Glücklich ohne G8

Im Collegium Augustinianum Gaesdonck in Goch paart sich katholischer Geist mit grundsolider Bildung. Von Heinrich Wullhorst

Können auf ein außergewöhnliches Bildungs- und Freizeitangebot zugreifen: Schüler im Collegium Augustinianum Gaesdonck. Foto: Wullhorst
Können auf ein außergewöhnliches Bildungs- und Freizeitangebot zugreifen: Schüler im Collegium Augustinianum Gaesdonck. Foto: Wullhorst

Ist das die richtige Schule für mein Kind?“ In Zeiten zunehmender Anfragen an die Qualität des Bildungssystems sind Eltern immer wieder mit dieser Frage konfrontiert. Noch schwieriger werden die Überlegungen, wenn es darum geht, ein geeignetes Internat zu finden, in dem nicht nur eine grundsolide Bildung vermittelt wird, sondern junge Menschen auch zu einer leistungsfähigen Persönlichkeit heranreifen können. Eine gute Adresse mit einem außergewöhnlichen Angebotsspektrum ist sicherlich das Collegium Augustinianum Gaesdonck im niederrheinischen Goch.

Macht man sich auf den Weg zur „Gaesdonck“, wie die Bildungseinrichtung kurz genannt wird, muss man aufpassen, dass man nicht plötzlich in den Niederlanden ist. Das Internat liegt unmittelbar an der Grenze. Übersehen kann man es aber eigentlich schon deshalb nicht, weil die Klosterkirche, die selbstverständlich zur Gaesdonck gehört, den Blick auf sich zieht. Das Collegium Augustinianum ist seit mehr als 150 Jahren eine Institution am Niederrhein und weit darüber hinaus. „Unsere Internatsschüler kommen zwar in der Regel aus der weiteren Region, zum Teil aber auch aus anderen Bundesländern“, berichtet Peter Broeders, der Direktor der Internatsschule für katholische Mädchen und Jungen. „Wir wollen unseren Schülern die Grundlagen der katholischen Glaubenspositionen als glaubwürdige Orientierung mit auf den Weg geben“, beschreibt er die enge Verbindung der Gaesdonck zur Kirche. Sie beschränkt sich nicht darauf, eine Schule in katholischer Trägerschaft zu sein. Es ist ein spezieller Geist, ein besonderes Leitbild, das den Charakter der Internatsschule beschreibt. „Es ist der Dreiklang aus christlich leben, sozial handeln und Begabungen entfalten“, so Broeders über den pädagogischen Ansatz. „Wir rücken in den Mittelpunkt, was im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen sollte: die Schüler.“

Der moderne pädagogische Anspruch der Schule bietet einen spannenden Kontrast zu den Ursprüngen einiger alter Gebäude, die noch zur Gaesdonck gehören. Sie gehören zur ehemaligen Canonia Beatae Mariae, einem Kloster der Regulierten Chorherren des heiligen Augustinus, das bereits 1406 eingeweiht wurde. Nach der Auflösung des Klosters im Zuge der Säkularisation im Jahre 1802 und einer Epoche als „Hülfspriesterseminar“ des Bistums Münster, gründete man 1849 das Collegium Augustinianum Gaesdonck. Zweimal musste es in der Folgezeit seine Pforten schließen: Während Bismarcks sogenanntem „Kulturkampf“ im Jahre 1873 und im Jahre 1942, durch die Nazi-Diktatur erzwungen. Trotz umfangreicher Zerstörungen nahm die Gaesdonck den Schulbetrieb bereits 1946 wieder auf. So gibt die moderne Internatsschule mit ihren zum größeren Teil wiederaufgebauten Gebäuden und der umfangreichen Klosterbibliothek „Bibliotheca domus presbyterorum Gaesdonck“ ein lebendiges Zeugnis der Zeit-, Kirchen- und Bildungsgeschichte der letzten 600 Jahre.

Seit 2014 ist Peter Broeders ein Teil dieser altehrwürdigen Institution. Er liebt seinen Job und ist schon nach dieser kurzen Zeit ein echter Gaesdoncker. Das merkt man an dem Stolz, der in seiner Stimme mitschwingt, wenn er seine Besucher über das vier Hektar große Gelände führt. Viele Einrichtungen für Unterricht und Freizeit prägen das Bild der Gaesdonck. Dazu gehören ein Fußballplatz, Tennisplätze, ein Hallenbad, Volleyballfelder, eine englische Bibliothek, ein Tonstudio und vieles mehr. „Wir wollen unsere Schüler mit ihren einzigartigen Fähigkeiten und Begabungen entdecken und sie in unserer täglichen Arbeit fördern.“ Eine Reithalle in unmittelbarer Nähe und ein Golfplatz wenige Kilometer entfernt in den Niederlanden runden das vielfältige Freizeitangebot ab.

