Geistige Brücke zwischen den Christen in Ost und West

Papst Johannes Paul II. und die Europapatrone Cyrill und Method. Von Rudolf Grulich

Als im November 2009 Deutschland und Europa den zwanzigsten Jahrestag des Falles der Berliner Mauer und das Ende der Teilung Europas feierten, sprachen viele Gäste vom Wunder von Berlin. Man würdigte die 1989 beteiligten Politiker wie Gorbatschow und Kohl, aber nur der ebenfalls geladene Ehrengast Lech Walesa hob die Rolle des polnischen Papstes für die Wende hervor. 2005 hatten Politiker aller Parteien und Theologen aller Religionen und Konfessionen die Verdienste des verstorbenen Papstes und seine Rolle bei der Überwindung des Kommunismus betont.

Das geschah auch schon 2003, als das Aachener Karlspreis-Komitee dem Papst für seine Verdienste um die Überwindung der Spaltung Europas einen außerordentlichen Karlspreis verlieh, der ihm im März 2004 in Rom überreicht wurde. Auch damit war die Bedeutung von Johannes Paul II. für die Einheit Europas hervorgehoben worden. Wenn aber bei der Zwanzig-Jahrfeier des Mauerfalls das Wunder von Berlin betont wurde, so fehlen bis heute Hervorhebungen des eigentlichen Wunders von Rom, nämlich das Ringen des Papstes um die Seele Europas und seine zahlreichen Aufrufe, mit Hilfe der europäischen Heiligen unseren alten Kontinent wieder neu zu evangelisieren.

Als er im Jahre 1980 die beiden Slawenapostel Cyrill und Method, zwei griechische Brüder aus Thessaloniki, zu Konpatronen Europas erklärte, hatte er bereits die Vision einer Einheit Europas im Blick, die für ihn nur durch die Überwindung der Spaltung des Kontinentes möglich war. Dies hatte aber damals Mittel- und Westeuropa kaum zur Kenntnis genommen oder auch nicht verstanden.

Der Pole Johannes Paul II. hatte sich im Gegensatz zu allen anderen Politikern nie mit der Teilung Europas als Folge der Absprachen während der Konferenz von Jalta abgefunden. Schon 1979 bei seiner ersten Reise als Papst nach Polen hatte er in Gnesen am Grab des heiligen Adalbert die Einheit des Kontinents betont. Für ihn war der heilige Adalbert von Prag ein echter europäischer Heiliger: Von Geburt Kroate, in Magdeburg deutsch erzogen, dann Bischof im tschechischen Prag, von einem Mainzer Bischof in Verona geweiht, später Apostel in Ungarn und Märtyrer in Preußen.

Aber Adalbert war ein Bischof des Westens und daher wählte Johannes Paul II. nicht ihn, sondern die Heiligen Cyrill und Method als gemeinsame Heilige der Ost- und Westkirche zu Patronen Europas. Jahr für Jahr, besonders deutlich 1985 in seinem Rundschreiben „Slavorum Apostoli“ zum 1 100. Todestag des heiligen Method erinnerte Johannes Paul II. an das Werk der Evangelisierung der beiden Brüder aus Thessaloniki, von deren Charisma er hoffte, es werde „sich in unserer Epoche in neuer Fülle zeigen und neue Früchte tragen“. Cyrill und Method waren für den Papst zwei Verbindungsringe, eine geistige Brücke zwischen Ost und West, die einen entscheidenden Beitrag zur Bildung Europas leisteten, „und zwar nicht nur in der religiösen, christlichen Gemeinschaft, sondern auch für seine gesellschaftliche und kulturelle Einheit“.

An anderer Stelle spricht Johannes Paul II. von den beiden christlichen Grundhaltungen in Ost und West als von den zwei Flügeln einer Lunge, durch die Europa atmet. Bei seinem ersten Besuch in einem ehemals kommunistischen Land nach der Wende hat er in der damaligen Tschechoslowakei im April 1990 im mährischen Wallfahrtsort Velehrad die ganze Bedeutung dieser Heiligen aufgezeigt. Als seine Antwort auf den Umbruch in Osteuropa hat der slawische Papst damals eine Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa angekündigt, die ab 28. November bis zum 13. Dezember 1991 nach Wegen der Neuevangelisierung Europas fragte. Wie sich 1979 die Dritte Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopates mit der Evangelisierung ihres Kontinentes in Gegenwart und Zukunft beschäftigte, so haben Ende 1991 die europäischen Bischöfe ihre Konzeptionen vorgelegt. Unter dem Titel „Damit wir Zeugen Christi sind, der uns befreit hat“ betonte die Sonderversammlung im Schlussdokument die historische Stunde für den christlichen Glauben Europas.

