Fernab der windstillen Winkel der Geschichte

Die Festschrift für den Kölner Oberhirten legt den Schwerpunkt auf die praktische und systematische Theologie

Wenn am Hochfest der Geburt des Herrn ein Kind geboren wird, mag das an sich schon etwas Besonderes sein. Wenn ein solches Weihnachtskind dann aber eines Tages genau dort Erzbischof wird, wo die Gebeine der drei Weisen aus dem Morgenland verehrt werden, gewinnt das Wort von der Vorsehung Gottes eine plastische Bedeutung. Von Joachim Meisner ist hier die Rede, der am 25. Dezember 1933 in Breslau-Lissau das Licht erblickte und heute auf der „Kathedra“, dem Lehrstuhl im Hohen Dom zu Köln residiert.

Gehorsam und Leidensfähigkeit

Doch wie viel Gehorsam und Leidensfähigkeit braucht man, um tatsächlich der Vorsehung Gottes zu folgen. Das wird am Lebenslauf Kardinal Meisners deutlich, der oft genug den „Buckel hinhalten“ musste. Papst Benedikt XVI. schreibt in dieser Festschrift in seinem überaus herzlich und persönlich gehaltenen Grußwort an den Jubilar: „Dabei hast Du wahrhaft nicht in einem windstillen Winkel der Geschichte leben können, sondern bist von frühester Jugend an und all die Jahre Deines Lebens hindurch in eine Zeit voller Drangsal und Mühen hineingeworfen worden.“ Und der Heilige Vater erinnert an die Nazi-Diktatur ab 1933, den Krieg, den Verlust der Heimat in Schlesien und das Einleben-Müssen in eine fremde Welt in Ostdeutschland (Eichsfeld). Dazu gehörte auch, sich kurz vor dem Weihnachtsfest 1962 (nur ein Jahr nach dem Mauerbau 1961), zum Priester in der damaligen DDR weihen zu lassen.

Als Weihbischof von Erfurt (ab 1975) und als Bischof der Hauptstadt Berlin (ab 1980) war Joachim Meisner oft genug zum Widerspruch aufgerufen. Nicht die „Lust am Widerspruch“ habe ihn getrieben, schreibt Papst Benedikt, sondern die „tiefe und freudige Verwurzelung im Glauben, als der innersten Heimat Deiner ganzen Existenz“. In der Tat: Für diesen Lebensweg brauchte der Jubilar von heute eine „Spes nostra firma“, eine Hoffnung, die fest steht, wie es in 2 Kor 1, 7 und im Wappenspruch des Erzbischofs heißt.

Als schließlich Joachim Meisner 1988, wieder kurz vor Weihnachten und ein Jahr vor dem Fall der Mauer, von Papst Johannes Paul II. „in visionärer Weitsicht“ zum Erzbischof von Köln ernannt wurde, waren die „Anfänge nicht leicht“, wie sich der Heilige Vater erinnert. Aber die Tür zwischen Ost und West sollte sich auf diese Weise und auf der Basis des Glaubens öffnen. Die Kölner haben Zeit gebraucht, um sich an den neuen Mann aus dem Osten zu gewöhnen. Offensichtlich hat man sich aber doch einander angenähert; denn seit Januar 2007 zelebriert der Erzbischof „zur großen Freude der Kölner Karnevalisten“ ein Pontifikalamt zum Beginn der aktiven Karnevalszeit im Dom.

An der Gregoriana promoviert

Dass Festschriften zu einem Jubiläumsgeburtstag eines so prominenten Jubilars erscheinen, wird allgemein erwartet; damit wollte man sich aber in Köln nicht begnügen, sondern entwickelte eine interessante und überraschende Idee. In der vorliegenden Festschrift sollten nur diejenigen zu Wort kommen, deren akademische Forschungsarbeiten vom Jubilar besonders gefördert worden sind. Da der Kardinal selbst 1969 an der Gregoriana in Rom mit einem kirchengeschichtlichen Thema promoviert wurde, war es ihm auch in seiner Kölner Zeit ein inneres Anliegen, eine Reihe von Priestern für eine Dissertation oder Habilitation freizustellen. Aus diesem Kreis ist die vorliegende Festschrift entstanden.

Dieser Autorenkreis macht in all seiner Vielschichtigkeit den Reiz und natürlich auch die Begrenztheit dieser Geburtstagsgabe aus. Die 24 wissenschaftlichen Beiträge stammen von Priestern, die in der Regel aus der Praxis für die Praxis schreiben. Die weitaus meisten Aufsätze stammen dabei aus dem Bereich der systematischen und praktischen Theologie. Beiträge aus dem Bereich der historischen Theologie im engeren Sinne fehlen fast ganz. Das wird der Jubilar vielleicht etwas vermissen, hat man in der Regel doch für das Fach, in dem man selbst eine Dissertation geschrieben hat, stets ein besonderes Interesse. Und Geschichten aus der Geschichte erzählt der Jubilar nun einmal sehr gerne und gut, wovon man sich leicht bei jeder persönlichen Begegnung oder einer Predigt überzeugen kann.

Der Leser stößt in der Festschrift auf so interessante Artikel wie den von Bernd Lutz über eine notwendige Reform der Gemeindekatechese oder den von Stefan Heße über die „mariologischen Leitlinien im Werk von Hans Urs von Balthasar“, was dem Marienverehrer Meisner sehr gefallen dürfte. Oder die ökumenischen Einsichten von Dominik Schultheis „Wo ist Kirche?“, zur erneuten Diskussion über das „subsistit in“.

Wer richtig neugierig ist und den Kardinal einmal von der persönlichen Seite kennenlernen will, der wird gleich am Anfang der Festschrift unter der Überschrift

Vier Rosenkränze täglich

„Wer ist Kardinal Meisner?“ im Artikel von Dominik Schwaderlapp schnell fündig. Verfasst vom heutigen Generalvikar des Erzbistums und dem langjährigen persönlichen Sekretär. Was Schwaderlapp beispielsweise über das Gebetsleben des Kardinals berichtet, ist schlicht, ergreifend und ein Vorbild. Denn warum sollten wir Laien uns nicht auch die Zeit nehmen, einmal alle vier Rosenkränze an einem Tag zu beten, so wie dies dem so viel beschäftigten Jubilar fast täglich gelingt?