Exponent einer vergangenen Zeit

Der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini hat eine aufschlussreiche Autobiographie vorgelegt

25 Jahre sind seit seiner Erhebung zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. vergangen: 1983 trat einer der bis heute bekanntesten Purpurträger in das Kollegium der Kardinäle ein, Carlo Maria Martini, viele Jahre Erzbischof von Mailand, der größten Diözese der katholischen Weltkirche. Zuletzt wurde sein Name häufiger im Zusammenhang mit Konklavespekulationen nach dem Tod des Wojtyla-Papstes 2005 genannt. Ansonsten ist es um Kardinal Martini ein wenig ruhiger geworden, seitdem er 2002 auf seine Erzdiözese verzichtete und sich nach Jerusalem zurückgezogen hat. Doch sorgen seine Publikationen weiter für Aufmerksamkeit.

Martinis jüngst erschienene kleine Autobiographie ist ein überaus aufschlussreiches Büchlein. Es ist zum einen in schlichtem, edlem Stil geschrieben. Man kann das Werk in einem Zug durchlesen. Zum anderen gewährt es bemerkenswerte Einblicke in die Persönlichkeit des Kardinals. Es gibt so zum Beispiel bewegendes Zeugnis von der leidenschaftlichen Liebe Martinis zur Heiligen Schrift. Er durchkämmt als Junge von elf oder zwölf Jahren die Bibliotheken seiner Vaterstadt Turin mühevoll nach einer italienischen Vollbibel und sucht so in der Stille nach göttlicher Wahrheit, während draußen die laute und leere Lügenpropaganda des Faschismus aus allen Lautsprechern dröhnt. „Immer mehr verliebte ich mich in die Heilige Schrift“, schreibt der Kardinal (S. 19).

Liebe zur Heiligen Schrift und zum Heiligen Land

Nach manchen Forschungen und gedanklichem Ringen wird ihm im Lauf der Zeit die Gewissheit: „Wenn man sich ... an die Texte, an die Dokumente hält, muss man zwangsläufig die substanzielle geschichtliche Wahrheit der Evangelien anerkennen“ (S. 20). Die Liebe des Purpurträgers gilt aber nicht nur der Heiligen Schrift, sondern auch dem Heiligen Land. Als junger Priester befand er sich auf einer zunächst archäologisch akzentuierten Israelreise, als er, dort in Lebensgefahr durch einen Erdrutsch geraten, plötzlich Frieden in dem Gedanken fand: „Wie schön ist es, hier im Heiligen Land zu sterben!“ (S. 38). In der inneren Ruhe des so erfahrenen Friedens gelingt Martini die Rettung. Dieses gleichsam geistliche Erlebnis führt zu der Einsicht: „Das [Israel] ist mein Land!“ (ibid.), zu jener innigen Verbundenheit, die ihn dazu motivierte, seinen heutigen Lebensabend hauptsächlich in Jerusalem zu verbringen, in jener Stadt, die er nicht nur als Stadt voller Konflikte, sondern vor allem als Stadt des Gebetes, des Dialogs und der Liebe kennt. „Diese Stadt“, so formuliert der Kardinal, „ist der Traum meines ganzen Lebens gewesen“ (S. 5). Sehr anziehend tritt in dem Lebensbericht Martinis auch seine persönliche Redlichkeit und Einfachheit zutage, die sich – gemäß der liebenswürdigen Erzählweise älterer Herren – durchaus mit dem spürbaren Bewusstsein vom Wert der eigenen Leistung paart.

Erhellend ist Martinis Autobiographie aber auch in anderer Beziehung. Der Kardinal schreibt über die Zeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, die von „extremer Armut“, aber auch von „großem Enthusiasmus“ gekennzeichnet war: „Man wollte etwas tun, Neues auf die Beine stellen und organisieren. Es war ein gänzlich ungewöhnlicher Moment, der in der Geschichte der Zivilgesellschaft schwerlich seinesgleichen findet“. Und dann schließt er an: „In der Kirche habe ich etwas Ähnliches einige Jahre später im Zweiten Vatikanischen Konzil erlebt“ (S. 34).

Hier wird Lesern, die keine Zeitzeugen waren, deutlich, wie sehr, verkürzt gesagt, der „Konzilsoptimismus“ offenbar auch ein Kind des „Wirtschaftswunderoptimismus“ gewesen ist. Diese Einsicht spricht nicht gegen das Konzil; es wird nur klar, in welchem Maße der Heilige Geist durch innerweltliche Entwicklungen wirkt.