„Auf der Gaesdonck soll den Schülern ein tragfähiges Fundament für ihre persönliche und berufliche Entwicklung mit auf den Weg gegeben werden“, erklärt Peter Broeders. Deshalb können die Schüler ihre Begabungen im musischen oder künstlerischen Bereich in der hauseigenen Musik- oder Kunstschule entfalten und vertiefen. Die große Aula der Schule mit einer Theaterbühne und einem eigenen Orchestergraben bietet die Möglichkeit, das Erlernte auch vor einem größeren Publikum zu präsentieren. Theateraufführungen oder die schuleigene Bigband runden die vielfältigen Angebote für junge, kreative Menschen ab. Wer eher den Weg in die Wirtschaftswissenschaften sucht, kann über die Junior Business School Gaesdonck bereits früh voruniversitäre Bildung erfahren und eine IHK zertifizierte Zusatzqualifikation erwerben. Am Collegium Augustinianum geht es aber immer auch um die Vermittlung von Verantwortung und die Freude am Miteinander. Neben zahlreichen Freizeitangeboten im „Carpe Diem“-Programm gibt es auch eine Berghütte in den Schweizer Hochalpen. Von der Augustinerhütte in Randa aus werden Bergwanderungen gestartet und das Leben abseits des gewohnten Komforts bietet wichtige persönliche Erfahrungen in der Gemeinschaft.

Ein eigenes Blockheizkraftwerk versorgt die Gaesdonck mit Wärme. Wärme sollen die Schülerinnen und Schüler auch im Umgang miteinander wahrnehmen. „Wir kümmern uns“, das ist die Leitlinie, die Peter Broeders gemeinsam mit seinen Kollegen aus der „Chefetage“, Schulleiterin Doris Mann und Internatsleiter Alois Kisters als Maßstab des Handelns nennt.

Der Betriebswirt Broeders begann seine Karriere im niederländischen Finanzministerium. Den trockenen Zahlen setzte er bereits früh die Begeisterung für die Theologie entgegen, die er sich in einem Studium neben seiner Berufsausübung erschloss. Seit 1997 ist der Niederländer ständiger Diakon der Diözese 's-Hertogenbosch, dessen Bischof ihn später zum Finanzdirektor und Direktor des bischöflichen Ordinariats machte. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung fand er die Gaesdonck. „Hier nahm ich gleich bei meinem ersten Besuch die besondere Atmosphäre wahr und die Art und Weise, wie die katholische Identität diesen Ort prägt.“

Doris Mann kennt die Gaesdonck aus zwei Perspektiven, als Lehrerin für die Fächer Mathematik und Chemie sowie als Schülermutter. So kann sie wertvolle Erkenntnisse aus beiden Seiten von Bildung und Erziehung in die Alltagsarbeit einbringen. „Wir haben einen Blick auf unsere Schüler. Wenn jemand mal auf dem Schulhof weint, wird sofort jemand da sein, der nach dem Warum fragt und Hilfe anbietet.“ Auch die Nähe zu den Erziehern im Internat bietet kurze Wege, „wenn es zum Beispiel mal bei den Hausaufgaben hakt“.

Gleich eine Vierfachsicht auf Internat und Schule hat Internatsleiter Alois Kisters. Er war hier bereits Schüler, weiß aber auch aus seinen Einblicken als Vater und Lehrer, was für die anvertrauten jungen Menschen wichtig ist. Das sind übrigens seit 2002 nicht länger allein nur Jungen, sondern auch Mädchen.

„Wichtig ist uns auch, dass sich die Schüler in Ruhe entwickeln können“, beschreibt Peter Broeders. Deshalb gibt es an der Gaesdonck auch nicht das an vielen nordrhein-westfälischen Schulen praktizierte G8-System. Hier gilt weiter die Regelzeit von neun Jahren für den Besuch der Schule bis zum Abitur.