Cyrill und Method, Konpatrone Europas und uns vom Papst vor Augen gestellten Väter eines christlichen Europas, sind leider vielen Deutschen weiterhin unbekannte Heilige geblieben. Das ist bedauerlich, gerade in Deutschland, wohin nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Vertreibung aus dem Osten Millionen von Menschen kamen, denen Cyrill und Method keine unbekannten oder vergessenen Heiligen waren. Sudetendeutsche aus Mähren kennen aus dem deutschen Gebetbuch ihrer Eltern und Großeltern aus der Erzdiözese Olmütz das „Messlied zu Ehren der Landespatrone Cyrill und Method“. Sie pilgerten mit Tschechen und Polen nach Velehrad und auf den Berg Hostein und feierten das Fest der beiden Heiligen am 5. Juli, der heute in der Tschechischen Republik wieder ein Feiertag ist. Auch für die Vorgänger des polnischen Papstes war das Christentum die wesentlichste Kraft, die Europa und seine Kultur entscheidend mitgestaltet, ja nach einem Wort von Papst Pius XII. „die Seele seiner Völker am tiefsten geformt“ hat. Zur Geschichte dieses Kontinentes und seiner Entfaltung gehörte immer auch das missionarische Wirken großer Heiliger wie Benedikt, Kolumban, Bonifatius, Ansgar, Adalbert und Gunther. Diese Missionare haben auf Dauer das Antlitz Europas entscheidender geprägt, als dies große Herrscher, Eroberer oder Heerführer taten. Meist wurden dabei Cyrill und Method vergessen.

Als Papst Paul VI. 1964 den heiligen Benedikt zum „Patron Europas“ und zum „Vater des Abendlandes“ erhob, ging er davon aus, dass nach dem Ende des alten Weströmischen Reiches und nach dem Ende der Völkerwanderung die Geburt Europas anzusetzen sei. Karl der Große ist bereits von Zeitgenossen als „verehrungswürdige Zierde Europas“, als Pater Europae bezeichnet worden. Doch sein Reich, dieses junge Europa, war noch ein Kleineuropa, das Europa der sechs Gründungsmitglieder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Dazu kam, dass in Konstantinopel der römische Reichsgedanke weiterlebte und dieses Faktum zum Dualismus Rom-Byzanz führte.

Der polnische Historiker Oskar Halecki kommt sogar zum Schluss, dass die Errichtung des Reiches Karls des Großen kein Schritt zur Integration eines größeren christlichen Europas war, sondern zunächst den damals bereits vorhandenen Ost-West-Dualismus noch erneuerte und verstärkte. Dazu kam, dass die unbestreitbar großartige Leistung Karls des Großen ohne Kontinuität war, ja nach dem Tode des Kaisers Niedergang und Zerfall folgten, ehe Otto I. mit seiner Kaiserkrönung im Jahre 962 an Karl den Großen anknüpfte.

In diese Zeit des Zerfalls des Reiches Karls des Großen im neunten Jahrhundert fällt die Mission der Slawenapostel Cyrill und Method. Ihre Hauptwirkungsgebiete sind Mähren und Pannonien, die alten Hauptdurchzugsgebiete der Völkerwanderung. Mit seinem Wahlspruch „ora et labora“, mit der Gründung von Klöstern und der Pflicht zur Sesshaftigkeit der Mönche hatte Benedikt von Nursia die Unruhe der Völkerwanderung gebändigt und überwunden. Seit dem Jahr 863 missionierten Cyrill und Method in Gebieten, die nicht zum Römischen Reich und nicht zum Reich Karls des Großen gehört hatten. Die eigentliche Integration Europas ist also nicht vom Reichsgedanken her erfolgt, nicht von der Zugehörigkeit zum Imperium (sei es byzantinisch, sei es fränkisch-römisch), sondern durch Mission und Christianisierung, durch welche griechisch-römische Kultur zunächst in das Großmährische Reich, dann in andere slawische Staatswesen, aber auch bald in das nichtslawische Reich der Ungarn und später auch bei den germanischen Völkern Skandinaviens und den übrigen Völkern Nordosteuropas eindrang.

