„Glaubensschwund bereitet größte Sorge“

Zehn Jahre Erfahrungen mit „Summorum pontificum“: Der emeritierte Kölner Weihbischof Klaus Dick plädiert dafür, in liturgischen Fragen nicht die Kirche, sondern Christus als Bezugspunkt zu nehmen. Von Regina Einig

Der emeritierte Kölner Weihbischof Klaus Dick
Feiert beide Formen des römischen Ritus: Der emeritierte Kölner Weihbischof Klaus Dick. Foto: Boecker
Der emeritierte Kölner Weihbischof Klaus Dick
Feiert beide Formen des römischen Ritus: Der emeritierte Kölner Weihbischof Klaus Dick. Foto: Boecker

Herr Weihbischof, kann Summorum pontificum seine Wirkung nur an einem Ort, an dem beide Formen des Ritus gefeiert werden, entfalten?

Die Absicht von Papst Benedikt war es, die Erfahrung beider Formen möglich zu machen – selbstverständlich auch seitens der Gläubigen. Das unterstreicht die vom Papst gewählte Wortwahl, die beiden liturgischen Prägungen zwei Formen eines Ritus zu nennen. Dabei sind die Unterschiede größer als etwa zwischen dem herkömmlichen römischen Ritus und dem Ritus der Dominikaner. Beide werden jedoch Ritus genannt. In der Praxis ist es allerdings so, dass die Abneigung gegenüber der Form des alten Ritus so stark ist, dass man ihn gar nicht zelebrieren lässt. Da ist die Absicht des Papstes nicht aufgegriffen worden.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Form des Ritus und dem persönlichen Frömmigkeitsstil?

Dies ist ein Gesichtspunkt, der selten bedacht wird. Vor allem der Geistliche, für den die Feier der Liturgie der Höhepunkt jedes Tages ist, soll und muss die Struktur und den Inhalt seines persönlichen Gebetes von daher prägen lassen, zumal ihn das Stundengebet immer wieder auf den Inhalt der Tagesfeier zurückverweist. Da kann eine Liturgieänderung negative Folgen haben. Ein Beispiel: Ich habe vor 80 Jahren eine ausgezeichnete Messdienerschulung genossen. Der Kaplan baute für die geistliche Formung der Ministranten alles auf dem ersten Wort des Staffelgebetes auf „Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der mich erfreut von Jugend auf“. In der neuen Form der Liturgie gibt es kein Staffelgebet mehr, und deshalb können alle die, die von daher vielleicht noch Anregungen in sich tragen, nicht mehr daran anknüpfen.

Wollte Benedikt XVI. mit dem Motu proprio auch den Sinn für die Kernanliegen der Liturgiereform schärfen?

Der Papst wollte eine Entwicklung unterstützen, die wieder zu einer tieferen Sicht der Liturgiereform führt. Dies wäre gelungen, wenn die Teilnahme an der Eucharistie als der stärkste Ausdruck des Kircheseins, auch als Kirche vor Ort, verstanden wird. So verstanden, könnte ein Gemeindemitglied nicht in den Pfarrgemeinderat gewählt werden, wenn es nicht zur Sonntagsmesse geht, wohl aber mitbestimmen soll, wann die Messen gefeiert werden sollen.

Auch die Wirkungsgeschichte des Motu proprio ist ein Beweis für die nachkonziliare Entwicklung des Lebens in der Kirche, wie sie von dem bestkundigen Kirchengeschichtler Hubert Jedin (+1980) gekennzeichnet wurde. Man hat sich nicht entschieden genug an das gehalten, was das Konzil beschlossen hatte. Papst Benedikt hat bekanntlich darauf hingewiesen, dass zwei Interpretationen aufgetreten sind, die man dann einander entgegenstellte: eine traditionelle Einfügung in die Glaubensgeschichte und eine moderne, den entscheidenden Neubeginn verheißende Aufbruchverheißung. Mit dem Motu proprio hat der inzwischen emeritierte Papst versucht, im Bereich des liturgischen Ritus ein Aufeinander-zugehen anzuregen. Es gab und gibt genug Meinungsmacher in der Kirche, die an einer solchen Versöhnung nicht interessiert sind – auf beiden Seiten.

Inwiefern ist die bestmögliche Integration des alten Ritus in die ordentliche Seelsorge zehn Jahre nach Inkrafttreten von Summorum pontificum eigentlich ein Thema?

Wie froh könnte man sein, wenn die gestellte Frage ein vordringliches Problem wäre. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat aber leider noch viel grundsätzlichere Probleme auftauchen und dringlichere Aufgaben erwachsen lassen. Nicht einmal der stete Rückgang des Messbesuches bereitet die größte Sorge, sondern der immer massivere Glaubensschwund, und das auch bei solchen, die bewusst als Katholiken angesehen werden wollen. Früher war die Liturgie neben Elternhaus, Tradition und Schulunterricht eine wichtige Quelle der eigenen Gläubigkeit. In dem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die frühere oder die nachkonziliare Form der Liturgie besser der Maxime gerecht wird „lex orandi, lex credendi“: die Vorgabe des Betens ist die Vorgabe des Glaubens. Um zu vergleichen müssten beide Prägungen der Liturgie nach Vorschrift gefeiert werden. Eine Erfahrung der liturgischen Vorgaben in der neuen Form spielt bei der Bewertung eine nicht unwichtige Rolle. Auf sie hat der Papst im Motu proprio hingewiesen. Die Änderungen wirken nicht selten als weniger sakral.

Welche Erfahrungen machen Sie mit dem Gregorianischen Choral?

Dazu fehlt mir die praktische Erfahrung. Ich nehme nur wahr, dass sich auf dem Gebiet der Kirchenmusik die Probleme der liturgischen Erneuerung besonders deutlich bemerkbar machen. Was ist religiöse Musik, was ist – präziser gesagt – sakral-liturgische Musik? Dass interessanterweise gerade auch die jungen Menschen Anfangsversuche verschiedener Art wertschätzen, ist verständlich.

Wie wird es in Zukunft weitergehen?

Das ist allein deshalb schwer zu sagen, weil es von ganz anderen Entwicklungen abhängig ist. Die Entwicklung auf dem Gebiet der Liturgie im 20. Jahrhundert war auch nicht vorauszusehen – nicht nur wegen des Konzils, das zum ersten Mal in der Kirchengeschichte die Liturgie als besonderes Thema behandelte. Was sehr wichtig wäre, dass wir auch in Fragen der Liturgie nicht die Kirche als Bezugspunkt nehmen, sondern den menschgewordenen Gottessohn. So darf die Liturgie nie eine noch so gelungene Selbstdarstellung von Kirche sein, sondern muss als Gottesgeschenk die intensive Beziehung des je Einzelnen und der alle umfassenden Gemeinschaft der Gläubigen durch Christus und mit ihm und in ihm darstellen und darbieten.