Glücksfall für die junge Bundesrepublik

Ein christlicher Sozialwissenschaftler auf dem Weg ins Bischofsamt – Norbert Trippen über Joseph Kardinal Höffner

Das Erzbistum Köln hatte im 20. Jahrhundert mehrere bedeutende Oberhirten. Dem bekanntesten, Joseph Kardinal Frings, hat Norbert Trippen, Domkapitular in Köln und Professor der Kirchengeschichte, eine große Biographie gewidmet, die in zwei Bänden 2003 und 2005 erschienen ist. Im Anschluss daran legt er nun den ersten Band einer ebenfalls zweibändig konzipierten Biographie Joseph Kardinal Höffners vor, der Frings 1969 als Erzbischof von Köln folgte. Der erste Band umfasst das Leben Höffners bis zur Erhebung des damaligen Professors für Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster zum Bischof von Münster und damit jenes erste Jahrzehnt der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, in dem Höffner seit seiner Berufung auf den Lehrstuhl in Münster 1951, so Trippen, zu einer „zentralen Gestalt des Katholizismus und der Sozialgeschichte in Deutschland“ wurde.

Trippen verfolgt das Priester- und Professorenleben des späteren Bischofs seit seiner Kindheit in Horhausen im Westerwald, wo Höffner 1906 als Sohn eines Landwirts geboren wurde, skizziert die einfache, aber bei harter Arbeit keine Not leidende Familie – die Mutter starb, als der künftige Kardinal neun Jahre alt war – und die religiöse Atmosphäre des Elternhauses. An die Horhausener Volksschulzeit und an den Privatunterricht im Horhausener Pfarrhaus schloss sich während der Jahre 1919 bis 1922 das Gymnasium in Montabaur und danach bis zum Abitur 1926 das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium und das Bischöfliche Konvikt in Trier an. Nach einem Semester im Trierer Priesterseminar wechselte Höffner im Herbst 1926 zum weiteren Studium nach Rom an das Collegium Germanicum beziehungsweise an die Universität Gregoriana. Trippen zeigt, dass Höffners Interesse schon hier sozialwissenschaftlichen Fragen galt. Dem entsprach das Thema der Dissertation „Soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe. Versuch einer Bestimmung ihres Wesens“, mit der der 1932 in Rom zum Priester geweihte Höffner 1934 den Dr. theol. der Gregoriana erwarb – nach der 1929 erfolgten Promotion zum Dr. phil. mit der lateinischen Doktoratsthese „De problemate erroris“. Im Mittelpunkt der Dissertation stand die Sozialenzyklika „Quadragesimo anno“ Pius‘ XI. von 1931, doch arbeitete der Doktorand stark historisch mit dem Blick auf Albertus Magnus, Thomas von Aquin und vor allem auf die Spätscholastik.

Diese – in seinen späteren Arbeiten beibehaltene – historische Perspektive trug dem von 1934 bis 1937 als Kaplan in Saarbrücken tätigen Höffner kritische Stellungnahmen von der Seite Oswald von Nell-Breunings ein, die karrierehinderlich hätten sein können, hätte Höffner nicht, wie Trippen aus den Quellen nachzeichnet, die Förderung des Trierer Generalvikars Heinrich von Meurers genossen. So wurde 1937 das Doktoratsstudium der Theologie und das Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg im Breisgau möglich, an dessen Ende 1938 der Freiburger Dr. theol. mit der auch jetzt wieder sozialgeschichtlich ausgerichteten Dissertation „Bauer und Kirche im deutschen Mittelalter“, der Diplom-Volkswirt 1939 und der Dr. rer. pol. 1940 – mit der bei Walter Eucken verfassten, ebenfalls historischen Dissertation „Wirtschaftsethik und Monopole im 15. und 16. Jahrhundert“ – standen. Dem Wunsch des Generalvikars von Meurers entsprechend habilitierte sich Höffner, seit 1939 Kaplan in Kail-Brieden an der Mosel, wo er ein jüdisches Mädchen aus Berlin versteckte, und seit 1943 Pfarrer an Heiligkreuz in Trier, 1944 in Freiburg im Breisgau mit der 1947 gedruckten und später mehrfach neu aufgelegten und auch ins Spanische übersetzten Habilitationsschrift „Kolonialismus und Evangelium. Spanische Kolonialethik im 15. und 16. Jahrhundert“ für Moraltheologie.

