Geistliches Zentrum im Pott

Vor 900 Jahren bekehrte sich Norbert von Xanten: Ein Besuch in der Abtei der Hamborner Chorherren. Von Heinrich Wullhorst

In der Abtei Hamborn paaren sich Alt und Neu: Blick auf das Kloster der Chorherren und die Abteikirche. Foto: Wullhorst
In der Abtei Hamborn paaren sich Alt und Neu: Blick auf das Kloster der Chorherren und die Abteikirche. Foto: Wullhorst

Die Prämonstratenser feiern in diesem Jahr ein großes Jubiläum. Auch für die Abtei der Hamborner Chorherren ist das ein bedeutendes Ereignis. 900 Jahre ist es her, seit ihr Ordensgründer, der heilige Norbert von Xanten, ein Bekehrungserlebnis hatte, das ihn zur Umkehr und zur radikalen Änderung seines bisherigen Lebensstils bringt. Als Sohn aus wohlhabendem Elternhaus tritt der am Niederrhein geborene Norbert, dem Wunsch seiner Eltern entsprechend, als Jugendlicher in das St. Viktorstift in Xanten ein. Als Subdiakon, also als Kleriker ohne Priesterweihe, kommt er später in den Dienst des Kölner Erzbischofs. Diese Position im sogenannten geistlichen Stand sichert ihm eine Einnahmequelle, ohne ihm den Verzicht auf ein weltliches Leben abzunötigen. An der Seite des Kölner Erzbischofs erlebt er, wie Heinrich V. 1110 nach Rom zieht, um Papst Paschalis II. und seine Kardinäle festzusetzen und seine Krönung zum Kaiser zu erzwingen, die dann auch 1111 erfolgt.

Vier Jahre später ereilt den ehrgeizigen jungen Mann – ähnlich wie es zuvor beim heiligen Paulus oder später bei Martin Luther geschieht – ein Blitzschlag. Er befindet sich gerade auf einem Ritt zum Damenstift in Vreden. „Der Blitz schlug unmittelbar vor Norbert ein und riss ein tiefes Loch in den Boden“, beschreiben es seine Gefährten später in der nach seinem Tode entstandenen „Vita Norberti“. Er stürzt vom Pferd und überlebt.

Wie so oft bei alten Geschichten stellt man sich heute die Frage: Hat es sich so ereignet oder ist es eine dem Heiligen gerecht werdende Legende? Darauf kommt es letztlich aber nicht an. Bedeutsam ist, dass Norbert von Xanten sein Leben radikal ändert. Er wendet sich ab von dem ihm zu verweltlicht erscheinenden Stift, tauscht seine vornehme Kleidung gegen ein Büßergewand und lässt sich vom Kölner Erzbischof zum Priester weihen. Es ist die Zeit des Streits um die kirchliche und weltliche Macht. Auch verändert sich der Umgang mit der Botschaft der Bibel. Immer mehr Theologen fordern, die radikale Nachfolge Jesu in den Mittelpunkt zu stellen.

Pilger und Prediger mit dem Ideal totaler Armut

Der junge Priester Norbert kehrt 1116 nach Xanten zurück. Er hat ein konkretes Ziel und will sein altes Heimatstift radikal reformieren. Sie sollen einfach leben, zum Zölibat zurückkehren und auf privates Eigentum verzichten. Doch stößt der Prophet im eigenen Land auf massive Ablehnung seitens seiner Mitbrüder. Norbert zieht sich in die Einsamkeit zurück und verlässt 1118 Xanten. Allen Besitz, den er hat, gibt er auf. Als einfacher Pilger und Prediger zieht er mit dem Ideal totaler Armut durchs Land. Ein Jahr später führt ihn sein Weg nach Nordfrankreich. Der Bischof von Laon überredet den Rebellen Norbert, der sich den Unmut vieler Kirchenoberen zugezogen hat, eine Gemeinschaft auf der Basis seiner Vorstellungen zu gründen. Im Wald von Coucy, in dem unwegsamen Tal von Prémontré, erhalten sie vom Bischof ein kleines Stück Land und eine verfallene Kapelle, die zur ersten Heimat der eremitischen Gemeinschaft wird, die Norbert mit dreizehn Gefährten gründet. Durch die Bezeichnung der Gegend erhalten sie später ihren Namen „Prämonstratenser“. Sie errichten ihr erstes Kloster und leben dort Armut, regelmäßiges Gebet und Ernährung durch der eigenen Hände Arbeit. Die Gemeinschaft verzichtet auf eine eigene Ordensregel und nimmt stattdessen 1120/1121 die strenge Ausrichtung der Regel des Augustinus an.

