Galens Erbe bleibt katholisch

Freundeskreis hat die verkaufte St. Clemens-Kirche in Berlin zurückgemietet – Indische Patres gründen dort Exerzitienzentrum

Berlin (DT) Ungewöhnliche Neuigkeiten sind dieser Tage aus der deutschen Hauptstadt zu hören. So hat ein Freundeskreis die Berliner Innenstadt-Kirche St. Clemens, die vor einem halben Jahr an einen privaten Investor verkauft wurde, zurückgemietet und will dort ein katholisches Exerzitienzentrum betreiben, das sich durch Spenden tragen soll. Zu den finanziellen Unterstützern gehört auch der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky, der wiederum indische Priester des Vinzentinerordens mit der Seelsorge betraut hat. Die Wiedereröffnung der Kirche, in der ein halbes Jahr lang kein Gottesdienst gefeiert wurde, wird Sterzinsky am 15. März mit einem großen Pontifikalamt feiern.

Enormer Sanierungsbedarf in der Domgemeinde

Die Nachricht erstaunt zunächst. Wieso ein Pontifikalamt, wo die katholische Kirche den Sakralraum doch selbst verkauft hat? Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums, versucht die verwirrende Situation zu erklären: Eigentümer von St. Clemens sei nicht die Erzdiözese Berlin, sondern die Domgemeinde St. Hedwig, die sich, so Förner, „in einer sehr angespannten Finanzlage“ befinde. Sie hatte bis vor einem halben Jahr nicht nur St. Clemens sondern zwei weitere Kirchen zu finanzieren, die alle drei, so Förner, einen „enormen Sanierungsbedarf“ haben.

Die Domgemeinde, so der Bistumssprecher weiter, habe sich nicht „aus Spaß an der Freud“ von St. Clemens getrennt, sondern habe das Geld dringend für die Renovierung der beiden anderen Kirchen gebraucht. Die Entscheidung, sich gerade von St. Clemens zu trennen, begründet Förner auch damit, dass St. Clemens nie eine Pfarrgemeinde-Kirche war. Wo immer möglich, würde in Berlin trotz aller Finanznot versucht, diejenigen Kirchen zu behalten, in denen Pfarr-Gemeinden beheimatet seien.

St. Clemens ist eine der vielen Hinterhofkirchen, die im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin entstanden, als die Katholiken während und kurz nach dem Kulturkampf einen schweren Stand in der preußischen Stadt hatten. Vom Deutschen Bundesrat und dem Berliner Landtag liegt die Kirche an der Stresemannstraße in Luftlinie nur einen Kilometer entfernt. Aber nicht nur die zentrale geographische Lage genau in der Mitte zwischen den ehemaligen Zentren Ost- und Westberlins, ist an der Kirche einzigartig, sondern auch ihre Entstehung. Anfang des vergangenen Jahrhunderts stiftete der spätere Münsteraner Kardinal Clemens August Graf von Galen während seiner Zeit als Pfarrer in Berlin? sein Erbe und ließ die Kirche mit angegliedertem Kolping-Hospiz erbauen. In der Weimarer Republik besuchten einige katholische Politiker wie beispielsweise Heinrich Brüning dort regelmäßig die Werktagsmesse. Von 1917 bis 1973 war St. Clemens die Kirche der Jesuiten. Der frühere Nuntius und spätere Papst Pius XII. soll dort regelmäßig seinen Beichtvater in dessen Wohnung aufgesucht haben. 2006 stellte der Berliner Kardinal Sterzinsky die Kirche, in der zwischenzeitlich die kroatische Mission untergekommen war, den Vinzentinerpatres zur Verfügung, die dort ein Exerzitienzentrum aufbauen wollten.

Gleichwohl zog der Immobilienkomplex St. Clemens mit seinen vielseitig nutzbaren Nebengebäuden auch private Investoren an. Im Sommer 2007 war es dann soweit: Die genaue Kaufsumme wurde nicht genannt, aber 2,5 Millionen Euro wird die britische Investorengruppe, die schließlich mit der Domgemeinde handelseinig wurde, mindestens für St. Clemens gezahlt haben. Das Geld wurde für die Sanierung von St. Hedwig und St. Michael verwendet, und der Vinzentinerorden musste St. Clemens verlassen.

Mit-Eigentümer und Verwalter von St. Clemens und den angrenzenden Häusern wurde zunächst ein Geschäftsmann mit muslimischem Hindergrund, woraufhin Befürchtungen laut wurden, das Kirchengebäude könne zu einer Moschee umfunktioniert werden. „Diese Vermutungen entbehren“, so Bistumssprecher Förner, „jeder Grundlage.“ Der Verwalter sei zwar türkischstämmig gewesen, er habe jedoch nie geplant, eine Moschee in die Kirche einzubauen. Mittlerweile ist der türkischstämmige Verwalter nicht mehr für die Investorengruppe tätig, eine neue Firma kümmert sich um die Verwaltung von Kirche und Nebengebäuden.

