Gelungene Annäherung an ein schwieriges Pontifikat

Jörg Ernesti zeigt in seiner Biografie, dass der „vergessene Papst“ mit sich selbst im Reinen war. Von Urs Buhlmann

Pionier im Flugzeug: Paul VI. – hier im Jahr 1970 in Asien – war der erste Nachfolger Petri, der das Pastoralreisen als Weg der Verkündigung einführte. Foto: KNA
Pionier im Flugzeug: Paul VI. – hier im Jahr 1970 in Asien – war der erste Nachfolger Petri, der das Pastoralreisen als ... Foto: KNA

Wer eine beliebige vatikanische Behörde betritt, hat die Chance, seinem Erbe visuell zu begegnen: Das Interesse Pauls VI. an zeitgenössischer Kunst hat Spuren hinterlassen. An Wänden aus hellem Samt hängen Bilder durchaus unterschiedlicher Qualität. Der Moderne nicht abwehrend, sondern einladend entgegenzukommen – so wollte es Giovanni Battista Montini, der von 1963 bis 1978 als Paul VI. das Schifflein Petri lenkte. Über ihn, den heute Vergessenen, schreibt der Kirchengeschichtler Jörg Ernesti. Bei uns wird das Pontifikat des Sohnes einer großbürgerlichen Familie fast schon systematisch übergangen, als schäme man sich des intellektuell-schöngeistig, aber nicht charismatisch auftretenden Papstes. Er war den Konservativen nicht standfest genug, den Liberalen aber nicht ausreichend mutig. Seine späten Jahre waren durch etliche Tiefpunkte markiert: die vielen Priester und Ordensleute, die ihrer Berufung untreu wurden, Fehlentwicklungen in der Liturgiereform und der Konflikt mit Erzbischof Lefebvre, die Ermordung des Freundes Aldo Moro, um dessen Freilassung er kniefällig gebeten hatte: Bei seinem Tod war der Papst eine tragische Figur, dabei galt Montini nach dem Konzil als Mann auf der Höhe der Zeit, als erster moderner Papst.

Ernesti arbeitet kundig zentrale Merkmale seiner Persönlichkeit heraus, wenn auch die 37 Seiten, die er den Jahren bis zum Pontifikatsbeginn widmet, etwas knapp erscheinen. Die Herkunft aus gediegenem katholischen Milieu, die Medienaffinität und die Nähe zum politischen Katholizismus Italiens, die Liebe zur französischen Kultur – prägende Elemente der Jugend. Montini war schon früh ein oft kränkelnder, auf sich selbst verwiesener und grüblerischer Charakter, doch sensibel in der Einzelbegegnung. 1920 zum Priester geweiht, führte ihn sein Weg nach Rom, wo er die diplomatische Ausbildung begann. 1924 trat er in den Dienst des Staatssekretariats, den er fast 30 Jahre lang versehen sollte. 1937 wurde er als Substitut erster Zuarbeiter von Staatssekretär Pacelli und lieferte dem Papst Gewordenen den Text für den Friedensappell vom August 1939: „Nichts ist verloren mit dem Frieden, alles kann verloren sein mit dem Krieg“.

Man kann fragen, ob die 1954 erfolgte Ernennung zum Erzbischof von Mailand, als „Abschiebung“ oder „Qualifizierung“ zu bewerten ist. Es spricht einiges dafür, dass Pius XII. seinen Mitarbeiter durch das Amt in der Seelsorge für Höheres vorbereiten wollte. Als Oberhirte des größten italienischen Bistums fand sich Montini rasch in die Seelsorge ein, ließ in acht Jahren 123 Kirchen bauen und hielt 1957 eine Volksmission ab, mit dem damals ungewohnten Ziel, Fernstehende zurückzuholen.

1963 überraschte die Wahl zum Papst, wie Ernesti schreibt, niemanden, „galt er doch als der geborene Kandidat, der (...) das Konzil zu Ende bringen könne“. In der Tat benannte Montini dies als seine Priorität. Ob und wie es ihm gelang, ist der Schlüssel zu Nachruhm oder Misserfolg des Mannes, der von Johannes XXIII. einmal als „italienischer Hamlet“ bezeichnet wurde. Wichtige Fingerzeige arbeitet Ernesti heraus. Das Bemühen um Anschluss an die moderne Kultur, das sich auch in einem Stilwandel zeigte: Nicht nur die roten Seidendamasttapeten verschwanden, auch manche monarchische Attitüde machte einer gelegentlich gewollt wirkenden Einfachheit Platz, die aber dennoch völlig verschieden war von der echten Volkstümlichkeit seines Vorgängers. Dazu trat auf der äußeren Ebene ein gewisser Hang zu, wie Ernesti sagt, inszenierten Auftritten hinzu: Eine Messe für Arbeiter in einem Eisenbahntunnel (noch wenige Jahre zuvor undenkbar), das Küssen des Bodens bei mehreren Reisen (das also nicht von Johannes Paul II. eingeführt wurde), die zu Gunsten der Armen abgelegte Tiara (die in einem Museum aufbewahrt wird). Inhaltlich griff Paul VI. kräftig in den Ablauf des Konzils ein, dessen „ziellose“ Debatten er als Kardinal kritisiert hatte. Er führte vier Kardinal-Moderatoren ein, die Lotsendienste leisteten.

Umstrittener war sein Vorgehen in der dritten Konzilsperiode 1964: Als die Väter über die Kollegialität des Bischofskollegiums berieten, ließ ihnen der Papst über eine „erklärende Note“ ausrichten, dass er weiterhin nicht nur kollegial, sondern auch persönlich seine Amtsgewalt auszuüben gedenke und, noch deutlicher, dass das Kollegium ohne den Papst keine gültigen Akte setzen könne. Das sorgte für einige Irritation, wie auch die eigenmächtig vorgenommene Proklamation Mariens als „Mater ecclesiae“. Für Ernesti ein Zeichen der Versöhnung gegenüber den konservativen Bischöfen, „denen (...) einiges (...) abverlangt worden war“.