In Hamborn, im Duisburger Norden, wo seit dem Beginn der Industrialisierung Kohle, Stahl und harte Arbeit das Leben der Menschen prägen, gibt es schon früh eine Abtei. Dort, wo es früher einen Gutshof mit dem Namen Havenburn gab, errichtet man um das Jahr 900 eine kleine Kirche. Gerhard von Hochstaden ist es, der 1136, also wenige Jahre nach der Ordensgründung durch Norbert von Xanten, seinen Hamborner Besitz dem Kölner Erzbischof schenkt, allerdings unter einer Bedingung: Dieser soll dort ein Kloster der Prämonstratenser errichten. Aus dem Kloster Steinfeld in der Eifel kommen die ersten Chorherren. Sie errichten einen Kreuzgang, erweitern die Pfarrkirche und schaffen die ersten Klostergebäude.

Der Kölner Erzbischof weiht am 1. Mai 1170 die Klosteranlage, wenig später wird das Kloster zur Abtei erhoben. Verschiedene kriegerische Auseinandersetzungen bringen das Kloster im Laufe der Jahrhunderte immer wieder in Gefahr. Keine von ihnen hat so schlimme Auswirkungen wie die Besetzung des Rheinlandes durch Napoleons Truppen und die von ihm eingeleitete Säkularisierung. Alle Güter des Klosters und die Gebäude fallen an den Staat. Lediglich die Abteikirche bleibt als Pfarrkirche erhalten. Nach mehr als 670 Jahren müssen die Prämonstratenser Chorherren ihr Kloster verlassen.

Erst mit der Gründung des Bistums Essen erhält der Orden am gleichen Ort eine zweite Chance. 1959 holt Ruhrbischof Franz Hengsbach die Prämonstratenser nach Hamborn zurück. „Er versuchte, das junge Bistum, das nicht gerade die Filetstücke von den abgebenden Bistümern erhalten hatte und in dem Orte zur Entwicklung einer Basis für geistliche Berufe fehlten, durch Orden mit einer Stabilitas loci zu beleben“, erklärt Albert Dölken. Der 55-Jährige ist der Abt der Hamborner Gemeinschaft mit derzeit 28 Mitgliedern. „Die Klöster sollten als geistliche Zentren im Bistum wirken und das ständige Gebet für das Bistum sicherstellen.“

„Was bleibt, sind die Ziele der Gemeinschaft“

Hengsbach gelingt es, zu Beginn seiner Amtszeit die Prämonstratenser und gegen Ende seines Wirkens im Bistum Essen auch die Zisterzienser für sein Vorhaben zu gewinnen. Sieben Prämonstratenser machen sich 1959 auf den Weg aus der alten Reichsabtei Rot an der Rot im Allgäu, um im Duisburger Norden eine neue Heimat zu finden und in ihren zentralen Aufgabenfeldern zu wirken. Am 24. August nehmen sie in der bisherigen Pfarrkirche das regelmäßige Chorgebet auf. Zeitgleich überträgt der Bischof ihnen die seelsorgerischen Aufgaben in der Pfarrei St. Johann mit ihrem Krankenhaus und Schulen.

