wundersucht kann es also auch in der gesunden Mariologie nicht gehen. Aber es gilt: „Wo Menschen so großes Vertrauen haben wie Maria, können Wunder geschehen“.

Redliche Argumentation ist eine Stärke des Autors

Durch große Redlichkeit, durch Realismus im Einklang mit dem unverkürzten katholischen Glauben, wie sie für Haider charakteristisch sind, erledigen sich Einwände gegen Maria schnell und bewirkt ihre Verehrung Großes: „Gewiss war Maria nicht von Anfang an schon am Ziel. Auch sie ist mit der ihr gestellten Aufgabe gewachsen und gereift. Somit braucht sich niemand von Marias Gnadenfülle ,erdrückt‘ zu fühlen. Im Gegenteil: Maria will gerade jenen Helferin sein, die erst daran gehen, ihren Platz im Leben zu entdecken, einzunehmen und auszufüllen.“

Aus den Meditationen Haiders kann sowohl der einzelne Leser erheblichen geistlichen Gewinn ziehen, wie auch die christliche Gemeinde, wenn sie vom Verkündiger für die Predigt ausgewertet werden. Da Haider, wie bereits angedeutet, nicht in Kompliziertheiten schwelgt – weder inhaltlich noch sprachlich –, hat sein Buch die Chance, wirklich einen größeren Leserkreis zu erreichen. Es eignet sich vorzüglich auch als Geschenkgabe. Dem Verfasser sei für sein Werk umfassend gedankt, man darf dem Opusculum weiteste Verbreitung wünschen.

An einer für den Rezensenten sehr interessanten Stelle stellt Christoph Haider übrigens die Vermutung an, dass „die ,Pieta‘, Maria als Schmerzensmutter, nicht weniger häufig dargestellt (sei) als die ,Annuntiatio‘, Maria mit dem Verkündigungsengel“. Dem ist zweifellos zuzustimmen. Vor Jahren trat es mir sehr stark ins Bewusstsein, wieviele gerade der älteren Gnadenbilder der Gottesmutter im Bereich der Erzdiözese Köln Darstellungen der Schmerzhaften Mutter Gottes sind. Wenn es umfassend gelänge, Maria einer glaubensschwachen, unsicheren, von vielfachen Schwierigkeiten bedrückten Zeit überzeugend als die große „Solidarische“ zu beschreiben (wie Haider es tut), der in der Nachfolge ihres göttlichen Sohnes keine Träne gleichgültig ist, die aber in ihm zu neuer endgültig-glückhafter Perspektive weist, welche in ihr selbst schon Wirklichkeit wurde, dann würde Maria wie in den Zeiten von Pest und endlosen Kriegen von immer mehr Menschen erfahren werden als das, was sie in Wahrheit ist: ein unübersehbares Hoffnungszeichen Gottes für uns.

Christoph Haider: Für Maria. Bibelorientierte Begegnungen. Media Maria Verlag GmbH Illertissen 2011, ISBN 978-3-9813003-6-9. 122 Seiten, EUR 12,95