„Gott eine Chance geben“

Die Diözese Graz-Seckau begab sich am Sonntag auf einen sechsjährigen „Diözesanen Weg“. Von Stephan Baier

Weihbischof Lackner auf dem Hubstapler. Foto: Diözese Graz-Seckau
Weihbischof Lackner auf dem Hubstapler. Foto: Diözese Graz-Seckau

Graz (DT) Vielfalt, Offenheit und Veränderung waren die teils ausgesprochenen, teils unausgesprochenen Leitworte bei der Startveranstaltung des „Diözesanen Wegs 2012 – 2018“ der Diözese Graz-Seckau am Sonntagnachmittag in der Grazer Stadthalle. In einer „Geistlitanei“ der Segensfeier unter dem Vorsitz von Bischof Kapellari hieß es etwa: „Wir ersehnen neuen Mut und neue Zuversicht für unsere Kirche und für uns. Wir ersehnen für unsere Kirche einen neuen Geist der Geschwisterlichkeit, eine neue Offenheit, eine lebensnahe und Gott zugewandte Liturgie, eine Sprache des Gebetes, die in unseren Herzen ankommt, mutige und vorurteilsfreie Begegnungen mit Menschen anderer Religionen und Kulturen, eine neue ökumenische Bewegung“.

Solche Sehnsüchte – und wohl auch das bei vielen mitschwingende Gefühl, dass der Kirche heute vieles davon mangle – spiegeln sich auch in den Statements, die die neuen Ansprechpartner der acht steirischen „Regioteams“ in einer Broschüre mit dem Titel „Die Zeichen der Zeit“ veröffentlichten: Man wolle „die Zeichen der Zeit ernst nehmen“, hoffe auf „ein Herantasten an den Puls der Zeit“ und auf „Offenheit für neue Ideen“, auf „innovative Vorschläge“. Der Präsident der „Katholischen Aktion Steiermark“, Bernhard Rebernik, erhielt in der Grazer Stadthalle Applaus für den tautologischen Satz: „Stillstand ist kein mutiger Wandel.“

Bei der – fast pünktlich mit dem Start des „Jahrs des Glaubens“ zusammenfallenden – Auftaktveranstaltung für den sechsjährigen „Weg“ bekam auch die Wiener Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel lebhaften Applaus, nämlich als sie sagte: „Ich wünsche mir viel mehr Bereitschaft in unserer Kirche, Neues auszuprobieren.“ Dann folgte allerdings kein Plädoyer für die Weihe von Frauen oder für die Abschaffung des Zölibats, sondern eher biedere Vorschläge: vom neuen Lied am Mittagstisch über das Pfarrcafé als Kaffeehaus im öffentlichen Raum bis zur Lernstube für Migrantenkinder. „Experimentieren wir mehr mit dem, was sein könnte. Egal ob das noch nie funktioniert hat oder sonstwie ganz verrückt klingt“, so Prüller-Jagenteufel.

Die Wiener Pastoralamtsleiterin plädierte für „eine missionarische Kirche, die sich verändern lässt von jedem und jeder, die ihr Gott hinzufügt“, für eine „freudige Kirche“, in der auch dann gelacht wird, „wenn ein Experiment scheitert“, für „eine stille Kirche, in der Gebet und stilles Ausharren in der Gegenwart Gottes wesentliche Kraftquellen sind“. Vor gut 3 000 ehren- und hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern aus der ganzen Steiermark skizzierte die Referentin auch kirchliches Wachstum: Die Kirche wachse an „Glaubenstiefe, an Dienstbereitschaft, in ihr wächst die Anzahl und Buntheit von Gruppen und Gemeinschaften“. Auch wachse die Fähigkeit, „mit dieser Buntheit und Vielfalt in gegenseitiger Achtung und Einheit zu leben“. Prüller-Jagenteufel beschrieb die unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Hoffnungen der heute kirchlich Engagierten, und meinte: „Es wird in Zukunft sicher noch größere Vielfalt in der Kirche geben, verschiedene Formen von Gemeinden und Spiritualitäten.“ Man komme da gemeinsam weiter, „wenn es uns gelingt, miteinander auf das zu schauen, was uns als Zuspruch Gottes allen gemeinsam ist: die Hoffnung auf Jesus Christus“. Diese Rückbesinnung könne „dem nötigen Streit um die Zukunft einen verbindenden Rahmen geben“. Die „Botschaft der Hoffnung, die zum Christsein gehört“, definierte die Pastoralamtsleiterin der Erzdiözese Wien so: „Christen und Christinnen hoffen: Das Beste kommt noch.“ Weil die christliche Hoffnung über diese Welt hinausreicht, ermögliche sie, „sich mit voller Leidenschaft und zugleich ganz gelassen für diese Welt und ihre Menschen einzusetzen“. Christen könnten sich nicht einfach mit den Verhältnissen arrangieren, sondern würden lieber scheitern „als sich dem Ruf der Zeit oder der Mitmenschen verschlossen zu haben“.