Mit der Gemeinschaft wachsen und verändern sich die Aufgaben. Im Duisburger Norden gibt es weniger Arbeit, viele Menschen ziehen von hier weg. Es entstehen Großpfarreien, wo es früher überschaubare Pfarrgemeinden gab. Was bleibt, sind die Ziele der Gemeinschaft. Diese hat Abt Georg Lienhard aus dem Kloster Roggenburg im 18. Jahrhundert treffend beschrieben. Es sind die Bußfertigkeit, also die Bereitschaft zur Umkehr, die Eucharistie, das Chorgebet, die Seelsorge inklusive der Mission und die Marienverehrung. Die Hamborner Chorherren sind neben den Aufgaben in den Gemeinden oder in Krankenhäusern in den unterschiedlichsten Bezügen unterwegs. Es gibt auswärtige Seelsorgeaufgaben, zum Beispiel in der Studentengemeinde in Magdeburg, in der Leitung des ebenfalls dort ansässigen Hilfswerks Subsidiaris, im schulischen Unterricht, in der geistlichen Betreuung von Ordensschwestern oder in der Begleitung kirchlicher Vereine und Verbände. Andere Mitbrüder sind in Lehre und Wissenschaft an den Universitäten Salzburg, St. Augustin, Münster und Bochum oder als Kirchenrechtler im Offizialat des Bistums tätig. „Ein breites Spektrum über alles, was wir an Charismen mitbringen und die Kirche an Arbeit bereithält“, ergänzt Abt Albert. Magdeburg wird nach dem Fall der Mauer für die Gemeinschaft zu einem zweiten Standbein. „Für uns war nach 1989 schnell klar, wir müssen in die Stadt gehen, in der der heilige Norbert in den letzten Jahren seines Wirkens als Erzbischof tätig war“, beschreibt der Abt. Die unterschiedlichen Aufgaben bringen allerdings Einschränkungen im Zusammenleben mit sich. Heute leben nur acht bis zehn der Mitbrüder ständig in der Abtei in Hamborn, fünf weitere bilden die Gemeinschaft im abhängigen Priorat Magdeburg. Andere leben dort, wo sie ihre Aufgaben gefunden haben.

Das Wirken im Ruhrgebiet ist für die Prämonstratenser, besonders wenn sie wie Abt Albert selbst ein Kind des Kohlenpotts sind, etwas Besonderes. „Was das Leben im Ruhrgebiet und auch den Umgang mit anderen Glaubensgemeinschaften hier ausmacht, sind die Offenheit und das deutliche Wort in der Auseinandersetzung. Das ist sicher eine spezielle Kultur unserer Heimat“, weiß Albert Dölken. Das Ruhrgebiet habe immer vom Zuzug von Menschen aus der Fremde gelebt. „Unsere Vorfahren sind oft hierhingekommen, weil sie für sich und für ihre Kinder bessere wirtschaftliche Bedingungen und ein besseres Leben wollten. Ob sie, wie mein Urgroßvater, aus der Eifel kamen, oder anderswoher.“ Das Miteinander in Duisburg sei eine ganz große Stärke.

Auf Zukunft hin sieht der Abt Herausforderungen, die im demografischen Wandel begründet sind, aber auch Chancen. Inzwischen gibt es durch den vermehrten Zuzug aus anderen Ländern auch im Bereich des christlichen Lebens eine nie dagewesene Vielfalt im Duisburger Norden. Koptische und syrische Christen gehören dazu, wie russisch und griechisch Orthodoxe und Aramäer. Es gibt verschiedenste evangelische oder reformatorische Bekenntnisse und Freikirchen. „Wichtig ist, dass diese Christen hier eine Beheimatung finden und dort, wo wir Kirchenräume aufgeben, diese nicht einfach abreißen, sondern überlegen, ob es eine christliche Gruppierung gibt, die die Kirche braucht“, erklärt Abt Albert Dölken.

Manchmal muss man vielleicht auch neue Wege gehen, um etwas für die Menschen zu erreichen. Einer der Mitbrüder des Abtes, Pater Tobias, ist ein begeisterter Marathonläufer. Er setzt diese Fähigkeit neben vielen anderen Begabungen ein, für soziale Projekte Geld bei Sponsoren zu sammeln. Zu diesem Zweck ist er bereits einmal in seinem Ordenskleid die 42,195 Kilometer lange Strecke gelaufen.