Gewissenserforschung statt Wirtschaftskritik

Eine Debatte über das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium in Münster. Von Claudia Kock

Den Blick für das Schicksal des Einzelnen schärfen wollten die Bischöfe Lateinamerikas mit dem Dokument von Aparecida, dessen Stoßrichtung auch im ersten Apostolische Schreiben von Papst Franziskus aufscheint. Im Bild Votivgaben in der Kathedrale Basílica de Nossa Senhora Apareci... Foto: KNA
Den Blick für das Schicksal des Einzelnen schärfen wollten die Bischöfe Lateinamerikas mit dem Dokument von Aparecida, d... Foto: KNA

Münster (DT) Als Evangelii gaudium, das erste Apostolische Schreiben von Papst Franziskus, am 24. November erschien, wurde es – so der Direktor der Katholischen Akademie in Münster, Thomas Sternberg – von der Presse sofort aufgegriffen und als „extrem wirtschaftskritisch“ interpretiert, vor allem aufgrund des darin enthaltenen Satzes: „Diese Wirtschaft tötet“. Dabei gehe es Papst Franziskus gar nicht um Wirtschaftskritik, sondern um etwas Wesentlicheres und Grundsätzlicheres.

Zunächst, so Sternberg, müsse man unterscheiden zwischen diesem Dokument und einer „Sozialenzyklika“. Letztere sei immer „an alle Menschen guten Willens“ gerichtet, während das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium ein innerkirchlicher, an die Katholiken gerichteter Text sei: Es ist das abschließende päpstliche Schreiben zur Weltbischofssynode über die neue Evangelisierung, die – noch unter dem Vorsitz von Papst Benedikt XVI. – im Oktober 2012 stattfand.

Ein Leitmotiv: der Weg der Armut

In der Schlussbotschaft unterstrichen die Synodenväter damals mit Nachdruck, so Norbert Hintersteiner vom missionswissenschaftlichen Institut der Universität Münster, dass „das erste Wort, die wahre Initiative, das wahre Tun von Gott kommt, und nur indem wir uns in diese göttliche Initiative einfügen, nur indem wir diese göttliche Initiative erbitten, können auch wir – mit ihm und in ihm – zu Evangelisierern werden“. Hier knüpfe das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus an, wobei dem „Weg der Armut“ eine zentrale Bedeutung für den missionarischen Weg der Kirche zukäme. „Die Armutslehre von Papst Franziskus steht in Kontinuität mit dem Denken Johannes XXIII., Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. Deutliche Bezüge finden sich in der Enzyklika Sollicitudo rei socialis und in der Ansprache von Benedikt XVI. zur Eröffnung der 5. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik“, so Hintersteiner weiter. „Der Vorgänger von Papst Franziskus unterstrich in seiner Eröffnungsrede in Aparecida diese Option: Sie ist ,im christologischen Glauben an jenen Gott implizit enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen‘.“ Bereits 1984, als Präfekt der Glaubenskongregation, schrieb er in der Instruktion Libertatis nuntius: „Von allen […] ist die geistliche Bekehrung, die intensive Gottes- und Nächstenliebe, der Eifer für Gerechtigkeit und Frieden, der evangeliumsgemäße Sinn für die Armen und die Armut gefordert.“ Franziskus griff diesen Satz in Evangelii gaudium (Nr. 201) wieder auf – als Grundlage seiner besonderen Akzentuierung des „armen Christus“ für die Mission der Kirche.

