BISCHOF FRANZ-JOSEF BODE.

„Glaube – eine echte Lebenshilfe“

Jahresbilanz 2011: Ein Gespräch mit dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Von Gottfried Bohl

„Glaube – eine echte Lebenshilfe“
Foto: KNA Foto: KNA
„Glaube – eine echte Lebenshilfe“
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Herr Bischof Bode, war 2011 ein gutes Jahr für die katholische Kirche in Deutschland?

Es war ein sehr spannendes Jahr und damit auch ein gutes Jahr. Es stand stark im Zeichen der Aufarbeitung der Erschütterungen aus dem Vorjahr, der Missbrauchs- und Vertrauenskrise. Wir haben den Dialogprozess begonnen mit einem positiven Auftakt in Mannheim. Wir haben den Papstbesuch erlebt, der sicher viele Menschen ermutigt hat zum Glauben, aber auch zum Nachdenken. Und in den Gemeinden erlebe ich viele Aufbrüche, mit denen wir die großen pastoralen Herausforderungen angehen. Insofern haben wir 2011 mit zumindest kleinen Schritten aus dieser großen Vertrauenskrise herausgefunden. Und wir haben auch Kräfte gesammelt, um weiter nach vorne zu gehen.

Was bereitet Ihnen derzeit am meisten Sorgen?

Dass wir mit dem Dialog und der Aufarbeitung der Krise noch längst nicht zu Ende sind. Dass die Glaubenskommunikation sehr schwierig ist, gerade unter diesen Bedingungen. Und dass scheinbar viele Menschen immer weniger davon spüren, wie ihnen der Glaube im Leben helfen kann. Auf der einen Seite gibt es eine große Sehnsucht nach Orientierung, nach Hilfe, auf der anderen Seite suchen oder finden viele diese nicht genügend bei der Kirche. Hier müssen wir ansetzen, das ist ganz entscheidend!

Wie kommt die Kirche raus aus diesem Dilemma?

Vertrauen kann man nur gewinnen, indem man Vertrauen schenkt. Wir müssen den Menschen mehr zutrauen und ihnen Verantwortung geben. Dazu müssen wir aber auch noch sensibler sein für ihre Lebenssituation, für ihr Denken und Fühlen, auch für die Zwänge, in denen Menschen heute stecken. Kurz: Wir dürfen die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen.

Wie muss es beim Dialogprozess weitergehen, damit es keine Enttäuschungen gibt bei den Menschen, die hohe Erwartungen damit verknüpfen?

Im Dialogprozess haben sich drei Grunddimensionen herauskristallisiert mit den Stichworten: Glauben weitergeben, sensibel auf Lebenssituationen der Menschen reagieren, Verantwortung teilen und dadurch mehr miteinander Kirche sein. Dabei müssen wir neben den Grundfragen des Glaubens und der Situation der Kirche auch ganz konkret schauen, wo den Menschen der Schuh drückt.

Wo zum Beispiel?

Etwa bei den schwierigen Fragen um die wiederverheirateten Geschiedenen. Aber auch in anderen Lebenssituationen müssen wir als Kirche die Menschen noch mehr spüren lassen, dass der Glaube eine echte Lebenshilfe ist. Hier sollten wir ansetzen.

Nach den größten Sorgen die Frage, was Sie besonders optimistisch macht im Blick auf 2012?

Ich bin zuversichtlich, dass wir im Dialogprozess wirklich vorankommen. Ich freue mich auf den Katholikentag in Mannheim mit dem spannenden Thema „Einen neuen Aufbruch wagen“. Persönlich habe ich noch die Chance, das Heilige Land zu besuchen und an der Bischofssynode in Rom zum Thema Evangelisierung teilzunehmen. Bei allen Rückschlägen, die es schon geben wird, freue ich mich auf Begegnungen mit Menschen, die nach vorn schauen und bereit sind, mit anzupacken trotz aller Schwierigkeiten.

Sie haben den Papstbesuch angesprochen. Manche Beobachter diskutieren ja – Stichwort Entweltlichung – über eine Art Konzentration auf den frommen Kern, auf die überzeugten Christen, die jeden Sonntag zur Messe kommen. Die Bemühungen um die „lauen“ Christen am Rand seien ja ohnehin vergebene Liebesmüh.

So habe ich den Papst nicht verstanden. Das widerspräche auch völlig einer missionarischen Kirche, von der wir seit Jahren reden. Wir wollen doch gerade nicht eine Kirche sein, die sich vor allem um sich selbst dreht und über Innerkirchliches debattiert. Wir müssen mehr nach draußen gehen und den Menschen gerecht werden, die nach Gott suchen, nach Halt und Orientierung. Darum sind uns gerade auch diese 80 oder 85 Prozent wichtig, die eben nicht jeden Sonntag in der Kirche sind. Und wir dürfen auch die nicht aus den Augen verlieren, die unsere Kirche noch gar nicht kennen. Das halte ich für absolut notwendig, auch im Dialogprozess. Also kein Rückzug aus der Welt, sondern genau das Gegenteil.

Wo müsste die Kirche denn noch mehr in die Gesellschaft hineinwirken?

Große Herausforderungen sehe ich in den Krisen, die wir zurzeit erleben. Wie geht der Mensch mit der Schöpfung um, mit dem Leben? Dahinter steckt auch die Frage, ob wir unseren jetzigen Lebensstil beibehalten können, ob wir weiter so konsumieren, koste es, was es wolle. Die Kirche muss hier nicht unbedingt jede einzelne politische Entscheidung kommentieren, aber sie muss die grundsätzlichen Herausforderungen deutlich machen: Wo müssen wir umkehren, damit unsere Welt eine gute Zukunft hat? Und da kann der Glaube nicht ganz unpolitisch bleiben.

Und welche Schlagzeile würden Sie gerne Ende 2012 über die Kirche in Deutschland lesen?

Ich würde mich freuen, wenn es hieße: Die Kirche ist einladender geworden. DT/KNA