Gewandelt im Umwandelbaren?

Über Dogma und Fortschritt in der Theologie bei Joseph Ratzinger Von Urs Buhlmann

Vorbild und geistiger Verwandter Joseph Ratzingers: der heilige Augustinus. Foto: KNA
Vorbild und geistiger Verwandter Joseph Ratzingers: der heilige Augustinus. Foto: KNA

Zur Theologie Joseph Ratzingers, deren Schwerpunkte und Stil, sind mittlerweile zahlreiche Werke entstanden – beileibe nicht immer von Wohlwollen getragen. Zu den Vorwürfen, die manche dem Theologenpapst machen zu müssen glauben, gehört die Beobachtung, der jetzige Papst habe als Oberster Hirte und schon davor als Präfekt der Glaubenskongregation im Vergleich zu den Jahren als Hochschullehrer andere, weitaus konservativere Akzente gesetzt. Mit anderen Worten: Ratzingers theologisches Profil sei nicht konsistent, er habe offenbar eine Entwicklung durchgemacht. Gerne unterlegt man diese bahnbrechende Entdeckung mit Zitaten des frühen und späten Joseph Ratzinger, oft willkürlich gegeneinander gesetzt. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: Über die Schlichtheit der Annahme, dass ein nun im achten Lebensjahrzehnt Stehender schon als wissenschaftlicher Teenager das Gleiche gedacht und gesagt haben soll wie heute oder über die Unbarmherzigkeit der Inquisitoren, die vielleicht sich selber, aber niemandem sonst gestatten, sich in der denkerischen Rezeption und Entwicklung zu wandeln.

Aber stimmt denn diese Grundannahme von den wissenschaftlichen Häutungen und Wendungen des jetzigen Papstes überhaupt? Oder, was wohl die realistischere Frage wäre, hat Ratzinger tatsächlich in den bedeutsamen Grundfragen der Theologie jemals signifikant voneinander abweichende Positionen vertreten?

In seiner in Rom entstandenen Dissertation ist der deutsche Theologe Ralph Weimann dem Verhältnis von Dogma und Fortschritt im Gesamtwerk Benedikts XVI. nachgegangen und fragt, ob sich daraus Prinzipien der Kontinuität für die theologische Wissenschaft ableiten lassen, die er als unerlässlich für eine Erneuerung der Disziplin ansieht.

„Ohne Wahrheit gibt es keinen Fortschritt“

Ob der Zeitgenosse überhaupt bereit ist, das „und“ zwischen Dogma und Fortschritt mitzudenken und nicht vielmehr die beiden Begriffe als sich wechselseitig ausschließend ansieht, fragt Kardinal Kurt Koch in seinem Vorwort, und gibt eine Antwort, die Weimanns Buch am Ende bestätigt: Wer sich dem Relativismus, der denkerischen Grundstimmung der Zeit, versagt und die Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit annimmt, ja sie voraussetzt, hat Gewissheit darüber, dass „er ohne Wahrheit auch seine Freiheit nicht findet und es ohne Wahrheit auch keinen wahren Fortschritt gibt“. Denn nun und nur so kann bestimmt werden, in welche Richtung die Reise gehen soll, das „fort“ in Fortschritt sozusagen. Und auch, kann man hinzufügen, wie das Reden vom „liberalen jungen“ und „konservativen alten“ Ratzinger zu beurteilen ist. Weimann geht seine Aufgabe gründlich an: Er fragt nach dem neuzeitlichen Wissenschaftsverständnis, stellt Überlegungen zur Vernünftigkeit des Dogmas an, pocht auf Theologie als reflektierter Glaubenswahrheit. Dabei würdigt er kritisch den heute verbreiteten Ansatz der „relativierenden Weite“ der Geschichte und dringt schließlich zu zentralen Themen Ratzingerischen Denkens vor, nämlich dem Verständnis von Kirche als Weggemeinschaft des Glaubens, die sich von Christus her konstituiert und ihre Vollform in der Eucharistie findet und zugleich Garant für die Kontinuität in der Wahrheit ist. Ein sehr gründliches Literaturverzeichnis, hilfreich für die immer mehr ausufernde Sekundärliteratur zum Werk des deutschen Papstes, schließt den beeindruckenden Band ab. Deutlich herausgearbeitet wird der zugrunde liegende Hauptirrtum des modernen Denkens, den Joseph Ratzinger früh erkannt und seitdem immer wieder aufs Korn genommen hat: Die als Diktatur des Relativismus bezeichnete Bestreitung nicht nur des christlichen Wahrheitsanspruchs, sondern schlechthin der Behauptung, dass es nicht nur Wahrheit gibt, sondern dass sie dem Menschen auch zugänglich ist. Erschreckend ist, dass diese Haltung der Feigheit, die vor einer konsequenten Auseinandersetzung und einer daraus erwachsenden konsistenten Haltung die Flucht ergreift, in der Mitte von Gesellschaft und Kirche angekommen ist und dort ihr zerstörerisches Wirken fortsetzen kann. Man darf, so Ralph Weimann, das gesamte Oeuvre des bayerischen Papstes als Versuch begreifen, die unabdingbare Notwendigkeit der Wahrheitsfrage zu begründen und den Menschen immer wieder aufs Neue damit zu konfrontieren. Dabei hat Ratzinger, den eine unter Theologen seltene geistige Weite auszeichnet, die ihn zum gesuchten Gesprächspartner vieler Denker hat werden lassen, nach Weimann nie versucht, ein „System“, eine Sondertheologie zu schaffen, sondern er fühlt sich schlicht dem Glauben der Kirche und dem „Mitdenken“ mit den großen Lehrern des Glaubens verpflichtet. Dem Autor ist zuzustimmen, dass hierin eine innere Verwandtschaft zu dem vom Papst besonders geschätzten Augustinus zu erkennen ist, der sich auf dem Bischofsstuhl von Hippo mit den aktuellen geistigen Strömungen der Zeit auseinandersetzen musste und darin und daran seine Theologie fand und entwickelte.