Dass die in Evangelii gaudium zum Ausdruck gebrachte Lehre des jetzigen Papstes an die seiner Vorgänger anknüpft, hob auch der Bischof von Münster, Felix Genn, hervor: „Es ist ja nicht in ein Text, der nicht in Kontinuität stehen würde zu bisherigen Dokumenten.“ Der Ton sei jedoch anders: „Hier spricht jemand anders als es bisher in päpstlichen Lehrschreiben der Fall gewesen ist. Hier spricht ein Pastor der Weltkirche. Aber hier spricht auch ein Jesuit, der unendlich viele Exerzitien gegeben hat.“ Er habe sich, so der Bischof, bei der Lektüre des Dokuments „bisweilen sogar die Nummern aus dem Exerzitienbuch an den Rand geschrieben“. Papst Franziskus spräche zum Beispiel von der „Unterscheidung des bösen und des guten Geistes“, von dem „Bemühen, Jesus immer mehr kennenzulernen“, von der Verkündigung als „Kommunikation der Herzen“ oder von der „Kirche als Mutter“. All dies finde sich im Exerzitienbuch des heiligen Ignatius von Loyola wieder. „Hier spricht jemand deshalb auch in einem anderen Ton, weil er sich von dem leiten lässt, was er wahrscheinlich auch sein Leben lang als Priester, Jesuit, Bischof in Lateinamerika bedacht hat“ – so Bischof Genn – „und was er nicht zuletzt auch zusammenfassen konnte, bevor er Papst wurde, in der Redaktion, die ihm aufgetragen war, des Schlussdokuments der großen lateinamerikanischen Versammlung in Aparecida. Die trägt ja seine Handschrift, und deswegen wird dieses Dokument, einschließlich der vorausgehenden Ansprache von Papst Benedikt, sehr oft zitiert.“ Das Dokument von Aparecida ist neben dem Apostolischen Schreiben von Paul VI. Evangelii nuntiandi das meistzitierte Dokument in Evangelii gaudium.

Auch Texte von anderen Bischofssynoden der verschiedenen Kontinente haben in Evangelii gaudium Eingang gefunden, was, wie Sternberg hervorhob, für ein päpstliches Dokument ungewöhnlich sei, ebenso wie die Bezugnahme auf moderne katholische Denker wie Guardini, De Lubac oder Newman neben Klassikern wie Augustinus oder Thomas von Aquin.

Der Bischof von Münster ging außerdem auf die zentrale Rolle ein, die die Volksfrömmigkeit und Mission in Evangelii gaudium spielten. Beide Begriffe, die in Deutschland eher als problematisch betrachtet würden, benutze der lateinamerikanische Papst ganz selbstverständlich. Franziskus habe ein Gespür dafür, wie in der Volksfrömmigkeit „der ,sensus fidei‘ des einfachen, armen Volkes Gestalt gewonnen hat“ und rufe dazu auf, die Volksfrömmigkeit zu fördern und zu verstärken, als „eine aktiv evangelisierende Kraft …, die wir nicht unterschätzen dürfen“ (Evangelii gaudium, 126). In Deutschland hätten wir, so der Bischof, „eine ganz bestimmte Vorstellung von Volksfrömmigkeit, die uns bisweilen auch nicht nur abhandengekommen ist, sondern mit der wir bisweilen auch nichts mehr zu tun haben wollen“. Ebenso verhalte es sich mit der Mission. Jeder Christ sei kraft seiner Taufe „eine Mission auf dieser Erde“: diese Aussage sei der Höhepunkt des Dokuments. Aber „ist uns eigentlich das Wort ,Mission‘ so recht?“, fragte Bischof Genn. „Wir sprechen gerne von ,Evangelisierung‘, aber es wird nicht mit ,Mission‘ verbunden, weil wir mit dem Wort ,Mission‘ eine ganze Reihe nicht zuletzt auch von Ängsten verbinden.“ Evangelii gaudium enthalte viele Punkte zur Selbstreflexion, gerade durch seinen Exerzitiencharakter.

In der abschließenden Diskussion wurde ein großes Spektrum von Fragen aufgeworfen, für die man sich auf der Grundlage von Evangelii gaudium neue Impulse erhoffte: Fusion von Pfarrgemeinden, eine mögliche Wiederaufnahme der Donum-Vitae-Diskussion, Einkommensgerechtigkeit für kirchliche Mitarbeiter, Flüchtlingshilfe der Deutschen Bischofskonferenz, Befreiungstheologie. Bischof Genn warnte vor dem Missverständnis, dass die Kirche sich bisher nicht für Arme, Flüchtlinge und sozial Benachteiligte eingesetzt habe. Es gebe dieses Engagement, auch wenn es oft nicht gesehen werde. Dualistisches Denken im Hinblick auf eine „Kirche der Armen“ berge auch die Gefahr der Romantisierung in sich. Man dürfe das Dokument im Hinblick auf kirchenpolitische Fragen auch nicht überfordern. Es biete keine Lösung für einzelne Fragen, sondern könne nur jedem einzelnen Christen helfen, „die Brille zu wechseln“. Evangelii gaudium, so der Bischof, ist „eine klare Herausforderung zur Gewissenserforschung für Priester, für Bischöfe und für jeden Einzelnen“.