Friede im Aufruhr des Lebens

Andreas Wollbold beleuchtet den Weg der heiligen Theresia von Lisieux zur Mystik. Von Klaus-Peter Vosen

Therese von Lisieux
Therese von Lisieux durchlitt Zeiten der Glaubensnot und geistlichen Dürre. Foto: KNA
Therese von Lisieux
Therese von Lisieux durchlitt Zeiten der Glaubensnot und geistlichen Dürre. Foto: KNA

Theresia Martin (1873–1897), die Heilige von Lisieux, ist die Botin des „kleinen Weges“. Sie hat sich nie als spirituelle „Überfliegerin“ gesehen, deren Leben mit übernatürlichen Auszeichnungen gespickt gewesen wäre, wie sie den Großen im Reiche Gottes geschenkt worden sind. Obwohl es in Theresias kurzem Erdenlauf an einigen Stellen durchaus auch Visionen und Ekstasen gegeben hat, sah sich diese junge Normannin lebenslang als eine „Kleine“ an, die zufrieden damit war, vertrauensvoll an der Hand des himmlischen Vaters zu gehen, der die Liebe ist, und so das Leben im Geist des Evangeliums zu meistern. So wollte sie auch andere „kleine Seelen“ ermutigen, die sich selbst keine außergewöhnlichen geistlichen Kräfte zuschreiben, den Himmel zu finden und sich dem Ideal der Heiligkeit zu nähern. Verwundert es angesichts dieser Tatsache nicht, wenn der ausgewiesene Theresien-Fachmann Andreas Wollbold seinem neuen Buch den Titel „Die Mystikerin Therese von Lisieux“ gegeben hat, wird die Heilige auf diese Weise nicht verkannt und wird der interessierte Leser nicht irregeführt?

Wenn man Mystik als wunderbare, unübersehbare Manifestation des Übernatürlichen auffassen wollte, bestände diese Frage wohl zu Recht. Andreas Wollbold aber legt seiner Untersuchung einen anderen Begriff der Mystik zugrunde und findet diese Hochform der Gottverbundenheit dann sehr wohl bei der Heiligen von Lisieux, indem er auf Theresias Wort vom „Innersten meines Herzens“ (le fond de mon coeur) Bezug nimmt: „In den Stunden tiefster Verlassenheit, äußerster Ausweglosigkeit oder härtester Anfechtung wie in der Glaubensnacht erfährt sie [Theresia], dass es etwas gibt, das tiefer liegt als die Bewegungen des Gemüts oder der Gedanken. An diesem Ort wohnt der Herr in ihr. Gerne hat sie dies mit dem beim Seesturm schlafenden Jesus im Boot verglichen. Dieses Schifflein auf hoher See, das ist sie selbst, ist ihr tiefster Grund. Dieser Friede gibt ihr die Gewissheit, in aller Not der Seele und des Leibes nicht verloren zu sein. Er gibt ihr die Kraft, zu kämpfen und sich nicht verloren zu geben. Voraussetzung dafür ist freilich, vollkommen auf Gottes Willen ausgerichtet zu sein und ihm nichts zu verweigern. Mit dieser Einsicht schließt sich Therese an die große mystische Tradition an, die bis auf Origenes zurückgeht.“ Diese Einwohnung Gottes in ihrem Herzen, die dem Menschen fühlbar wird „als reines Bewusstsein seiner selbst in Beziehung zu Gott“, schenkt Theresia „reinen Frieden, während sich alles andere in ihr in Aufruhr befindet“.

Die Entwicklung Theresias von Lisieux zu dieser „Mystik der Beziehung“, ihr Glaubensweg mit Gott, ist der Leitfaden in Wollbolds Buch. Für sein neues Werk ist kennzeichnend, dass weniger über Theresia gesprochen wird, als dass der Verfasser sie selbst zu Wort kommen lässt. Andreas Wollbold führt natürlich zunächst in ihr Leben ein und setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit diese Kirchenlehrerin als Mystikerin bezeichnet werden kann. Im letztgenannten Abschnitt ist seine geistliche Kontextualisierung der heiligen Theresia sehr bedeutsam und instruktiv, die mit großer Präzision die Inspirationsquellen dieser Heiligen benennt. Sie schöpfte aus der Heiligen Schrift, war mit dem Katechismus und dem Messbuch der Kirche vertraut und lebte aus der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen, so dass sie lange Passagen aus letztem auswendig wusste.

Eine wichtige spirituelle Leitfigur war für Theresia der heilige Franz von Sales, prägend auch der Geist des Karmels, bedeutsam nicht zuletzt die heilige Theresia von Avila und der heilige Johannes vom Kreuz. Wichtig aber sind auch zwei geistliche beziehungsweise geistig-soziale Entwicklungen, die im Frankreich des 19. Jahrhunderts manifest wurden, und in die Theresia Martin sich hineingestellt sah: Zum einen war dies die endgültige Überwindung des Jansenismus, der den strengen furchtbaren Gott betont hatte; nunmehr wurde, unter anderem durch das Aufleben der Herz-Jesu-Frömmigkeit aufgrund der Offenbarung Jesu an Margaretha Maria Alacoque (dieser Zusammenhang fehlt in Wollbolds Darstellung), mehr und mehr der „Gott der Liebe“ (Cholvy) entdeckt. Zum anderen war die Zeit Theresias gesellschaftlich von dem scharfen Gegensatz zwischen katholischer Religion und Laizismus bestimmt. Auch dieses letztgenannte Zeitkolorit hatte auf die Karmeliterin von Lisieux und ihre Frömmigkeit gewisse Auswirkungen.

