„Gott hat meinen Blick geheilt“

Wenn Krisen zur Chance für den Glauben werden: Ein Gespräch mit dem Katechumenen André Thiele. Von Barbara Wenz

Paradox, aber wahr: Nähe erfahren viele Menschen, wenn sie sich allein auf Wanderungen begeben. Das Erlebnis, dass Gott für sie da ist, kann das Leben in ein neues Licht tauchen. Foto: Symbolbild: KNA
Paradox, aber wahr: Nähe erfahren viele Menschen, wenn sie sich allein auf Wanderungen begeben. Das Erlebnis, dass Gott ... Foto: Symbolbild: KNA

Der Autor André Thiele, Jahrgang 1968, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Wiesbaden, im Taunuskreis und in Mainz. Dort gründete er auch seinen VAT-Verlag, dessen Schwerpunktthema unter anderem Leben und Werk des 2003 verstorbenen Dichters Peter Hacks bildete, mit dem Thiele seit 1998 einen regen Austausch gepflegt hatte. 2015 ging der Verlag in Insolvenz, Thiele zeigte sich selbst wegen Betrugs an und legte den Offenbarungseid ab. Er begann eine Psychotherapie und ist seit Mai 2016 Katechumene.

Sie haben im vergangenen Jahr zu Ihrem 48. Geburtstag einen sehr eindrucksvollen Beitrag auf Ihrem Facebook-Profil veröffentlicht: Nüchtern schildern Sie Ihre private Lage – Konkurs Ihres Verlages, bevorstehende Scheidung, Mittellosigkeit. Daran schließt sich Ihr öffentliches Gelübde: Am 2. April 2017 werden Sie, direkt nach Ihrer Taufe, Erstkommunion und Firmung eine Bußwallfahrt nach Santiago de Compostela antreten. Wie kam es dazu?

2015 musste ich mir das von mir zu verantwortende Scheitern all meiner bisherigen Lebensbemühungen eingestehen. Es lag da nur ein riesiger Haufen Schutt, den ich angerichtet hatte. Irgendwann traf ich zufällig jemanden, der mir zwei Dinge sagte: „Wenn Sie es so gründlich kaputt gemacht haben, dann sollten Sie es ebenso gründlich wieder aufbauen, aber diesmal richtig.“ Und: „Für alle ist das, was Sie getan haben, eine Katastrophe, aber für Sie ist es auch eine Gnade. Ihnen ist alles neu. Sie sind wieder 19 Jahre alt, aber mit dem Verstand und der Erfahrung eines 48-Jährigen.“ Diese beiden Gedanken musste ich anerkennen, im Kopf wie im Herzen. Das war die Konversion. Denn wer richtig sagt, also sagt, dass es ein Maß gibt, und wer Gnade sagt, der sagt Gott – alles andere ist Feigheit und Gerede.

Also war es ein bestimmter Moment, an dem Sie umkehrten?

Es war Moment und Prozess, Wille und Werden, beides ineinander verwoben. Ohne die Krise wäre es sicherlich nicht so gekommen, aber mir hat schon vor einigen Jahren ein außerordentlich kluger Jude auf den Kopf zugesagt, ich sei Katholik. Das hat mich damals sehr empört.

Warum empört?

Ich verstand mich als Marxist klassischer Prägung: An Gott zu glauben gilt dort als ernst zu nehmender Schaden. Der jüdische Gelehrte verstand unter Katholik einen, der die religiöse Form der Hegelschen Dialektik betreibt: also das umfassende, durchdringende Verstehen einer Sache in all ihren Zusammenhängen und Bedeutungen – im Lichte der Offenbarung. Und das stimmte natürlich. Der Hegelsche Versuch, eine Theologie ohne Gott zu denken, hat mir immer zutiefst widerstrebt. Erst Julien Benda, später J. M. Bochenski OP hatten mich da ausreichend immunisiert, was den Unsinn der Dialektik anging. Es war also als Lob gemeint, ich verstand es aber als Tadel.

Warum wollten Sie denn ausgerechnet römisch-katholisch werden?

Die Frage verblüfft mich. Es klingt so wie „Warum wollen Sie leben?“ oder „Warum lieben Sie Ihre Frau?“ Zum Eigentlichen kann man wenig sagen. Die Klarheit eines Glases Wasser, sagt der Dichter Peter Hacks, beweist man, indem man es hinhält. Die Klarheit des katholischen Glaubens beweist man, indem man auf das Kreuz zeigt. Von da erklärt sich alles.

Gab es einen mystischen Punkt dabei – eine Art Gotteserfahrung?