Doch spätestens nach dem Konzil wirkte der Papst mehr und mehr wie Goethes Zauberlehrling, dem die entfesselten Kräfte unheimlich wurden und der nun widersprüchliche Signale in alle Richtungen sandte. Ernesti merkt an, dass die sogenannte Bologneser Schule der Konzilsgeschichtsschreibung den Vorgängerpapst viel positiver beurteile als Montini. Roncalli habe dem Konzil den Geist eingestiftet, einen Geist der Öffnung und der Reform. Der Nachfolger, zögerlicher und skrupulöser, sei aus zu starkem Harmoniebedürfnis „der konservativen Konzilsmehrheit wiederholt entgegengekommen, was jeweils fatale Folgen gehabt habe“. Zugleich vertreten die Bologneser die These, das Zweite Vatikanum bedeute für die Kirchengeschichte „eine Zäsur, ja einen Bruch mit der Vergangenheit“.

Ernesti weist darauf hin – wenn auch sehr vorsichtig – dass zur Zäsur-These die „Hermeneutik der Kontinuität“ treten muss. Ein zentraler Satz seines Buches lautet: „Gerade die Erforschung des Wirkens Pauls VI. zeigt immer deutlicher, dass dieser in allen anstehenden Fragen Brüche zu vermeiden sucht und stets auf eine Verwurzelung der Reformen in der Tradition bedacht ist, um möglichst viele Konzilsväter zu gewinnen – nicht selten um den Preis der Abschwächung konziliarer Erneuerungsimpulse.“

Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als bei dem Zankapfel Liturgiereform. 1964 hatte Paul VI. an der eigentlich zuständigen Ritenkongregation vorbei den Rat „zur Durchführung der Liturgiekonstitution“ errichtet, dessen Sekretär, der spätere Erzbischof Bugnini, genau wusste, was er wollte. Mit ihm und dem Rats-Präsidenten, Kardinal Lercaro, stimmte der Papst sich eng ab, als die neue Liturgie „gemacht“ wurde. Es passierte, was Paul VI. nicht gewünscht hatte: Die Möglichkeiten, Teile der Messe in der Landessprache zu feiern, wurden vom Ausnahme- zum Regelfall. Es begann die Zeit der „Ringmappen-Liturgie“, wie der Autor es nennt. Persönlich war der Papst davon überzeugt, dass die Reform die „älteste Tradition“ wieder freigelegt habe, aber viele sahen das nicht so. Für Ernesti sind gerade auf diesem Gebiet, auf dem ihm die Haltung des Papstes widersprüchlich erscheint, weitere Studien notwendig.

Andere Dinge glückten Paul VI. besser, die Reform der Kurie zum Beispiel, die wohl eine bleibende Frucht seines Pontifikates ist. Er wurde zum ersten Papst, der alle fünf Kontinente besuchte. Der Autor lenkt den Blick auf das „Credo des Gottesvolkes“ von 1968, ein eigenhändiger Text des Papstes. Zeichen der Krise – so hatten etwa die niederländischen Bischöfe zuvor Absetzbewegungen von der Lehre der Transubstantiation erkennen lassen – war dieses Bekenntnis auch ein Versuch zur Beruhigung der Geister. Doch wurde es nicht beachtet. Von „Humanae vitae“ kann man dies nicht sagen. Ernesti: „Gemeinhin wird angenommen, dass die zunehmende Entfremdung weiter Teile des Kirchenvolkes (.) durch die Enzyklika einen kräftigen Schub erhalten habe.“

Von maßgeblicher Bedeutung ist „Evangelii nuntiandi“ von 1975, das, bevor der Nach-Nachfolger das Thema aufgriff, bereits eine Blaupause der Neuevangelisierung ist. Das für das selbe Jahr ausgerufene Anno Santo, setzte – ein nicht erwarteter Erfolg – einen versöhnlichen Schlusspunkt. Ohne allzu langes Leiden und nachdem er sich zuvor noch bei einer Reihe von Menschen entschuldigt hatte, starb Paul VI. am 6. August 1978, im Frieden mit sich selber. Bereits einige Jahre zuvor hatte er gegenüber dem Freund Jean Guitton seine Amtszeit Revue passieren lassen: „Leiden, ja sicher, aber auch Gleichmut. Ich bedauere oder bereue nichts. Ich bin ganz sicher, das getan zu haben, was ich tun musste.“ Den symbolischen Schlusspunkt setzte die Trauerfeier auf dem Petersplatz in ihrer Schlichtheit – der Wind wehte in den Seiten des auf dem einfachen Sarg liegenden Evangelienbuches.

Ernesti war offenbar bewusst, dass er sich mit seiner Biografie auf kirchenpolitisch umkämpften Gebiet bewegt. Das legt jedenfalls die Vorsicht in der Bewertung nahe, die – darin ihrem Gegenstand ähnlich – nicht immer zu klaren Worten findet. Doch schmälert das sein Verdienst nicht, zum ersten Mal für den deutschen Sprachraum eine wissenschaftliche Biografie des „letzten italienischen“ Papstes vorgelegt zu haben. Gut ausgewählte, erhellende Meditations- oder Gesprächstexte des Papstes selber werfen ein neues, im Ganzen unerwartet positives Licht auf den Mann. So setzt das Buch Maßstäbe.

Jörg Ernesti: Paul VI., Der vergessene Papst, Herder Verlag, Freiburg, 2012, gebunden 374 Seiten,

ISBN 978-3-451-30703-4, EUR 29,99