All das ist wichtig, um die Texte Theresias zu verstehen, die Wollbold dann mit intimer Kenntnis des Corpus Theresianum ausgewählt hat, um Theresias Glaubensweg darzustellen. In ihnen liegt der inhaltliche Schwerpunkt des hier zu rezensierenden Buches. Wollbold führt jeweils einfühlsam in die zu bestimmten Kapiteln zusammengestellten Texte ein, wie er auch überhaupt vor dem Hauptteil des Buches Erklärendes zur Textauswahl zusammenfasst. Die Kapitelüberschriften des Hauptteils zeigen an, welcher Art die einzelnen Theresienzeugnisse sind: „Höhepunkte und dunkle Nächte“ so heißt die erste. Hier geht es unter anderem um die Weihe Theresias an die Barmherzige Liebe Gottes, die ein inniges Zueinander und Miteinander von Gott und Mensch anzielt – und ebenso um die ganz andere Erfahrung der Glaubensnacht, die Theresia an der Existenz Gottes fast irre macht. Unter den „Schlüsselerfahrungen“ Theresias sind dann in einem weiteren Kapitel zum Beispiel die Weihnachtsgnade von 1886 angesprochen, die ihr das Erwachsenwerden schenkte, die wichtige Papstaudienz bei Leo XIII. im Jahr darauf und die Erfahrung schwerer Krankheit. In weiteren Kapiteln kommen „Mystische Ahnungen und geistliche Erfahrungen“ Theresias zur Darstellung, zum Beispiel ihre Vision des Vaters mit dem verschleierten Haupt und die sicher außergewöhnliche mystische Gnade, die ihr einst beim Gebet des Kreuzweges zuteil wurde. Die „Trockenheit“ ist nicht ausgespart, ebensowenig wie die Hineinvertiefung der Karmelitin in das Lebensgeheimnis Jesu, „Zeugnisse einer großen Liebe“, „Kleiner Weg“, und – immer letzter Erweis echter Mystik – „Bewährung am Nächsten“.

Der Theresien-Kenner Wollbold wird mit seinem kostbaren Buch über Theresia von Lisieux die Liebe vieler zu dieser so sympathischen Heiligen und ihr Verständnis für das geistliche Profil der Karmelitin aus der Normandie entscheidend stärken. Ein Theresien-Lesebuch ganz besonderer Art liegt hier vor uns, bei dem Wollbold als berufener Deuter theresianischer Schwerpunkte und Impulse in gelungener Weise die Aufgabe des geistlichen Cicerone übernimmt. Das Werk ist in die Hand jedes aufgeweckten, interessierten Christen zu wünschen. Es ist bestens lesbar und dazu angetan, nicht bei der Darstellung einer Heiligengestalt aus dem 19. Jahrhundert zu verbleiben. Und es könnte das eintreten, was Theresia selbst sich immer gewünscht hat – dass man nicht bei der Bewunderung der Heiligen stehenbleibt, sondern dass Verehrung zur Nachahmung wird. „Mystik“ bleibt ein großes Wort, und nicht jeder ist dazu berufen. Aber reinen Frieden im Aufruhr des Lebens zu empfinden – wenn vielleicht auch auf einer anderen Ebene als Theresia von Lisieux – ist die Sehnsucht so vieler, im letzten die Sehnsucht einer ganzen Welt.

Verschiedene Wünsche richten sich an Andreas Wollbold für die bald zu erhoffende zweite Auflage seines Werkes: Zwei Berichtigungen sind nötig: Theresias leibliche Schwestern Marie und Pauline besuchten das Pensionat der Heimsuchungsschwestern in Le Mans, nicht in Caen. In Le Mans war deren Tante, Schwester Marie-Dosithée Guérin, die Schwester ihrer Mutter, Visitandin. Und es erschließt sich bei der Lektüre nicht ohne Weiteres, was Theresia mit dem „Aufbruch eines sozialen Laienkatholizismus“ im 19. Jahrhundert in Frankreich zu tun haben soll. Louis Martin, ihren Vater, der in Alençon dem „Cercle catholique“ angehörte und in Lisieux in der Vinzenzkonferenz mittat, könnte man wohl in dessen Nähe rücken. Aber Theresia? Sie lernte im Elternhaus soziales Verhalten, Respekt vor und Liebe zu den Armen, doch das unterschied sich nicht von dem, was entschieden-christliche Elternhäuser ihren Kindern auch schon in den 19 Jahrhunderten zuvor mitgaben. Doch vielleicht hat Wollbold hier Erkenntnisse, die der Allgemeinheit noch nicht geläufig sind. So ergibt sich hier die Bitte um eine Präzisierung.

Andreas Wollbold: Die Mystikerin Therese von Lisieux. Textauswahl und Kommentar von Andreas Wollbold. marixverlag, Wiesbaden 2016, ISBN: 978-3-7374-1013-7, 189 Seiten, EUR 10,–