Das Buch verdeutlicht, dass Kardinal Martini von seiner Prägung und Ausrichtung her heute als Exponent einer vergangenen Zeit gesehen werden muss. Er gehört zu denen, die die Vorkonzilsepoche in manchem als bedrückend erlebt haben. Als junger Jesuitenfrater fand er sich Ende der vierziger Jahre „,eingesperrt‘ ins Studium der scholastischen Philosophie ... Ehrlich gesagt waren die drei Jahre der theoretischen Vertiefung in die neuscholastische Philosophie des beginnenden 20. Jahrhunderts für mich wenig dienlich; die angesprochenen Probleme waren interessant, aber weit weg von den Fragen der Zeit“ (S. 34).

Wohl schon zuvor hatte Martini historisch-kritische Werke zur Bibel den apologetischen vorgezogen: Er „muss gestehen, dass die Bücher zur Verteidigung der Wahrheit der Evangelien mich nicht befriedigten. Ich fand sie ein wenig altbacken. Anziehender waren die anderen, die kritischen, die beispielsweise die geschichtliche Gestalt Jesu in Frage stellten; in denen war Begeisterung zu verspüren“ (S. 19). Die heutige Generation junger Theologen, aufgewachsen in einer Atmosphäre, die den Eindruck vermittelte, dass in Dogmatik, Moral und Liturgie alles mehr oder weniger in Fluss sei, setzt – bei aller Rezeption des Zweiten Vatikanums – verstärkt auf eine (durchaus auch offensive!) Verteidigung der (von Martini natürlich nicht geleugneten) Unaufgebbarkeiten des Glaubens als auf jene Phänomene, die sich als Aufbrüche geben, leicht jedoch zu „Abbrüchen“ geraten. Wirkliches Befremden stellt sich schließlich bei Martinis Büchlein an einer anderen Stelle ein:

Von den Exegeten aller Konfessionen heißt es zunächst, dass es angesichts des biblischen Textes „keine großen Grunddifferenzen“ mehr gibt. Diese Feststellung liest man bereits mit einem gewissen Erstaunen. Doch was dann folgt, ist stark: Der frühere Mailänder Kardinal nennt Rudolf Bultmann „einen der größten Exegeten des 20. Jahrhunderts“ (S. 74). Dabei hat sich die Bultmannsche „Entmythologisierung“ keineswegs als glaubensfördernd, sondern eher im gegenteiligen Sinn ausgewirkt. Der Rezensent vermag hier Martinis Beurteilung schlicht nicht nachzuvollziehen. Daran ändert auch der Hinweis des bischöflichen Autors auf Bultmanns persönliche Frömmigkeit nicht.

Auch wenn die Lektüre gemischte Gefühle im Leser weckt, ist das Buch von Kardinal Martini durchaus zu empfehlen. Der frühere Mailänder Erzbischof, mag man ihm auch kirchenpolitisch und theologisch nicht in allem folgen, hat Gutes bewirkt, nicht zuletzt, weil viele Menschen, insbesondere Jugendliche seiner früheren Diözese, auf seine Anregung hin die Heilige Schrift neu in die Hand nahmen.

Vorbildliches Vertrauen in Gottes Wort

Die von Martini empfohlene dreistufige Schriftbetrachtung nach der Methode seines heiligen Ordensvaters Ignatius (lectio, meditatio, contemplatio) ist hierbei eine taugliche Hilfe. Anrührend und vorbildhaft erscheint Martinis Vertrauen auf Gottes Wort, das für ihn wirklich lebendig ist. So beschreibt er seine innere Verfassung vor der Übernahme des Mailänder Erzstuhls wie folgt: „Ich glaubte fest daran, dass auf irgendeine Weise das Wort Gottes mir schon helfen würde; es würde zu mir sprechen und mich verstehen lassen, was ich sagen soll“ (S. 54). Hier erreicht Martinis kleine Autobiographie durchaus die erbauliche Höhe seiner sonstigen, geistlichen Schriften, die der Heilige Vater im Jahre 2006 in einem Gespräch mit jungen Menschen auf dem Petersplatz mit besonderem Lob bedachte.