Facetten des Eingreifens Gottes

Anlässlich des Fatima-Jubiläums stand die traditionsreiche Sommerakademie in Aigen heuer im Zeichen der anerkannten Marienerscheinungen. Von Ignaz Steinwender

Fatima Sanctuary pilgrimage
epa03823196 The statue of Our Lady of Fatima is carried during Goodbye Procession on celebration of the anniversary of the apparition of Our Lady of Fatima to three shepherd children on 13 August 1917 and the pilgrimage of the migrant, at Fatima Sanctuary, Portugal, 13 August 201... Foto: Paulo Cunha (LUSA)

Aigen (DT) Zum 29. Mal trafen sich in dieser Woche im oberösterreichischen Aigen im Mühlviertel Laien und Priester zur Internationalen Theologischen Sommerakademie. Im Mittelpunkt der Ausführungen und Diskussionen, aber auch von Gebet und Liturgie stand „100 Jahre Fatima: Der theologische Gehalt der Botschaften anerkannter Marienerscheinungen“. Die Referenten gingen an das Thema mit unterschiedlichen Fragestellungen heran, beleuchteten einzelne Erscheinungen und ihre Aussagen, die Genesis der Anerkennung von Erscheinungen, die Kriterien zur Beurteilung sowie die Stellung Marias in der Heilsökonomie.

Die nähere Betrachtung von Erscheinungen wie Guadalupe, La Salette, Knock, Lourdes und Fatima zeigte Facetten des Eingreifens Gottes in die Geschichte. Der Historiker und Publizist Michael Hesemann brachte das 1531 im Mexiko geschehene „Wunder von Guadalupe“ nahe. Er bezeichnete es als das größte, wirkungsvollste Eingreifen Gottes in die Geschichte seit der Zeit der Apostel und als ersten Eingriff Gottes in die Geschichte Amerikas. Guadalupe sei noch vor Rom mit jährlich 20 Millionen Besuchern das meistbesuchte Heiligtum der Welt. Hesemann schilderte die Praxis der Azteken mit massenhaften Menschenopfern bei Kulten und führte aus, dass im Jahr 1536 fünf Millionen Indios getauft waren, 1537 waren es acht Millionen.

Während sich in Europa zu dieser Zeit durch die Reformation Millionen Menschen vom katholischen Glauben entfernten und dem sakramentalen Leben großteils entfremdet wurden, begann durch das Eingreifen Gottes in Guadalupe die Evangelisierung Amerikas. Hesemann legte den wissenschaftlichen Stand der Untersuchungen des Gnadenbildes, sein Entstehen und viele Unerklärbarkeiten, die das Wunder beweisen, dar. So seien zwei 1786 gemalte Kopien durch die säurehaltige Luft bereits nach sieben Jahren „abgeblättert“, während das Original seit 480 Jahren nicht den geringsten Verfall aufweise. Das Bild habe immer die gleiche Temperatur und zeige eine Frau, die im 8. Monat schwanger sei. Als es am 24. April 2007 eine politische Abtreibungsdiskussion in Mexiko gab, habe sich über dem Leib der Gottesmutter von Guadalupe, die in Amerika Patronin der Ungeborenen ist, ein mystisches Licht wie ein Embryo gezeigt.

Nicht minder interessant waren die Ausführungen des in Heiligkreuz lehrenden Zisterziensers Wolfgang Buchmüller über die 1846 begonnenen Erscheinungen von La Salette an die Kinder Maximin und Melanie mit ihrer Bedeutung für Frankreich und darüber hinaus für die Kirche.

Der christlichen Hoffnung gehört das letzte Wort

Das Ringen um die Anerkennung der Erscheinungen, der Versuch der Abschwächung und Manipulation und die konkreten Hinweise im Hinblick auf den Mord am Pariser Erzbischof, auf die Politik Napoleons III., die Situation von Papst Pius IX. sowie in die spätere Zukunft weisende Angaben wurden durch Botschaften von La Salette berührt.

Pater Buchmüller erwähnte einige Botschaften und Vorhersagen, die in Erfüllung gegangen sind und schloss mit dem Hinweis, dass der christlichen Hoffnung das letzte Wort gehöre. „Die Kinder der Kirche werden in der Liebe Gottes und in den Tugenden wachsen, besonders in der Demut.“

Der Mariologe Peter H. Görg brachte dem Auditorium die Himmelsvision „Unsere Liebe Frau von Knock und das Lamm“ nahe. Dieses 1879 geschehene Wunder sei ein großer Trost für das irische Volk in schwieriger Lage gewesen. In Knock sei die Jungfrau einer Gruppe erschienen, ohne bevorzugte Seher und ohne Botschaft: ein visuelles Erlebnis mit dem Sehen der Gottesmutter, des Heiligen Josef, des Apostels Johannes sowie eines Altars mit dem Lamm. Dies habe bis heute große religiöse Wirkmächtigkeit. Knock gehört nach Lourdes und Fatima zu den bedeutendsten anerkannten Wallfahrtsorten.