Mit ihr verhandelte auch der im Frühjahr 2007 gegründete „Förderverein der St. Clemens Kirche Berlin“, um die Kirche wieder in „katholische Nutzung“ zu überführen. Die Sprecherin des Vereins, Renate Wiegner, will über Zahlen nicht sprechen, aber Schätzungen zufolge müssen es etwa 2 500 Euro sein. Der Verein rührt daher heftig die Werbetrommel. Vor allem an monatlichen Daueraufträgen ist den Vereinsmitgliedern gelegen.

Der Verkauf der Kirche stieß in katholischen Kreisen – insbesondere auch in Galens Heimat Münster – auf Unverständnis und Ablehnung. Eine Kirche, die mit dem Erbe des seligen Kardinals Galen gebaut worden war, könne man doch nicht so einfach verkaufen, so die Kritiker. Versuche, in den Archiven der Familie Galen Verfügungen zu finden, die den Verkauf der Kirche unterbinden, blieben jedoch erfolglos. Unverständnis rief der Verkauf auch deshalb hervor, weil St. Clemens nicht nur historisch wertvoll ist, sondern auch zum Verkaufszeitpunkt eine der wenigen Kirchen in der Berliner Innenstadt war, in der den ganzen Tag gebetet wurde und drei der vier indischen Priester ihre Dienste kostenlos zur Verfügung stellten.

Der Freundeskreis und die Vinzentinerpatres wollen sich den Kritikern jedoch nicht anschließen und lassen kein schlechtes Wort auf den Kardinal und die Berliner Diözese kommen. Sie vertrauen ganz auf die Vorsehung Gottes. „Kardinal Sterzinsky hat uns eingeladen, über das Wort Gottes zu predigen“, berichtet George Vadekkekara (67), der im Juli 2006 mit drei Mitbrüdern nach Berlin kam. „Wenn Gott will, dass in Berlin ein Exerzitienzentrum entsteht, dann wird er es fügen“, so der Priester gelassen. Im indischen Kerala betreut der Orden eines der größten Exerzitienzentren der Welt. Jede Woche kommen bis zu 25 000 Gläubige. Zehn Priester kümmern sich um die Besucher aus aller Welt.

Ein halbes Jahr lang waren Vadekkekara und seine Mitbrüder in das Katharinenstift in der Greifswalderstraße hinter dem Alexanderplatz umgezogen, wo das Bistum ihnen Räume zur Nutzung überlassen hatte. Den dortigen Kirchenraum mussten sie sich mit drei anderen Gemeinden teilen, besonders an Sonntagen oder bei größeren Exerzitien war das im vergangenen halben Jahr nicht einfach. Die Freude über die Rückkehr nach St. Clemens ist deshalb groß.

Kardinal Sterzinsky beteiligt sich aus eigener Tasche an Kosten

Einen „Ort der Begegnung mit Gott“ mitten in Berlin wollen der Freundeskreis und die indischen Priester schaffen. Kaum eine Kirche ist im Zentrum der Hauptstadt tagsüber geöffnet, geschweige denn „in Betrieb“. Das soll sich nun ändern: An 365 Tagen im Jahr soll das „Exerzitienzentrum der Göttlichen Barmherzigkeit für die Reevangelisation“ – so der offizielle Name des Zentrums, von 9 bis 24 Uhr geöffnet sein. Der Schwerpunkt soll auf der Vertiefung im Glauben durch Sakramente, Anbetung, Katechese und Exerzitien liegen. Geplant sind täglich zwei Heilige Messen, Beichtgelegenheit, eucharistische Anbetung und ein spezielles Programm für junge Katholiken.

Kardinal Sterzinsky scheint das Projekt, das der Neu-Evangelisierung gewidmet ist, fördern zu wollen. Er hat zwar weder den Verkauf der Kirche verhindert, noch kirchliche Gelder für die Rückmietung zur Verfügung gestellt. Seine Sympathie für die Idee des Exerzitienhauses im Zentrum der Stadt zeigt sich jedoch daran, dass er sowohl beim ersten Einzug der Inder im Juli 2006 als auch am 15. März dieses Jahres beim Wiedereinzug der Vinzentiner in St. Clemens ein Pontifikalamt feiert. „Der Kardinal hat mit uns über den Verkauf von St. Clemens getrauert“, berichtet die Sprecherin des Freundeskreises, Renate Wiegner. Das bestätigt auch Bistumssprecher Förner. Da über offizielle Wege im Augenblick offenbar keine Gelder für St. Clemens locker zu machen sind, beteilige sich der Erzbischof jetzt aus eigener Tasche an den Miet- und Unterhaltskosten der Kirche. Geprüft wird noch, ob die Einnahmen der Kollekten in der Kirche an das Bistum abgeführt werden müssen oder für Miete und Unterhalt von St. Clemens verwendet werden können.

Am 15. März um 10 Uhr wird das Exerzitienzentrum St. Clemens in der Stresemannstr. 66 (10963 Berlin) wieder eröffnet.