Geistliches Proviant für Wanderer zwischen den Welten

Eine letzte Beschwichtigung wäre zuwenig – Was kann die christliche Sterbebegleitung leisten? Von Gudrun Theurer

„Meine Freundin hat einen Tumor, die Krankheit ist fortgeschritten und eine Chance auf Heilung wird es wohl nicht mehr geben.“ Solch ein Satz geht unter die Haut – nicht nur dann, wenn wir selbst direkt mitbetroffen sind. Der Tod lässt Menschen doch immer wieder aufschrecken aus der alltäglichen Lebenssicherheit. Oft sind es die Todesanzeigen in der Tageszeitung und der Blick auf die Jahrgänge Verstorbener, die uns daran erinnern, dass nicht nur die anderen sterblich sind, sondern auch wir selber. Wir wissen um die Endlichkeit des Lebens. Aber wie gehen wir nicht nur mit diesem Thema, sondern auch mit den Menschen um, die mit einer schweren Krankheit leben oder Sterbende sind? „Die Humanität einer Gesellschaft ist daran zu messen, wie sie mit ihren Schwachen und Behinderten umgeht.“ Dieses Zitat aus einem Vortrag von Professor Andreas Zieger mahnt Menschlichkeit an – gerade in den Grenzsituationen des Lebens.

Herausgefordert sind hierbei aber nicht nur Ethiker verschiedener Disziplinen. Angesichts der Brüchigkeit und Endlichkeit des Lebens stellt sich vielmehr die Frage nach einer Humanität, die dem Sein und der Bestimmung des Menschen gerecht werden kann. Ein kurzer Blick in die Geschichte heutiger Pflegekonzepte kann dafür sensibilisieren, worin der besondere Beitrag einer christlich verstandenen Humanität in der Begleitung am Lebensende liegen kann. 1967 gründete die Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders das erste Hospiz. Es war ihre für Jahrzehnte der Sterbebegleitung prägende Antwort auf die Not so vieler Menschen. Aber nicht nur eine verbesserte und spezialisierte Schmerzmedizin und eine auf den einzelnen Patienten hin ausgerichtete Pflege waren ihr Ziel. Sie wollte der Gesellschaft und den Sterbenden auch das zurückgeben, was man bis dahin in Europa – vor allem im städtischen Raum – weitgehend verloren hatte: eine natürliche und selbstverständliche Nähe zu schwerkranken und sterbenden Menschen.

So wurde die Idee des Hospizes im 20. Jahrhundert wieder belebt. Heute gibt es alleine in Deutschland (nach der Statistik des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes von 2008) 195 stationäre Hospize und 231 Palliativstationen sowie etwa 1 500 ambulante Hospizdienste. Der ursprüngliche Hospizgedanke jedoch reicht zurück bis ins Mittelalter. Der katholische Seelsorger Helmut Zielinski, der sich in den 80er Jahren sehr für die Hospizidee in Deutschland einsetzte, nennt einen der wesentlichen Aspekte christlicher Zuwendung zu kranken und sterbenden Menschen, indem er die Ursprungsidee der Hospize so beschreibt: Sie seien Häuser am Wegesrand gewesen, in denen Pilger auf ihrem langen Weg zum Ziel Ruhe, Pflege und Beistand fanden.

Getragen wurden diese Hospize von den großen Ordensgemeinschaften. Sie boten vielen Sterbenden eine letzte Zuflucht. Dieser Gedanke, so Zielinski, lasse sich auch auf das übertragen, was Hospize und auch Krankenzimmer heutzutage sein können: ein Ort der Ruhe und des Umsorgtwerdens auf der Wanderschaft zwischen zwei Welten. Ein Ort, an dem Menschen in ihrer Angst, Ratlosigkeit und den Fragen, die das Ende des Lebens mit sich bringt, willkommen sind.