Bei der bunten Startveranstaltung, bei der auch regional Prominente über ihren Glauben im Alltag Zeugnis gaben, fuhr der Grazer Weihbischof Franz Lackner mit dem Gabelstapler ein vier Meter hohes, verhülltes Kreuz in den Saal, um eine Aktion für die kommende Fastenzeit zu präsentieren. Kreuze, Statuen und Marterln sollen dann symbolisch verhüllt und zu Ostern wieder enthüllt werden, um so größere öffentliche Aufmerksamkeit für den Glauben zu wecken. Gefragt, was er vom „Diözesanen Weg“ erwarte, verwies der Weihbischof zunächst – auf die Gründung der Diözese anspielend – darauf, dass dieser Weg schon 794 Jahre währt. Es gehe darum, „Gott und einander etwas zuzutrauen“, „Gott eine Chance zu geben“, denn dann werde man „einen Gott kennenlernen dürfen, der die Überraschung liebt“.

Symbolreich soll in der Steiermark zum Jubiläum des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils am 8. Dezember 2015 eine 800-tägige Pilgerschaft beginnen, die mit dem 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz-Seckau enden wird. So soll die Kirche als „pilgerndes Gottesvolk“ erlebbar werden, wobei Einzelne und Gruppen unterschiedlich lange mitmachen können. Jeder Teilnehmer der Auftaktveranstaltung in der Grazer Stadthalle bekam beim Ausgang schon einmal einen Rucksack mit einer Pilgerkarte und einem – bis zum Start von „Pilgern 800“ in drei Jahren vermutlich ungenießbaren – Keks überreicht.

In einer Segensfeier lud der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari „zu einer Umkehr des Blicks ein – weg von einer Fixierung auf das nicht oder noch nicht Gelingende und hin zu dem, was uns auch hier und heute an Heiligkeit in allen ihren Dimensionen, an Phantasie für das Gute und an Kraft, es auch zu tun, gegeben ist“. Die Kirche in Österreich sei „auch heute nicht gelähmt“, sondern „vergleichbar einem Leib mit Tausenden, ja Hunderttausenden von Frischzellen“. Bischof Kapellari appellierte an die Ehren- und Hauptamtlichen seiner Diözese: „Lassen wir uns nicht auseinanderdividieren!“ Man solle sich mehr an Christus halten, „der unsere Mitte ist“, eine Mitte, „wo weder eine allzu pragmatische und jedem Heroismus ausweichende Liberalität, noch ein engbrüstiger, ängstlicher Konservativismus ihren Platz haben“.

Der steirische Bischof erinnerte daran, dass Christus nicht nur die Mitte der Kirche, sondern „auch die Mitte der Welt und ihrer Geschichte ist“. Das bedeute, „dass die Kirche auch stellvertretend für die ganze Menschheit betet, Liturgie feiert und durch ihre meist eher verborgenen Heiligen stellvertretend auch Opfer bringt und sühnt“. Der Auftrag der Christen sei es, „ohne jede List oder Gewalt allen Menschen Christus zu zeigen“, so Kapellari, der auch zur Einheit mit dem Papst und der Weltkirche mahnte.

Wo der Grazer „Diözesane Weg“ in sechs Jahren hingeführt haben wird, ließ sich am Ende der vierstündigen Auftaktveranstaltung noch nicht ahnen. Die Buntheit der steirischen Kirche dagegen schon: Da waren in der Stadthalle mehr Trachtenjanker als Jeans zu sehen, viele Priester mit Kolar, und politische Prominenz zumindest von der bürgerlichen Seite. Da wurden die Teilnehmer aufgefordert, ihren Nachbarn Segenswünsche mit auf den Weg zu geben, dann betete der Gast von der evangelischen Kirche ein Segensgebet und schließlich erteilte auch der Diözesanbischof seinen Segen. „Wir sind gemeinsam auf dem Weg, mal geradeaus, mal schräg“, reimt das offizielle Lied zum „Diözesanen Weg“ etwas holprig.