Früher hielt ich mich einfach gern in Kirchen auf, opferte Kerzen, respektierte Priester und Ordensleute. Die Genossen diskutierten Filme von Bunuel oder Eisenstein; ich kringelte mich viel lieber bei Don Camillo und Peppone. Die Besessenheit der akademischen Kirchengegner war mir deutlich fühlbar, bei Deschner, Wollschläger oder dem Hochhuth zum Beispiel. Dass der Weltgeist bei Hegel einfach eine Ikea-Version des Herrgotts war, zum Eigenbau im trauten Heim, war auch spontan klar. Die Atheisten schmissen immer mit großer Geste und schwitziger Mühe Gott vorne raus, aber er war halt hinten stets gleich wieder drin. Ich bin kein sehr mystisch orientierter Mensch, aber ich hatte eine ganze Zeit lang Erfahrungen der Nähe. Eine klare, starke körperlich-geistige Empfindung von seiner Präsenz, meist beim Wandern, gerade eben außerhalb des Sehfelds und ohne den Mut, wirklich hinzusehen. Aber er war da. Als ich dann zum ersten Mal im Jahr 2005 Chesterton las, seinen Franz- und den Thomas-Essay, da lachte ich Seite für Seite nahezu ohne Unterlass. Und dann sagte ich mir, wenn du hier so herzlich lachst, dann kannst du kein waschechter Atheist sein.

Gibt es einen Heiligen, dem Sie sich anvertraut haben?

Die heilige Roséline de Villeneuve (1263–1329). Ihre Grablege ist nahe der Stadt Les Arcs im Département Var. Ich habe dort seit meiner Kindheit viel Zeit verbracht, auch lange vor ihrem Sarkophag gesessen. Sie gründete Kloster auf Kloster, erschloss quasi ganze Landschaften der Region und muss eine wunderbare geistige und weltliche Führerin gewesen sein. Wie sie daliegt in ihrem Glassarg– eine ganz, ganz kleine, schmächtige Frau. Welch eine Kraft der Glaube in diesem Körper entfacht hat! Außerdem, wir sind hier ja katholisch, hat sie viele vorzügliche Weinberge angelegt; der Rosé des Chateau Ste. Roséline ist heute noch einer der besten Weine Frankreichs.

Der französische Philosoph Jacques Maritain hat einmal gesagt: Ich bin ein Konvertit, ein Mensch, den Gott umgekrempelt hat wie einen Handschuh ...

Na, das ist aber ein Bild! Warum sollte Gott einen umkrempeln wie einen Handschuh? Ein Handschuh taugt nichts, wenn er umgekrempelt wird. Ich würde es anders beschreiben: Gott hat einfach meinen Blick geheilt. Ich sah alles krumm und schief, mich, die anderen Menschen, die Welt, den Himmel, Ihn. Es war wie in einem Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt, wo alles anders erscheint als es ist. Jetzt bin ich da raus und sehe den blauen Himmel erstmals so blau, wie er ist.

Sie haben ein anderes Wort für sich entdeckt, eigentlich ein ungewöhnliches Wort für einen Konvertiten: Stehenbleiben. So heißt auch Ihre Internetseite, auf der Sie Ihre Wallfahrt dokumentieren werden.

Im Juli 2015, als ich mein Scheitern eingestehen musste, geschah mir das: alles blieb stehen. Ich fiel sozusagen aus den Dingen heraus. Einerseits war das sozial absolut notwendig, ich hatte ja schuldhaft Leute geschädigt, das konnte und durfte so nicht weitergehen. Viele Freunde und Verwandte wendeten sich ab, ich war „draußen“: Ich war völlig ausgebrannt und in ernster Gefahr, klinisch depressiv zu werden. Somit blieb alles für mich stehen. In dieser Zeit trat aber noch etwas hinzu, eine Klarheit und der Mut, diese Klarheit auch zu nutzen. Martin Mosebach erwähnt einmal den Moment, an dem ein am Feldrand Sitzender merkt, dass Jesus an ihm vorübergeht. Dieses völlige Aufgewecktsein. Dieses Element stellte sich bei mir mit dem Januar 2016 ein. Das konnte ich dann auch recht schnell zuordnen, und so begann ich mein Katechumenat. Kurze Zeit später stieß ich auf den radikalen Individualismus von Pfarrer Hans Milch. Mir war schon vorher klar, dass das Zentrum des Glaubens dieses ist: das individuelle, ganz direkte Angesprochensein. Dich hat Gott gerufen, bei Deinem Namen. Wenn Du gefragt wirst, kannst Du eben nicht sagen, tja, mein Leben war sehr sündhaft, aber die Leute hier neben mir, die waren gut, und deswegen habe ich Anspruch, aufgenommen zu sein. Auf Dich kommt es an: „Wer ist denn die Hoffnung? Du. Wo ist denn die Großmacht? Du. Dein gegen alles Kalkül gerichtete, alles Kalkül übersteigende, absolut trotzige, wahnsinnige Vertrauen wird uns retten. Nur nicht aufgeben. Stehenbleiben.“ Plötzlich wurde mir klar, dass meine Lage kein Abschied vom Politischen war, sondern dass dieses Stehenbleiben eben genau die Lage des Christen ist. Von da war es für mich nur noch ein Schritt, das herrliche Paradoxon zu erkennen, eine Wallfahrt „Stehenbleiben“ zu nennen. Denn das ist dieser dreitausend Kilometer lange Marsch ja: ein aktiver Vorgang. Ein Wi(e)der-Stehen.