Die Grundlage zur palliativen Behandlung am Lebensende, wie wir sie heute in Deutschland fast flächendeckend vorfinden können, ist in der Definition der Weltgesundheitsorganisation so formuliert: Palliativpflege ist ... „ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität ... durch ... die Behandlung von Schmerzen ... und Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art“. Es wird also vorausgesetzt, dass der Umgang mit Schwerkranken und deren Angehörigen bewusst den ganzen Menschen mit einschließt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und die Bewältigung der spirituellen Fragen am Lebensende gehören zu einem menschenwürdigen Sterben dazu. Die Lehrpläne zur Ausbildung der Palliative-Care-Fachkräfte und auch die Rahmenempfehlungen zur Ausbildung Ehrenamtlicher in der Hospizarbeit schreiben hierfür verschiedene Themenfelder vor. Es geht unter anderem um den Umgang mit Sterben und Tod in den Weltreligionen, Rituale in der Begleitung Sterbender und auch um Texte für die Begleitung von Menschen, die sich keiner Religion oder religiösen Gemeinschaft zugehörig fühlen. Alleine schon der geringe Zeitumfang im Rahmen dieser Ausbildung lässt aber erahnen, dass es hier nicht um eine umfassende Kompetenzvermittlung im Führen spiritueller Gespräche gehen kann, sondern allenfalls um eine Sensibilisierung in religiösen Fragen. Eine bewusst am christlichen Glauben ausgerichtete Anleitung zur Begleitung findet man eher selten. Aus Sicht christlicher Ethik gehört zur Humanität, dem Menschen in einer ihm angemessenen Weise Wegbegleitung, Trost und Hilfestellung zu geben. Auf dem letzten Lebensweg geht es für einen Christen eben nicht nur darum, ein möglichst schmerzfreies und medizinisch-pflegerisch gut begleitetes Sterben zu erfahren. Er ist vielmehr ein Wanderer zwischen den Welten, ein Mensch, der seine Antwort auf das Woher und Wohin seines Lebens finden oder festigen muss; der sich den Fragen der Schuld und Vergebung gegenübersieht und das Ziel seiner Lebenswanderung ins Auge fasst.

Der Kirchenvater Ignatius von Antiochien hat dies treffend formuliert: „Dort (gemeint ist das ewige Leben) angekommen, werde ich Mensch sein.“ (Epistel zum Römerbrief 6, 1–2) Sterben ist demnach nicht nur die Bestimmung, sondern vielmehr die Erfüllung seines Lebens. Eine geistliche Sterbebegleitung ist somit mehr als ein Beruhigen des oft unruhigen und innerlich aufgewühlten Menschen. Sie ist auch mehr als ein Beschwichtigen der Angst und auch weit mehr als ein stilles Gesellschaftleisten und Zeigen mitmenschlicher Nähe und Fürsorge. Sie ist im Wesentlichen Unterstützung mit dem Ziel, dass der Einzelne dort ankommen kann, wo er sein wahres Menschsein finden wird. Dietrich Bonhoeffer soll unmittelbar vor seinem Tod gesagt haben: „Das ist das Ende; für mich der Beginn des Lebens.“

Ein wirklich menschenwürdiger Umgang mit Kranken und Sterbenden muss die religiöse Frage beinhalten. Es muss hier um einen wirklich christlichen Beistand und nicht nur um ein spirituell offenes Gespräch gehen. Nicht Vertröstung, sondern Trost und Glaubensgewissheit sind es, die bei allem Abschiedsschmerz sowohl den Betroffenen als auch seine Angehörigen tragen können.

Die Humanität einer Gesellschaft zeigt sich darin, inwieweit sie in der Lage ist, den Tod in einer ihm angemessenen Weise zu thematisieren. Es gehört zur Würde des Menschen, dass er um seine Endlichkeit und auch um seine Lebenshoffnung weiß. Um des Menschseins willen darf diesen Fragen nicht ausgewichen werden.

Daraus folgt für die Kirche die Aufgabe, ihr Wissen um die besondere Bestimmung des Menschen in der gesellschaftlichen Diskussion nicht verstummen zu lassen.

Schließlich geht es um den tröstenden Beistand am Lebensende, der zu den ureigensten Aufgaben der Kirche gehört und nicht anderen überlassen werden darf. Dazu gehören einerseits die Seelsorge mit den vom Priester gespendeten Sakramenten der Beichte, Krankensalbung und Eucharistie. Andererseits ist der Dienst tätiger Nächstenliebe jedem Christen aufgetragen: hingehen zu den kranken und sterbenden Menschen, mit ihnen und für sie beten, sie und ihre Angehörigen nicht alleine lassen und ihnen liebevoll zur Seite stehen.

Von der Autorin erscheint 2013: „Gemeinsam unterwegs in schwerer Zeit. Texte für Kranke, ihre Angehörigen und Begleiter“ im Dominus-Verlag Augsburg.