Abt Maximilian Heim von Stift Heiligenkreuz referierte über die Engelserscheinungen in Fatima 1916. Er schilderte die Seherin Lucia als nüchterne Person im Gebet, in der Arbeit und in der Hingabe, die eine einfache Aufgabe im Kloster bekleidet habe. Die Erscheinungen zeigten, wie wichtig das Gebet Einzelner sei. Heim zitierte Pius XII., der es in der Enzyklika Mystici Corporis als schaudererregendes Geheimnis bezeichnet habe, dass Gott das Heil so vieler Menschen vom Gebet und von der Buße einiger weniger abhängig mache. Abt Maximilian betonte die Bedeutung der Engelserscheinungen, die zu Umkehr, Buße, Ehrfurcht und Glauben führen sollten. Gott habe Kinder als Träger der Botschaft auserwählt und ihnen theologische, nicht kindgerechte Inhalte zugemutet. Darum dürfe Kindern die Erhabenheit und Größe nicht vorenthalten werden. „Wir müssen wieder Kinder werden, um ein wenig die Glaubensgeheimnisse verstehen zu können.“

Johannes Putzinger, langjähriger Präsident des österreichischen Lourdes-Komitees, berichtete, dass in Lourdes 69 Heilungen als wunderbar anerkannt wurden, bei etwa 7 000 Einreichungen. Es würden viel mehr Heilungen geschehen, als offiziell bestätigt werden. Putzinger sagte, die Kranken seien oft die besten Therapeuten, heilsam für Gesunde, weil sie deren Perspektive veränderten. Lourdes sei der einzige Ort der Welt, wo die Kranken und Leidenden „ausgestellt“ würden. Hier könnten sie ihr Leid in die Hand der Mutter Gottes legen.

Pater Johannes Nebel schöpfte aus dem Schatz der Theologie von Leo Scheffczyk, über das Ideal der Wachheit und Wachsamkeit des Geistes, über den Ruf zum Glauben, das Ergreifen des konkreten Inhalts einer Botschaft und den Ruf der Entscheidung. Der Inhalt müsse Priorität vor dem Erlebnis haben. Wer sich Ereignissen verschreibe, müsse immer wieder von Ereignissen genährt werden. Durch die Priorität der Inhalte komme man zur Ruhe einer gereiften Persönlichkeit, so Nebel. Er ging auch auf die Bedeutung der Sühne ein, die als katholisches Profil mitten in der Welt von heute Kern der Botschaft von Fatima sei.

Der in Lugano lehrende Mariologe Manfred Hauke sieht Marias prophetisches Charisma im Zusammenhang mit ihrer Mutterschaft. Hauke unterschied zwischen öffentlicher Offenbarung für die ganze Kirche und Botschaften an bestimmte Personen oder zu bestimmten Situationen, wobei nicht nur ein gradueller, sondern ein wesentlicher Unterschied bestehe. Es gehe bei Privatoffenbarungen nicht um eine neue Glaubenslehre, sondern um die Lenkung der menschlichen Unternehmungen, um prophetische Ereignisse, Inhalte und Zeichen der Zeit besser verstehen zu können. Bei den Ereignissen in Fatima haben die drei Kinder die Gottesmutter gesehen; Francisco sieht, aber ohne zu hören und Lucia spricht auch mit der Gottesmutter. Die anwesenden Gläubigen sehen die Mutter Gottes nicht, nehmen aber andere Zeichen wahr. Gott, so Hauke, könne die Sinne fähig machen, eine sich offenbarende Wirklichkeit zu sehen oder zu hören.

Kriterien für die Unterscheidung

In einem zweiten Vortrag ging Hauke auf Kriterien für die Unterscheidung echter und falscher Erscheinungen ein. Schon im Alten Testament waren das Eintreffen von prophetischen Vorhersagen sowie die Treue zum Willen Gottes wichtige Kriterien. Jesus weise auf die Bedeutung der Fruchtbarkeit hin und Paulus betone die Notwendigkeit der Gabe der Unterscheidung. Positiv seien die Gewissheit über die Wirklichkeit einer Erscheinung, besondere Umstände über die Natur des Geschehens und Eigenschaften des Sehers, die Wahrheit und Irrtumslosigkeit der Botschaft, eine gesunde Verehrung und anhaltende geistliche Früchte. Negative Kriterien seien offensichtlicher Tatsachenirrtum, lehrmäßige Irrtümer, öffentliches Gewinnstreben, unmoralische Handlungen zur Zeit oder anlässlich des Geschehens sowie psychische Erkrankungen oder psychopathische Tendenzen eines Sehers.

Die Sommerakademie wurde begleitet durch das Rosenkranzgebet und die tägliche Messfeier. Am Montag feierte der Lemberger Erzbischof und frühere Papstsekretär Mieczyslaw Mokrzycki die Messe, wobei er in der Predigt zu selbstlosem Einsatz und zur Hingabe an die Menschen ermutigte. Am Dienstag stellte Sankt Pöltens Bischof Klaus Küng den Tagungsteilnehmern das Beispiel Johannes des Täufers vor Augen. Ein spiritueller Höhepunkt war eine Andacht mit Weihe an das unbefleckte Herz Mariens. Mit diesem feierlichen Akt machten die Teilnehmer deutlich, dass die Botschaften der Marienerscheinungen ernst zu nehmen sind, dass es heilsam und segenbringend ist, die Mittel anzuwenden, die Gott durch Maria empfiehlt.