Im Mittelpunkt des Buches steht aber nicht – so interessant geschrieben es ist – der akademische Bildungsgang Höffners, sondern sein Wirken als Hochschullehrer und, damit verbunden, als Gutachter bei Grundentscheidungen der Sozialpolitik des ersten Jahrzehnts der Bundesrepublik. Nach seiner Zeit als Professor am Trierer Priesterseminar seit 1945 folgte Höffner 1951 dem Ruf nach Münster. Trippen behandelt ausführlich den hinhaltenden Widerstand des Bischofs Franz Rudolf Bornewasser von Trier gegen diese Berufung, der den in Trier inkardinierten Priester und vor allem den Professor des 1950 als Theologische Fakultät anerkannten Trierer Priesterseminars lange nicht für Münster freigeben wollte. Er geht auch auf die Rolle ein, die der 1949 von dem Münsteraner Professor Prälat Georg Schreiber darauf angesprochene Pius XII. bei dieser Sache spielte.

In Münster, wo Höffner als Lehrstuhlinhaber der Katholisch-Theologischen Fakultät zugleich der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät assoziiert war, baute er das Institut für Christliche Sozialwissenschaften auf. Dieses Institut wurde zur Basis von Höffners Mitwirkung an der Formulierung sozialpolitischer Konzeption in Kirche und Staat – Trippen nennt Höffner in seiner Verbindung von Theologe und Volkswirt einen „singulären Glücksfall für die anstehende Neugestaltung von Staat und Gesellschaft“ –, die ihn in enge Berührung mit Institutionen wie dem Bund Katholischer Unternehmer (BKU), dem Sozialreferat des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, dem Franz-Hitze-Haus in Münster und der Kommende Brackel des Erzbistums Paderborn in Dortmund brachte, aber auch mit dem Beirat des Bundesministeriums für Arbeit, wo er als Denkschriftautor an der Vorbereitung der Rentenreform von 1957 beteiligt war, dem Beirat des Bundesministeriums für Familienfragen oder Beiräten des Bundeswohnungsbauministeriums.

Zu Höffners Mitarbeit in diesen Beiräten merkt Trippen an: „Er mischte sich nicht als abgehobener Theologe mit Ratschlägen in Bereiche ein, von denen er nichts verstand. Er war hochqualifizierter Sozialwissenschaftler, der als Theologe allerdings stets den Menschen in der Ordnung Gottes im Blick hatte.“

Auch das priesterliche Wirken des Professors Höffner kommt bei Trippen als „Konstitutivum seiner Persönlichkeit“ in den Blick, aber auch seine Mitwirkung im Gründungsausschuss der Ruhr-Universität Bochum seit 1961. Nicht nur, aber auch auf ihn geht es zurück, dass diese Universität eine Katholisch-Theologische und eine Evangelisch-Theologische Fakultät erhielt. Trippen unterstreicht die „Doppelqualifikation in Theologie und Nationalökonomie“, die Höffners Breitenwirkung vor seiner Wahl zum Bischof möglich gemacht habe. Er sagt es nicht, aber es ist trotzdem deutlich, dass eine solche Doppelqualifikation und ein solcher Werdegang mit vier Doktorgraden und einer Habilitation und auch die Förderung durch einen Generalvikar, wie der junge Höffner sie erfuhr, kaum noch denkbar sind in einer Zeit, in der viele Bischöfe der Freistellung von Priestern oder Priesteramtskandidaten auch nur für eine Promotion oft mit großen Reserven begegnen. Eine der Folgen ist, dass auch deshalb theologische Lehrstühle – in Deutschland, in der Schweiz, in Italien und in anderen Ländern – oft nicht mehr mit Priestern besetzt werden können.