Mit dem Christentum wurde das Erbe der Antike von jungen Völkern übernommen, die sich außerhalb des Imperiums entwickelten, so wie ein Jahrhundert zuvor unter Bonifatius das gleiche in unserer Heimat geschah und später im Norden durch Missionare wie Ansgar erfolgte: Durch die Christianisierung, durch die Übernahme des kulturellen Reichtums der römischen und griechischen Antike entstand in einem langen Entwicklungszeitraum Europa. Seine Geschichte nach der Geburtsstunde ist gekennzeichnet von Machtansprüchen und Gewalt, von Kämpfen mit Siegen und Niederlagen, die bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit nicht erst 1870/71 oder in den beiden Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts Feindschaft zwischen den Völkern als den Trägern Europas schufen. Wie die Trennung von Ost- und Westkirche im Jahre 1054 haben weitere Kirchenspaltungen wie die der Reformation zu erneuter Trennung geführt. Auch wenn sie nicht die europäischen Dimensionen hatten wie nach 1517 durch Luther, so haben auch andere religiöse Konflikte (denken wir an die Hussitenkriege) zu Feindschaft und Auseinanderleben geführt. Ein trauriger Höhepunkt dieses Gegeneinanders war sicher der Dreißigjährige Krieg, als Mitteleuropa Aufmarschplatz von Armeen aus weiten Teilen Europas, von Spanien bis Schweden, war.

Dennoch blieb diesem Europa ein gemeinsamer Urgrund: das Christentum. Nicht zufällig haben bedeutende Geister vor 200 Jahren in einer der unseren vergleichbaren Zeit nach den Wirren und Fehlentwicklungen der Französischen Revolution ihre Blicke von Aufklärung und Materialismus abgewandt und versucht, sich an Grundwerten des mittelalterlichen Europas zu orientieren. Der Dichter Novalis, der eigentlich Friedrich Karl von Hardenberg hieß und als Leiter der Bergwerke in Sachsen von Haus aus ein Naturwissenschaftler war, hat damals eine Schrift verfasst: „Die Christenheit oder Europa“. Er meinte damit keinen Gegensatz, sondern völlige Identität. Für Novalis ist Europa nach seiner Herkunft christlich; es wird christlich sein oder gar nicht mehr existieren. Das Christentum hat jenen gewaltigen Integrationsprozess vollbracht, der Europa seine christlich-humanistische Prägung gab. Der Integrationsprozess zeigt sich in Begriffen wie Menschenwürde, Unantastbarkeit der Person, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Gemeinschaft und personelle Verantwortung. Diese Werte haben Cyrill und Method von Byzanz aus den Slawen vermittelt.

Es sind dies Grundlagen, die Jahrzehnte hindurch durch die bolschewistische Herrschaft im Osten verschüttet waren, und die es neu zu beleben galt. Es war der slawische Papst, der dieses neue Europa als Vision hatte und uns durch die Ernennung von drei weiblichen Europapatroninnen das Ringen um ein christliches Europa nahelegte. 1999 ernannte er Birgitta von Schweden, Katharina von Siena und Edith Stein zu weiteren Konpatronen Europas. Mit der heiligen Brigitta band er auch das evangelische Nordeuropa in seine Vision Europas ein. Die heilige Katharina von Siena als Patronin Italiens ist Vorbild für alle Frauen, sich aktiv in der Kirche zu engagieren. Es war dieser Heiligen zu verdanken, dass der Papst seinen Sitz von Avignon nach Rom zurückverlegte. Und wenn Johannes Paul II. die schlesische Konvertitin aus dem Judentum, Edith Stein, zur Patronin Europas erhob, machte er die christlich-jüdischen Wurzeln Europas deutlich. Leider hat die Europäische Union nicht nur auf den Gottesbezug in ihrer Verfassung verzichtet, sondern auch auf einen Hinweis in der Präambel, dass Europa christlich-jüdische Grundlagen haben müsse. Ist es vermessen zu hoffen, ja sogar dafür zu beten, dass ein Nachfolger von Johannes Paul II. den neuen Seligen, den manche schon Johannes den Großen nennen, uns als siebten Europapatron ans Herz legt? Seine Fürsprache tut Europa bitter not.