Der eigentliche Bezugspunkt der Theologie Ratzingers, aber auch deren philosophische Grundierung sei der Logos, stellt Ralph Weimann fest. Christliche Religion ist schlechthin „Logos-Religion, denn im Logos wird die Wahrheit zugänglich, die sich im logos incarnatus offenbart hat“. Die aktuelle Kirchenkrise sei daher im Kern eine Glaubenskrise, die auf der Infragestellung der Gottheit Jesu Christi beruhe und von daher ihre Folgen zeitige. Für Papst Benedikt XVI. ist klar, dass „jede Art von Diskontinuität zwischen der Botschaft eines vor- und nachösterlichen Jesus“ abzulehnen sei, denn, so zitiert Weimann das Buch „Jesus von Nazareth“, wo „sollte eigentlich der nachösterliche Glaube hergekommen sein, wenn der Jesus vor Ostern keine Grundlage dazu bot? Mit solchen Rekonstruktionen übernimmt sich die Wissenschaft“. Mit solchen, im besten Sinn des Wortes einfachen Prämissen stellt der aktuelle Nachfolger Petri Kontinuität her und greift ordnend in die gelegentlich verschleiernden Sprachspiele mancher Theologen ein. Es wird sehr deutlich, dass Joseph Ratzinger in diesen Grundfragen immer eine sehr einheitliche und eindeutige Linie vertreten hat. Es ist der Gottmensch Jesus, an dem sich alles entscheidet.

Logosgemäßer Gottesdienst ist Auslegung des Glaubens

Dazu Ratzinger: „Dieses Mittlertum ist exklusiv, aber – so können wir paradox formulieren – es ist deshalb exklusiv, weil es inklusiv ist.“ Ein Christ kann immer nur sagen: Ich glaube an dich und nicht: Ich glaube etwas. Logosgemäßer Gottesdienst ist daher authentische Auslegung des Glaubens, beide stehen unter dem Anspruch der Verbindlichkeit. Schon früh habe der nachmalige Papst festgestellt, dass liturgische Streitigkeiten eben auch deswegen mit Brisanz und Polemik aufgeladen seien, weil an ihnen das jeweilige Kirchenverständnis offenbar werde. Wer die alte Liturgie schlechterdings verbiete, wie es de facto geschah, setzt sich dem Verdacht aus, auch das auf uns gekommene Dogma verbieten oder jedenfalls wandeln zu wollen.

Daraus schließt Weimann, dass im Verständnis Ratzingers – auf dessen jahrelange und häufig sehr lebhaften Auseinandersetzungen mit Walter Kasper eingegangen wird, auch wenn sich dieses Verhältnis gewandelt hat – Kirche vom Herrn gewollt und gestiftet worden ist und dass sie wesenhaft „heiliger Ursprung“ und „heilige Ordnung“ bedeutet. Hierarchischer Dienst, so der jetzige Petrusnachfolger schon vor 25 Jahren, „ist daher Hüten eines Ursprungs, der heilig ist, und nicht eigenmächtiges Verfügen und Beschließen“.

Damit sind, dank Ralph Weimanns denkscharfer Dokumentations- und Einordnungsarbeit, Prinzipien der Kontinuität gewonnen, mit denen sich auf- und weiterbauen lässt. Ratzingers Sicht auf die hierarchische Struktur der Kirche, die zugleich „dialogischer Erkenntnisort“ ist, hat sich im wesentlichen nie verändert, wie im Rückgriff auf die zu diesem Punkt besonders reichhaltige Sekundärliteratur gefolgert werden kann. Ziel allen kirchlichen und überhaupt christlichen Tuns sei die Heiligkeit, die im Leben des einzelnen Kirchen-Glieds aufscheinen müsse: Die innere, leider nicht notwendig immer auch die äußere Spitze der Kirche sei da zu finden, wo sie am meisten heilig, am meisten Christusförmig sei. Die Heiligen werden auch in der Zukunft wieder die Glaubwürdigkeit des Dogmas verkörpern und bezeugen, wie sie es schon in der Vergangenheit getan habe. Sie werden bei der wahren Kirchenreform vorangehen, die darin bestehe, die Kirche wieder einfacher zu machen, was zugleich neue Zugänge zum Glauben eröffne.

Ralph Weimann: Dogma und Fortschritt bei Joseph Ratzinger, Prinzipien der Kontinuität, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2012, 351 Seiten ISBN 978-3-506-77375-3, EUR 44,90