Katholische Identität bedeutet auf der Gaesdonck mehr als das Angebot eines Leistungskurses „Katholische Religion“. Die 750 Schülerinnen und Schüler sind, bis auf drei Schüler eines Gastprojektes aus der Volksrepublik China, katholischer Konfession. Ein eigener geistlicher Begleiter, der Spiritual, sorgt dafür, dass die Schüler auch darin begleitet werden, ihren Glauben zu leben und zu entfalten. Zwei Ordensschwestern, die hier ihren Dienst versehen und, wie Peter Broeders es schildert, „wichtige Ansprechpartner außerhalb einer formalen Position sind“, gehören ebenso zu dieser Identität wie die Klosterkirche oder die Hauskapelle. Auch das kirchenmusikalische Talent der Schüler findet selbstverständlich ausreichende Unterstützung, und so hört man beim Gang über die Gaesdonck an unterschiedlichen Orten den erhabenen Klang von Kirchenorgeln.

Die Gaesdonck verbindet drei Besuchsformen unter einem Dach. Neben dem Internat gibt es das Tagesinternat und das Externat, das sind die Schüler, die lediglich die Schule besuchen. Im Internat sind die Gruppen geschlechts- und altersgruppenspezifisch untergebracht. Jede Altersgruppe ist in eigene Häuser oder Wohngruppen unterteilt. Eine Erzieherin oder ein Erzieher betreut die jeweiligen Gruppen, unterstützt von Schülertutoren. Die Zimmer und der gemeinsame Aufenthaltsraum können nach dem eigenen Geschmack gestaltet werden und werden so zu einem schönen Stück Zuhause.

Seit diesem Schuljahr ist Cornelius Happel Spiritual der Internatsschule. Er ist Mitglied der katholischen Gemeinschaft Emmanuel, die in vielen deutschen Städten Gebetsabende und Jugendwochenenden organisiert und sich in der Mission engagiert. Aus der Gemeindepastoral kommend, ist er nun ein wichtiger Ansprechpartner für die 750 Schülerinnen und Schüler und die vielen Mitarbeiter auf der Gaesdonck. Nach einem Jahr der Vakanz ist Peter Broeders froh, wieder einen Spiritual zu haben. „Wir sind dem Bischof von Münster sehr dankbar für die Besetzung dieser Position. Ein fester Ansprechpartner in dieser Rolle ist wichtig, damit die Gaesdonck ihren gesellschaftlichen und kirchlichen Auftrag erfüllen kann.“

Die Gaesdonck ist heute sicher nicht mehr die „Priester-Schmiede“, die sie in ihren Anfangsjahren war. Aus der damaligen Zeit gibt es eine Menge Kleriker, darunter einige Bischöfe, wie der emeritierte Hamburger Bischof Werner Thissen und der frühere Limburger Bischof Franz Kamphaus. Mit Arnold Janssen, dem Begründer der Steyler Ordensfamilie, findet sich unter den Absolventen der Gaesdonck sogar ein Heiliger.

Ein solch umfangreiches Angebot mit einer den Schülerinnen und Schülern zugewandten Begleitung kostet natürlich Geld. Die Pensionskosten für den Internatsbesuch belaufen sich aktuell auf etwa 1 600 Euro im Monat. Im Tagesinternat, in dem Schüler aus der Umgebung von morgens bis abends an der Schule sind, zahlt man monatlich etwa 500 Euro. Peter Broeders weiß natürlich, dass es viele Kinder gibt, denen der Aufenthalt auf der Gaesdonck gut tun würde, die Eltern ihn aber nicht finanzieren können. In diesem Fall hilft die Stipendienstiftung. Sie sammelt Spenden, Zustiftungen und Patenschaften. So kann das Internat als die Seele der Gaesdonck auch künftig gewährleisten, junge Menschen mit all ihren Fähigkeiten und Begabungen zu unterstützen, deren Eltern sich das Internat nicht oder nicht voll leisten können.

Broeders hofft, dass sich weitere Unterstützer für die Gaesdonck finden, damit auch noch in 150 Jahren Schüler die Kacheln im Kreuzgang des alten Klosters aufsuchen können, auf denen die Namen der Abiturienten seit der Gründung der Schule veröffentlicht sind. „Das ist der Ort, den die meisten Schüler als ersten aufsuchen, wenn sie an die Gaesdonck zurückkehren.“ Wer die Gaesdonck kennenlernen will, nutzt am Besten einmal einen Tag der öffentlichen Tür. Aber auch ein Probewohnen ist im Collegium Augustinianum möglich.